Kundalini-Yoga (Langfassung)

Begegnung mit Yogi Guru Dev Singh

Bloß nicht denken!

Wo trifft man einen Weltklasse-Yogi namens Guru, der Hollywood-Stars unterweist? In einem ganz normalen Yoga-Zentrum in Darmstadt. //Text Martin Fütterer, Fotos Claudia Trunk

-> Originalfassung aus der S&K

Das Hotel Maritim in Darmstadt ist bei allem Protz auf subtile Weise ungepflegt und abgenutzt. Sat Want Kaur aus Hamburg, mit bürgerlichem Namen Hanka Schuldt, erscheint in indischer Kleidung und mit Turban. Sie macht die Öffentlichkeitsarbeit für die Firma Golden Temple (Yogi Tee) und für Sat Nam Rasayan, eine Yoga-, Meditations- und Heilkunst aus Indien, auch als Kundalini-Yoga bekannt. Ihr indisches Outfit ist Berufsbekleidung für beides – und vermutlich trägt sie sie auch privat.

Sat Want Kaur hat uns eingeladen, Guru Dev Singh kennen zu lernen, ihren Yoga- und Meditations-Meister. Er ist nach Deutschland gekommen, um einen Workshop in Sat Nam Rasayan zu geben. Vorher haben wir zwei Stunden Zeit für eine persönliche Heilbehandlung und ein Gespräch mit dem Meister. Im sechsten Stock betreten wir die Suite 626. Guru Dev sieht unzweifelhaft indisch aus: Dunkelhäutig, barfuß, weißgewandet, Rauschebart und Turban. Nichtsdestotrotz ist er Mexikaner, lebt in Rom und ist beständig zwischen allen Kontinenten unterwegs.

Was genau ist denn ein Guru? Er jedenfalls sei keiner, antwortet Guru Dev Singh. „Guru ist nur ein Teil meines spirituellen Namens und bedeutet 'vom Dunklen ins Licht'. Ich bezeichne mich als Yogi und Heiler.“ In der Tradition der indischen Sikhs, der auch Sat Nam Rasayan entstammt, ist man ganz von dem Titel Guru abgekommen. Der Titel hat Menschen zu oft verleitet, die Person zu verherrlichen, statt sich mit der Botschaft zu beschäftigen.

Praxisversuch am eigenen Leib

„Ich fange mit ihr an“, erklärt der Meister und zeigt auf Claudia, unsere Bildredakteurin, die mich als Fotografin begleitet. Das kommt unerwartet – aber das Mindeste, was man von einem solchen Mann erwarten kann, ist schließlich das Unerwartete. Claudia legt sich auf den Boden und Guru Dev berührt leicht ein Bein und einen Arm. „Die Energie der Gebärmutter ist gestaut“, erklärt er zu Claudias Überraschung. Aber ein leichter Druck auf ihren Bauch überzeugt sie von der Richtigkeit der Diagnose – es tut ganz schön weh. „Und die linke Niere ist etwas schwach.“ Das wiederum ist für Claudia eine bekannte Tatsache. „Du bist eine sehr kreative Persönlichkeit, aber diese Schwäche nimmt dir immer wieder die Energie.“ Guru Dev vertieft sich in Meditation und auch Claudia versinkt irgendwo, Minuten verstreichen in Schweigen. Als beide die Augen aufschlagen, ist der Schmerz im Bauch deutlich geringer und Claudia fühlt sich bedeutend wohler.

Die Erklärung: „Es passiert dir immer wieder, dass du in Verwirrung gerätst.“ Das ist gemäß der Lehre von Dev Singh notwendig und begrüßenswert, ein Schritt zu neuen Erkenntnissen. Aber wer verwirrt ist, sucht nach alten Sicherheiten und hält sich daran fest. „Das kostet dich viel Kraft. Du solltest lernen, die Verwirrung zu begrüßen und zu genießen. Sie wird dich weiter bringen.“

Auf solch allgemeine Ratschläge beschränkt sich der Lehrer nicht. Er zeigt Claudia zwei Yoga-Übungen und Mantras, die dazu gesprochen werden. Eine soll sie befähigen, im Alltag funktions- und entscheidungsfähig auch dann zu sein, wenn grundsätzlichere Themen sie in Verwirrung stürzen. Diese Übung empfiehlt er für 90 bis 120 Tage. Die andere Übung ist eine Empfehlung fürs Leben. „Sie wird dir Kraft geben, dir helfen, dich zu entwickeln. Diese Übung gehört zu dir, das ist einfach DIE Übung für dich. – Und du wirst dich immer an mich erinnern!“ Er lacht.

