Missstände Aufdecken

Tierschutz via Weltall

Tierfabriken entwickeln sich unter dem Druck der Globalisierung zu Megaanlagen, in die die Betreiber bis zu 1,2 Millionen Tiere sperren. Spezialisierte Filmer wagen sich in die endlosen Hallen – ausgerüstet mit Satellitenortungsgeräten. // Text: Ralf Bürglin, Fotos: Tierfreunde e.V.

Zwei Uhr nachts, vier Grad, Regen. Zwei Dokumentarfilmer von „Objektiv – das Rechercheteam“, fragen sich, ob sie jemals vier Grad Kälte als so beißend empfunden haben. Sie liegen im Straßengraben einer privaten Zufahrt nähe Dresden. Futtertransporter donnern an ihnen vorbei.

Norbert Zimmer (Name von der Redaktion geändert) fragt sich weiter, warum eigentlich vor einem modernen Hühnerhaltungsbetrieb ein Schild stehen muss: „Vorsicht Seuchengefahr – Betreten verboten“. Sollte das Seuchenrisiko nicht minimal sein? Beiden ist klar, dass man hier vor allem Angst machen will, um Ungebetene abzuhalten.

Die Männer witzeln weiter über diese Art der Volksverdummung. Ein bisschen Humor schadet nicht, finden sie, wenn man schon den Fernsehsessel mit einem Straßengraben tauscht. Das Zweierteam wartet darauf, dass die LKW-Fahrer vor Gebäude III ihre Arbeit beenden. Mit einem Nachtsichtgerät kontrollieren sie den unbeleuchteten Hinterausgang, ob sich etwa bei den Abfall-Containern noch Personen aufhalten. In anderen Bereichen der Anlage wird durchaus noch gearbeitet. Das Ei aus industrieller Produktion steht nie still.

So, nun geht es aber los. Die Filmer schleichen sich von hinten an die Anlage heran. Bevor sie jedoch das Gebäude betreten, halten sie kurz an und ziehen sich Schutzanzüge über. Die Lüftungsklappen stehen offen. Da müssen sie hindurch.

Drinnen stinkt es nach Ammoniak. Die Schritte der Männer wirbeln Milbendurchsetzten Staub auf. Sie streifen sich deshalb nun auch noch Atemmasken über und beginnen endlich mit Film- und Fotokameras die Zustände in der Legebatterie zu dokumentieren.

Allein in diesem Trakt der Anlage sind 100.000 Lebewesen in Drahtgitterkäfige gestopft. Zum Teil hocken sie auf den verwesten Kadavern ihrer toten Schwestern, die dieses Martyrium bereits vor dem Schlachthof mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Die Ausflüchte der Unternehmer

„Ja, ja, schon schlimm“, meinten die Betreiber der Tierfabriken immer wieder, wenn man ihnen solche Bilder vorhielt. „Aber diese Szenen sind nicht bei uns aufgenommen.“ Tierschützer Zimmer hat erst mal eine Menge Lehrgeld zahlen müssen: Mit den gefilmten Missständen allein, konnte er sich gegen die Betreiber nicht durchsetzen.

Um Lügnern etwas entgegnen zu können, ging er dazu über, die Kameras „durchlaufen zu lassen“. So ist für Beweiszwecke genau nachvollziehbar, von wo der Kameramann kommt, durch welche Tür er einen Raum betritt, um dann – ohne Filmschnitt – genau an den Ort des Missstands zu führen.

Um Abwiegler zu überführen, behilft sich Norbert Zimmer auch mit dem Tageszeitungstrick: Eine aktuelle Ausgabe hält er ins Bild, wenn belegt werden muss, dass ein bestimmter Missstand nicht vor dem aufgedruckten Erscheinungsdatum gefilmt wurde. So hat der Betreiber keine Chance sich herauszureden, der Missstand sei nicht aktuell und längst behoben. Doch im Zeitalter von Millionen-Hennen-Betrieben reichen solche Tricks allein nicht mehr aus, um Tierquäler zu überführen. Da müssen die Tierschützer schon auf Satelliten zurückgreifen.

In den Hallen bestimmen die Tierfreunde mit Satellitenortungsgeräten die genaue Position der untersuchten Gebäudeteile. Was früher der Stall war, ist mittlerweile so groß, dass es laut Zimmer vorkommt, dass Arbeiter an einem Ende des Trakts zu tun haben, während sie als ungebetene Tierfilmer auf der anderen Seite unbehelligt ihre Filmkameras surren lassen.

Ein klarer Fall fürs Veterinäramt

Mit Hilfe der Satellitendaten können die Tierschützer später dem Amtsveterinär präzise anzeigen, wo sie Missstände aufgezeichnet haben. Auf dreißig bis fünf Meter genau sind ihre Geräte, je nachdem, wo sie operieren, was das Wetter macht oder wie das Dach der Tierfabrik konstruiert ist. Die Satellitendaten werden im Film eingeblendet.

