Massage für Einsteiger

Tausend Mal berührt

Das kennen wir aus dem Radio: tausend Mal berührt. Im gehetzten Alltag bleibt für Streicheleinheiten kaum Zeit. Allein deshalb tut Massage gut. Und: Ihre Wirkung ist wissenschaftlich belegt. // Peter Gutting

Der Patient von Bruno Blum ließ den Kopf hängen. Dachte daran, sich das Leben zu nehmen. Wollte nicht reden. Mit niemandem. Über Monate schon. Aber berühren durfte man ihn. Ein Mal pro Woche, eine knappe Stunde. Danach sah die Welt ganz anders aus. „Bald konnte er gar nicht mehr glauben, dass er vor kurzem so düstere Gedanken hatte,“ erzählt Masseur Blum, Bundesvorsitzender des Verbandes Physikalische Therapie.

Dass Massage auch bei Depressionen wirkt, ist durch verschiedene Studien belegt. Doch nicht nur das. Das Berühren mit den Händen, das Streichen, Reiben und Kneten stärkt das Immunsystem. Es hilft gegen Verspannungen, bei Rückenschmerzen, Muskelblockaden aller Art, rheumatischen Erkrankungen, bei Asthma, Muskelermüdung und Angstzuständen. Das räumt sogar die Stiftung Warentest in ihrem ansonsten eher kritischen Buch über die „andere Medizin“ ein. Bruno Blum kennt allein 108 „ernst zu nehmende“ Studien, die die verschiedenen Effekte gemäß strengen wissenschaftlichen Kriterien belegen.

Seit neuestem wird Massage als Angstlöser für Krebspatienten empfohlen, die die Tumoroperation hinter sich haben – begleitend etwa zur Chemotherapie. Studien in den USA deuten darauf hin, dass Massagen die Lebensqualität verbessern und den Betroffenen Mut machen können. Die Vielfalt möglicher Effekte einer Massage hat der Behandler buchstäblich in der Hand. Soll sie zum Beispiel erfrischen, sind kräftige und schnellere Griffe angesagt. Entspannend wirken sanfte Berührungen größerer Körperpartien.

Neulich war Bruno Blum zu Besuch bei einem Freund, der über Nackenschmerzen klagte. Für den Masseur ein klarer Fall, denn der Mann hatte den ganzen Tag am Computer gearbeitet: „Die Nackenmuskeln waren überlastet.“ Es läuft immer gleich: Der Muskel verkürzt sich und wird schlecht durchblutet, so genannte Trigger-Punkte verhärten. Das Können des Fachmanns besteht darin, diese Punkte zu finden und mit langsamen, kreisenden Bewegungen zu lösen.

Positive Wirkung ist messbar

Der Dienst am Freund dauerte an diesem Abend nur zehn Minuten. In dieser Zeit beruhigte Bruno Blum acht Trigger-Punkte: Durch seine Massage lockerten sich die Muskeln und füllten sich mit Blut. Eine gute Massage kann die Durchblutung eines verspannten Muskels um 500 Prozent verbessern.

Einige weitere Effekte sind messbar: Das Lymphsystem scheidet mehr Schlacken aus, Stresshormone werden gedämpft, Schmerzhormone reduziert und von körpereigenen „Schmerzmitteln“, den Endorphinen, überlagert. Der überanstrengte Workaholic kommt in Balance, kann inneren Ballast abwerfen, Gedanken loslassen und besser schlafen.

„Viele Menschen haben ein Defizit an Berührung“, sagt der Münchner Heilpraktiker Thomas Altmann. Der gelernte Masseur und Osteopath sieht das auf den ersten Blick. Für Altmann ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Heilwirkung von Massagen. Berührung tut gut, Babys sterben, wenn sie nie in den Arm genommen werden. Auch später wissen wir instinktiv, was uns berührt. Wir legen dem Freund den Arm um die Schulter, reiben die Schläfen, wenn wir Kopfschmerzen haben.

Jahrtausende alte Tradition

Schon deswegen lässt sich keine der vielen Massage-Arten von vornherein als Marketing-Gag abtun. Auch wenn so exotischen Namen wie „Lomi-Lomi-Nui-Massage“ den Verdacht erwecken, dass der anhaltende Wellness-Boom öfter mal was Neues braucht. Rund 40 verschiedene Formen listet die Internet-Seite www.massagedienst.de auf. Manche haben eine Jahrhunderte beziehungsweise Jahrtausende alte Tradition und verlangen eine mehrjährige Ausbildung. Im Ayurveda und in der Traditionellen Chinesischen Medizin wurde das gezielte Streichen, Reiben und Kneten genauso geschätzt wie im Europa des 19. Jahrhunderts. Damals entwickelten der Schwede Per Henrik Ling und der holländische Mediziner J. Georg Mezger die „Klassische Massage“: Eine Anwendung durch einen zweieinhalb Jahre ausgebildeten und staatlich geprüften Masseur, die unter bestimmten Voraussetzungen von den Krankenkassen bezahlt wird.

Egal ob Heilmittel oder Wellness – eine Massage allein lindert zwar Symptome, beseitigt aber keine Ursachen. „Sie müssen den ganzen Menschen betrachten und sich fragen, woher die verspannten Muskeln kommen“, sagt Heilpraktiker Thomas Altmann. Das kann zum Beispiel ein Schiefstand des Beckens sein, eine Fehlhaltung oder ein psychisches Problem. Entsprechend der Ursache gehen die Lösungen über eine bloße Massage-Anwendung hinaus. Für den Bildschirmar-

beiter zum Beispiel ist es eine Möglichkeit, zusätzlich Sport zu treiben. Wer ständig unter Strom steht, sollte sich mit Yoga, autogenem Training oder progressiver Muskelentspannung befassen.

In einem solchen Gesamtkonzept hat regelmäßige Massage einen wichtigen Platz – meint zum Beispiel Popsänger Peter Schilling. Der hat ein Buch über das „Wohlfühl-Management für den Mann“ geschrieben. Schilling? Ist das nicht der, der mit „Major Tom“ einen Welthit landete? Genau: Völlig losgelöst – wieso nicht durch Massage!

Wann die Kasse zahlt

Grundsätzlich gilt: Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine Massage nur dann, wenn eine Krankheit vorliegt. In diesem Fall muss ein Arzt (kein Heilpraktiker) die Massagen verschreiben. Er darf dies aus zwei Gründen tun: um zu verhindern, dass die Krankheit schlimmer wird oder um die Beschwerden zu lindern. Ganz kostenlos ist dies nicht. Erwachsene müssen zehn Prozent der Kosten plus zehn Euro je Verordnung zuzahlen.

Massage auf Rädern

Die Idee kommt aus den USA und etabliert sich nun in vielen deutschen Städten: mobile Massagedienste, die in Büros, Hotels oder auf Messen für Wohlbefinden sorgen. Man liegt nicht, sondern sitzt auf einem speziellen Stuhl, der insbesondere den Rücken- und Schulterbereich gut entlastet. Adressen mobiler Dienste finden sich im Internet unter www.massagedienst.de. Auf „Massageangebote“ klicken und diese mit der Suchfunktion durchforsten. Dabei das Wort „mobil“ eingeben und die mobilen Telefonnummern ignorieren.

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