Geblockte Energie kostet zu viel Kraft

Dann bin ich an der Reihe. Ich lege mich hin, schließe die Augen und lasse mich treiben. Eine ganze Weile tut sich nichts, aber dann wird es um mich hell und weit. „Puh, es ist ein bisschen besser geworden, aber dafür musste ich hart arbeiten!“, ächzt Guru Dev. „Du bist an sich sehr gesund, aber die Energie fließt nicht. Du hast jede Menge Energie, aber sie darf sich nicht manifestieren. Das Zurückhalten kostet dich manchmal mehr Kraft als du hast.“ Auch ich bekomme zwei Yoga-Übungen, die ich täglich elf Minuten machen soll. Eine vierzig Tage lang und die andere, bis es besser ist.

Anschließend geht es in die Darmstädter Innenstadt zum Workshop. Etwa 20 bis 25 überwiegend hell gewandete Yoga-Schüler erwarten uns im Yogazentrum. Eine elfminütige Yoga-Übung mit Mantra-Rezitation stellt meine Hüftbeuger auf eine harte Probe, da ich weder Schneidersitz noch Yogasitz gewohnt bin und mir auf den Knien die Beine einschlafen. Die Yogaübungen des heutigen Tages bestehen im Wesentlichen darin, eine bestimmte Haltung einzunehmen und darin entweder zu verharren oder relativ kleine Bewegungen auszuführen, zum Beispiel die Hände zu drehen. Ich versuche, elf Minuten die Hände gespreizt vor der Brust zu halten. Wer da nicht schwitzt, ist topfit. Sat Nam Rasayan steht in der Tradition des Kundalini-Yoga, die Unterschiede zu dem eher gymnastischen Hatha-Yoga sind beträchtlich.

Zurück zur Theorie: „Nicht das Leiden an sich ist das Problem“, sagt Guru Dev, „sondern die Ablenkung, die es produzieren kann.“ Ich verstehe das so: Menschen benutzen Leiden, um sich von ihrer eigentlichen Aufgabe abzulenken – die Welt zu entdecken und Erfahrungen zu machen. Alles, was uns vereinnahmt, ist Ablenkung. Das kann Leiden sein, die Jagd nach Macht, Reichtum, Ruhm, Sex, Genusssucht, Sorge, Angst, Überzeugungen, jede Art Fixierung, auch in kleinen Dingen. Heilen bedeutet demnach nicht, Leiden zu eliminieren, sondern die Vereinnahmung, die Ablenkung aufzulösen.

Zehn Jahre Lernen ohne Worte

Trotzdem gibt es ein grundlegendes Problem mit der abstrakten Begrifflichkeit. Guru Dev sagt halb ernst, halb im Scherz: „Alles, was man über Sat Nam Rasayan in Worte fasst, ist Unsinn. Je weniger man darüber redet, desto weniger Zeit verschwendet man.“ Er selbst hat Sat Nam Rasayan von seinem indischen spirituellen Lehrer Yogi Bhajan ohne Worte gelernt. Zehn Jahre hat er dazu gebraucht. Bis dahin war das das einzige Lehrverfahren. Als Guru Dev selbst Meister wurde, stellte ihm Yogi Bhajan eine völlig neue und unerhörte Aufgabe: Er sollte der Erste sein, der Sat Nam Rasayan mit Worten lehre – den Erfordernissen westlicher Menschen entsprechend. Ein offensichtlich schwieriger Auftrag. Sein Problem teilt er allerdings mit allen spirituellen und religiösen Lehrern: Worte sind in diesen Belangen nur eine Spur, der die Suche nach der eigenen Erkenntnis folgen kann.

