Interview

"Ich faste bis ich ein Zeichen sehe"

Um eine Straße bei Lörrach zu verhindern, fastet der Arzt Martin Vosseler auf unbestimmte Zeit. Die Bevölkerung reagiert gespalten: Wirft da einer sein Leben weg? Oder lässt er sich aus ehrenwerten Gründen auf ein Martyrium ein? // Interview und Fotos: Ralf Bürglin

Sie sagen, ich faste, bis der Wahnsinn der Vernunft gewichen ist. Worin liegt der Wahnsinn im Bau einer „bloß“ 0,7 Kilometer langen Straße begründet?

Seit Jahrhunderten beutet man hier das Tal der Wiese (Name eines Flusses. Anm. d. Red.) aus. Endlich erwägt man, den Fluss wieder zu renaturieren. Weiter unten, vor der Mündung am Rhein, ist dies bereits realisiert. Die Nachbarn in Lörrach haben vor, dies – mit den so genannten Wiesionen – auch zu machen. Hier, mitten in einem urbanen Bereich, gibt es immer noch eine Häufung seltener Tierarten mit Pirol, Eisvogel und Grauammer, keine zehn Minuten von der nächsten Tram-Haltestelle entfernt. Eine Sensation! Und genau in diese letzte Lebensreichtumszelle des einstigen großen Auengebiets der Wiese, soll nun eine Brücke gebaut werden.

Und was ist denn mit der dazugehörenden Straße?

Man trickst die Leute hier aus: Die Straße ist noch gar nicht genehmigt, das betreffende Land noch nicht enteignet. Hangrutschgefahren sind noch nicht abgeklärt. Man baut erst mal die Brücke und schaut dann weiter. Das ist, wie wenn ein Chirurg sagte: Wir machen jetzt mal eine Herzoperation. Die Details sind zwar noch nicht ganz abgeklärt, aber wir haben morgen einen günstigen Termin. Wir machen jetzt mal auf, den Termin wollen wir ja nicht verpassen.

Allein wegen der WM 2006 werden 370 Kilometer Straße gebaut? Noch einmal böse gefragt: Fallen da 700 Meter überhaupt ins Gewicht?

Das Straßenprojekt an der Wiese steht für mich stellvertretend für folgende Hauptbedrohungen, denen wir als Menschheit ausgesetzt sind. Erstens Artenschwund. Zweitens Klimaveränderung. Drittens Luftverschmutzung. Im Übrigen bin ich davon überzeugt: Wir müssen uns dort einsetzen, wo wir vom Herzen her eine Verbindung haben. Der Ort ist mir seit meiner Kindheit sehr vertraut.

Ein zynischer Gegner sagt: All die bereits ausgestorbenen Tierarten, der längst verlorene ursprüngliche Auenwald im Wiesetal – ist doch egal: Nie waren so viele Leute in der Region so wohlhabend.

Zu meiner Einsicht gehört, dass wir ohne Pflanzen und Tiere nicht leben können. Ich halte es da mit Elias Canetti, der in seinem Buch „Die Blendung“ sinngemäß sagt: Mit jeder Tierart, die wir ausrotten, zerstören wir einen Teil von uns selbst, weil wir mit allem verbunden sind. Wir haben keine Chance (Vosseler sagt dies sehr bestimmt), wenn es uns nicht gelingt, zu einem friedlichen Zusammenleben mit unseren Mitgeschöpfen zu kommen.

Wie vermitteln Sie jemandem, der dies nicht so sieht, dass er chancenlos ist?

Ich kann dieser Person von meinen Erfahrungen aus der Praxistätigkeit als Arzt berichten. Menschen, die völlig getrennt sind von lebendigen Strukturen, werden psychisch krank.

Ihre Gegner werfen Ihnen vor, Sie würden sie mit Ihrem Hungerstreik erpressen

Es handelt sich nicht um einen Hungerstreik. Denn erstens habe ich keinen Hunger. Und ich streike auch nicht. Streik ist etwas Verweigerndes. Ich erlebe die Aktion als etwas, das starke innere Kräfte aufbaut, als etwas, das dem Leben zugewandt ist.

Haben Sie nicht zur Bedingung gemacht, dass Sie erst dann wieder essen, wenn die Straße nicht gebaut wird?

Nein, das habe ich so explizit nicht gesagt. Was ich mache, ist: Ich faste, und zwar unbefristet. Aber ich habe gesagt, ich werde so lange fasten, bis ich ein Zeichen wahrnehme, dass hier etwas in Bewegung kommt. Auch, dass wir einmal angehört werden, könnte schon solch ein Zeichen für mich sein.

Sie wollen also durch Ihr Fasten nichts erzwingen?