Moderne Technik setzen Zimmer und Co. auch ein, wenn es gilt, Zustände über Wochen zu dokumentieren. So geriet beispielsweise nach Vorrecherche ein Mäster unter Verdacht, seine Schweine zu lange im Dunkeln zu halten. Die Tierschützer bunkerten daraufhin zwei Autobatterien und einen Computer mit 300 Gigabite-Festplatte an der Außenwand der Anlage und ließen eine Minikamera am Kabel ins Innere gleiten. Strom und Festplatte reichten, um die Kamera vierzehn Tage am Stück durchlaufen zu lassen. Ergebnis der Auswertung: Der Mäster schaltete pro Tag nur zwei Mal für je fünf Minuten das Licht an. Ein klarer Fall fürs Veterinäramt.

Aber Vergehen gegen das Gesetz aufzudecken, darum geht es Norbert Zimmer gar nicht immer. Natürlich will er auch, dass der Amtsveterinär eingreift, wenn Arbeiter rüde mit Tieren umgehen oder in Zeiten von Vogelgrippe gewohnheitsmäßig in Straßenkleidung arbeiten. Aber Norbert Zimmer will vor allem erreichen, weitere Teilaspekte der gesetzlich abgesegneten Tierquälereien zu dokumentieren, die rund um die Uhr, jahrein, jahraus stattfinden. Und Norbert Zimmer könnte mehrere Tausend Orte auflisten – Massentierhaltungsbetriebe, Schlachthöfe, Schlachttier-Transporter – wo unwürdige Zustände herrschen. Natürlich wird den Tierfilmern die Arbeit nicht leicht gemacht. Norbert Zimmer und sein Kollege bekommen ständig die mächtige Tierfabrik-Lobby zu spüren. Die Verantwortlichen wehren sich mit allen Mitteln und setzen ihre finanzielle Übermacht dazu ein, einstweilige Verfügungen zu erwirken, damit Bilder nicht veröffentlicht oder Namen nicht genannt werden.

Angst, wegen Hausfriedensbruch angezeigt zu werden, hat Tierfreund Zimmer nicht. Sein Standard-Argument: „Wenn im Teich des Nachbarn ein Hund zu ertrinken droht, ich über den Zaun klettere und ihn rette, brauche ich keine Angst zu haben, verurteilt zu werden. Der Fall liegt bei den Hühnern ähnlich – finden auch die Staatsanwälte, mit denen Zimmer bislang zu tun hatte.

Und eines ist für ihn auch klar: „Schlösser aufbrechen, Dinge kaputtmachen, um irgendwo reinzukommen, mache ich nicht.“ Wegen dieser Einstellung haben die Staatsanwälte noch jede Anzeige gegen Norbert Zimmer fallen gelassen. Vor den Richter musste er noch nie. Da fühlt er sich bestätigt. Das spornt an.

Und das braucht der Idealist auch. Seine Aktionen verlangen durchaus Mut und auch Ausdauer für die ausgiebigen Recherchen vorab. Und „Objektiv – das Rechercheteam“ ist kein florierendes Wirtschaftsunternehmen. Schutz- und Tarnkleidung, Nachtsichtgeräte, Infrarot- und Miniaturkameras, Satelliten-Empfänger und Computer kosten mehr als eine Ladung Hühnerdreck.

Und raus hier!

Die Tierfreunde haben genug Hühner mit federlosen Köpfen und verkrüppelten Zehen gefilmt. Ein sichernder Blick nach draußen, ein erstes Mal tief durchatmen. Reine Luft!

Zunächst sind sie erleichtert, dass sie Mief und Milbenstaub hinter sich lassen können. Doch wissen sie: ihr Doku-Material verpflichtet. Bald werden sie sich neuen unangenehmen Situationen stellen müssen: den Auseinandersetzungen mit den Tierfabrik-Betreibern, dem Veterinäramt und den Staatsanwälten. Aber es gibt doch auch wieder einen Mutfaktor: Die Gewissheit, dass der Tierindustrie nichts so viel Sorge bereitet wie die Verbreitung der Wahrheit. Also sagen sich Norbert Zimmer und Co.: Weitermachen.

Blick nicht abwenden!

Hinweise aus der Bevölkerung geben in der Regel den Anstoß für die hier beschriebenen Filmaktionen. Um Meldungen der engagierten Mitbürger aufzunehmen, haben die „Tierfreunde e.V.“ eine bundesweite Hotline eingerichtet: Tel 07 00 / 44 42 44 42

www.tierfreunde-hotline.de

1,2 Millionen Legehennen in einem Betrieb

„Klasse statt Masse“ war die Leitidee von Seehofer-Vorgängerin Renate Künast. Wie viele Landwirte sie mit ihrem Slogan erreicht hat, ist ungewiss. Tatsache heute: Viele konventionelle Landwirte verfolgen wieder das Ziel einer massiven Kostensenkung. „Global bestehen“, „Leistungen steigern“, „Betriebseinheiten vergrößern“ – entsprechend fallen die Mottos des Präsidenten der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft, Carl Albrecht Bartmer, aus. In Ostdeutschland hat man kurzerhand einige der alten Riesenanlagen aus DDR-Zeiten, die so genannten LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) oder KIM (Kombinat industrielle Mast) wieder in Betrieb genommen. In Wandersleben bei Gotha beispielsweise kaufte die Sachsen-Ei GmbH die über 20 Farmen einer alten LPG und hält dort heute in Käfig-, Boden- und Freilandhaltung zirka 1,2 Millionen Legehennen. Auf 26.000 Legehennen kommt ein Angestellter.

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