Einfacher, aber umso bemerkenswerter erscheint die Praxis: Der Heiler berührt den Patienten mit den Händen. Er achtet auf die Empfindungen an sich selbst, zum Beispiel die Haut an beiden Armen. Wenn diese Empfindungen unangenehm oder am linken Arm anders sind als rechts, gleicht er diese Empfindungen an sich selbst aus, so dass sie angenehm und symmetrisch werden. Wenn alles klappt, verspürt der Patient Erleichterung. Der Heiler wird dabei seine Aufmerksamkeit nacheinander auf verschiedene Körperregionen des Patienten richten, ihn sozusagen durchscannen. Und immer darauf achten, was er dabei an sich selbst empfindet. Der Heiler fühlt also nur sich selbst – in Beziehung zum Patienten – und gleicht eigene Empfindungen in Beziehung zum Patienten aus. Ein gewaltiger Unterschied zur Schulmedizin, aber auch zu vielen esoterischen Heilweisen, bei denen der Heiler direkt am Patienten manipuliert oder zu manipulieren glaubt. Die Auswirkungen einer solchen Sichtweise reichen weit über den medizinischen Bereich hinaus. Ehepartner, die sich nicht gegenseitig zu ändern suchen, sondern an ihrer eigenen Reaktion auf den anderen arbeiten. Eltern, die vorleben statt vorlabern. Zu schön, um wahr zu sein?

Kontemplation kann man üben

Voraussetzung für die Heiltechnik ist ein meditativer Zustand, ein neutraler Bewusstseinsraum, in dem alle Empfindungen eingeschlossen sind und alle gleichzeitig Aufmerksamkeit bekommen. Das nennt man „Kontemplation“. Man kann sie nicht erzwingen, aber üben. Es ist nicht etwas, was man „versteht“, sondern erlebt. Wie wenn das Auto auf einer Eisplatte plötzlich die Haftung verliert und driftet. Das Lenkrad des Verstandes wirkt nicht mehr so wie gewohnt. Rallyefahrer kommen dennoch auf den Punkt genau dahin, wo sie hinwollen, sie fahren sogar auf trockener Straße im Drift. Wer in Meditation geübt ist, gibt gezielt die Haftung des Verstandes auf und driftet dennoch nicht in Träume oder Schlaf ab – was für das Auto der Straßengraben wäre. Er frisst sich auch nicht an kreisenden Gedanken fest wie durchdrehende Räder auf Eis. Stattdessen schweben die Gedanken elegant um die Kurven der spirituellen Erkenntnis.

Den Rest des Tages wird geübt. Zunächst lernen die Schüler, Geräusche zu „kontemplieren“, statt sich von ihnen aus der Meditation reißen zu lassen. Das funktioniert, und wenn es mit Geräuschen möglich ist, dann kann man fast jedes Erlebnis dazu benutzen, in einen anderen, gewünschten Zustand zu kommen. Vielleicht ist das geistiges Yoga, mir kommt es vor wie geistiges Judo: Die Energie der Störung, des Leides und des Schmerzes für die eigenen Ziele nutzen.

Die nächsten Tage sind wir damit beschäftigt, unsere Eindrücke zu sortieren. Wir sind beeindruckt und es war ein tolles Erlebnis mit großem persönlichem Nutzen. Aber es bleiben auch viele Fragen offen. Die Intuition von Guru Dev ist beeindruckend, sein Humor erfrischend und vieles, was er gerade zu uns persönlich sagte, schien den Punkt gut zu treffen. Wenn man genau hinschaute, waren seine Aussagen und Antworten allerdings oft so allgemein formuliert, dass sie wie Projektionsflächen wirkten, auf die man bei gutem Willen seine eigene Bedeutung projizieren konnte. Aber spielt das eine Rolle? Ist es so wichtig, ob der Lehrer DIE Wahrheit verkündet oder jedem dazu verhilft, SEINE Wahrheit zu finden?

Klatsch aus der Heilerszene

Zwei bekannte Heiler hatten sich im Beisein von Guru Dev zerstritten. Sie hatten versucht, gemeinsam denselben Patienten zu heilen und waren sich in ihrer Diagnose äußerst uneins. „Der ist innerlich ganz kalt!“, meinte der eine. „Quatsch, der ist innerlich völlig überhitzt!“, widersprach der andere. „Und was hast du gemacht?“, fragt Sat Want Kaur, atemlos vor Spannung. Guru Dev: „Ich habe dem einen Heiler gesagt, er soll den anderen Heiler heilen!“

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