Das wäre Gewalt in meinen Augen. Aber ich weiß, wenn ich faste, baut sich in mir eine starke Kraft auf. An dieser Kraft läuft sich die Gewalt der anderen tot. Wenn jemand nichts mehr zu verlieren hat – sogar keine Angst mehr hat, sein Leben zu verlieren –, da werden Machtmittel stumpf. Und das ist eine starke Gegenkraft gegen Gewalt.

Was jetzt an der Wiese geschehen ist, ist Gewalt.

Absolut. Fünf Tage vor einer Volksabstimmung, von der Polizei überwacht, die Bäume abzuholzen, das war ein ungeheuerlicher Akt von Gewalt – auch wenn die Polizisten anständig waren. Sie hatten zum Teil Tränen in den Augen. Der Einsatzleiter meinte, es sei der schwärzeste Tag in seiner Karriere gewesen. Aber als Akt war es ein nackter Akt von Staatsgewalt. Und deshalb müssen die Zeichen jetzt stärker werden.

Spricht hier ein Fundamentalist?

Fundament. Das ist gar kein so schlechter Begriff. Wir sind immer wieder aufgerufen, uns mit unserem Fundament, unserer Wurzel zu verbinden. Auch im Begriff Radikalität steckt dieses Wort – radix, die Wurzel. Ich fühle mich wie ein Sandkorn in einer Maschine, das die Maschine zum Knirschen bringt.

Haben Sie Angehörige?

Ich habe keine Kinder und im Moment auch keine feste Partnerin. Ich habe einen Bruder und einen sehr lieben, festen Freundeskreis.

Wie beurteilen diese Menschen Ihre Entscheidung?

Da gibt es ganz verschiedene Nuancen. Es gibt die, die – wie ich – spüren, dass ich gesund und gestärkt aus dieser Aktion hinausgehe. Es gibt Freunde, die sich Sorgen machen. Sie zeigen alle eine große Liebe zur Natur und auch sie spüren, dass wir nicht einfach so weiterwursteln wollen. Es muss etwas geschehen. Und zwar nicht in zehn oder zwanzig Jahren, sondern heute.

Wir haben mindestens 50.000 Jahre gebraucht, um die Natur so zu verändern, wie sie heute ist. Kann sich da einer anmaßen, innerhalb seines kurzen Menschenlebens die Welt auf neuen Kurs zu bringen?

Wir wissen, dass wir den CO2-Ausstoß um 80 Prozent vermindern müssen, wenn wir eine Chance haben wollen, die Erderwärmung in 50 bis 100 Jahren zu stabilisieren. Das ist ein sehr träges System. Da ist es, meine ich, vertretbar und angebracht, auf Veränderungen zu drängen.

Was für eine konkrete Alternative zur geplanten Straße schlagen Sie vor?

Ich habe da zwei Seelen in meiner Brust. Die eine Seite sagt: Heute eine zusätzliche Straße zu bauen in einem Gebiet, wo es schon so viele Straßen gibt, ist absoluter Irrsinn und Verschwendung. Aber, wo so viele verschiedene Bedürfnisse zusammenprallen, da macht es vielleicht Sinn, den Kompromiss zu suchen, obwohl sich der Fundamentalist dann vielleicht nicht mehr gut im Badezimmer in die Augen schauen kann ... (lächelt).

Was ist Ihre Vision?

Wenn man einen Tunnel baute, der unter dem Fluss hindurchgeht, dann hätten wir beides: Straße und das Naherholungsgebiet. Und wenn wir dann – Befürworter und Gegner – zusammen feiern könnten, das fände ich wunderbar.

Eine Straße, die auf den Magen schlägt

Die so genannte Zollfreistraße soll die badischen Städte Lörrach und Weil am Rhein verbinden. Das Problem: Dazwischen liegt die Schweiz. Ein Staatsvertrag von 1977 sichert Deutschland zu, die Straße auf Schweizer Grund bauen zu dürfen. Martin Vosseler kritisiert, dass sich seit Vertragsabschluss die Bedingungen geändert hätten. Gefährdet sind: ein Naherholungsgebiet und geschützte Tierarten. Am 6. Februar werden dennoch die ersten Bäume gerodet – fünf Tage vor einem Volksentscheid. Ergebnis der Abstimmung: 58,2 Prozent der Stimmberechtigten wollen die Straße nicht. Martin Vosseler zieht sich am 8. Februar zum Fasten auf unbegrenzte Zeit zurück.

Brief an den Minister

Sie finden Martin Vosselers Argumente überzeugend und wollen sich selbst engagieren? Dann schreiben Sie an:

An:

Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Herrn Wolfgang Tiefensee
Invalidenstraße 44
10115 Berlin

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