Menschenrechtspreis

Jeder kann was tun

Amnesty International – das bedeutet 45 Jahre Kampf für die Menschenrechte. Auf der Gala in Berlin wurde Monira Rahman geehrt, die Säureopfern in Banghladesh hilft. // Imke Sturm

„Was glauben Sie denn, was Sie als kleines Würstchen tun können?“ befragte im Jahr 1961 ein Reporter Passanten zur Gründung von amnesty international Deutschland (ai). Verwunderung, Schweigen. „Ich?“ Gestern wie heute ist dies die Botschaft von ai: Jeder kann aktiv werden. Täglich startet amnesty Eilaktionen, so genannte „Urgent actions“ als ihr stärkstes Instrument für Menschen in akuter Gefahr. Binnen Stunden senden freiwillige Unterstützer via weltweites Netzwerk Faxe, E-Mails oder Briefe, um den Druck auf Gewaltherrschaften zu erhöhen. Opfer können so vor dem Verschwindenlassen gerettet – und ihr Fall wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden. Solche Eilappelle bewirken von einem Menschen wenig, von zahlreichen jedoch viel. Jeder Einzelne zählt daher – und jedermann kann auch mitmachen.

Mit der ersten „Urgent action“ wurde 1973 der politische Gefangene Luiz Rossi vor der Willkür der damaligen brasilianischen Militärdiktatur gerettet. Er kam aus dem Gefängnis frei, weil der öffentliche Druck durch Briefe zu hoch geworden war. Andere Gefangene zuvor wurden jedoch getötet, für sie kam jede Hilfe zu spät. Seit 1973 aber hat dieses ai-Instrument weltweit Tausende vor Folter oder Tod gerettet. Gut die Hälfte der Aktionen hat laut amnesty heute Erfolg.

Geschmolzenes Gesicht

„Es ist besser, eine Kerze anzuzünden, als über die Dunkelheit zu fluchen“, besagt ein chinesisches Sprichwort. Solch ein Gedanke hat vielleicht auch Monira Rahman bewegt, als sie sich 1998 entschloss für die Menschrechte der Frauen in Bangladesh zu kämpfen. „Ich war schockiert“, berichtet sie, als sie erstmalig dem weiblichen Opfer eines Säureattentats gegenüber stand, „mit halb geschmolzenem Gesicht, das Auge gen Nase gerutscht – und dort wo mal ihre Nase saß, klaffte ein Loch“. Kein Einzelfall in Bangladesh: Über 1.700 Frauen wurden seit dem Jahre 2.000 Opfer eines Säureattentats. Meist sind es noch Kinder: dreizehn oder vierzehn Jahre alte Mädchen, die den Heiratsantrag eines Mannes abgelehnt, oder deren Eltern ihn nicht ernst genommen haben. Weil die Männer meinen, Sie verlören das Gesicht, wenn ihr Antrag abgewiesen wird, soll auch das Mädchen für ihr Leben entstellt sein. Ein Vater gab seinem Baby die Säure zu trinken, allein deswegen, weil es als Mädchen geboren wurde. Befürchtete Mitgiftforderungen sind nicht selten ein Motiv. Auch nicht erfüllbare Nachforderungen bereits verheirateter Männer an die Familie ihrer Frau hatten schon Säureübergriffe zur Folge. Eine von Männern beeinflusste Moral prägt Bangladesh, lässt Täter auch entgegen geltendem Recht oft ungestraft davonkommen. Überleben die Frauen ihre Verletzungen, haben sie kaum eine Chance mehr, zu heiraten oder eine Ausbildung zu erhalten.

Hilfe für Säure-Überlebende

Schwefelsäure, auch in Autobatterien zu finden, ist in Bangladesh billig und einfach zu haben. Asma Akter wurde nachts im Alter von dreizehn Jahren mit der ätzenden Flüssigkeit übergossen. Doch hier kam der Täter nicht so einfach davon. Die Familie klagte an und ein Gericht verurteilte ihn zu 33 Jahren Haft. Unterstützung bekam Asma Akter von der „Acid Survivor Foundation“, zu Deutsch: Stiftung der Säure-Überlebenden. Monira Rahman gründete sie 1999 und setzt sich seitdem für die Rechte der Opfer ein. Dafür erhielt sie jetzt den amnesty international Menschenrechtspreis, der ihr Mitte März auf der Gala zum 45-jährigen Bestehen von ai in Berlin verliehen wurde. Asma Akter, heute 20-jährig, stand dabei an ihrer Seite. „Mitgefühl, Mut und Entschlossenheit“ zeichnet die 40-jährige Preisträgerin Rahman aus, so Barbara Lochbihler, die Generalsekretärin der deutschen Sektion von amnesty international. Auch die 600 Gäste der Gala forderte Moderator Roger Willemsen zu mutiger Entschlossenheit, nämlich einer „Urgent Action“ auf. An vier Faxgeräten konnten sie einen Aufruf an den turkmenischen Präsidenten senden, dessen Regierung derzeit zwei Journalisten des US-finanzierten Rundfunksenders „Radio Liberty“ festhält. Diese hatten kritisch über die politischen Verhältnisse in Turkmenistan berichtet. „Es geht darum, selbst aktiv zu werden, Problemfelder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken“, so Gerd Ruge, Gründungsmitglied von ai Deutschland und viele Jahre ARD-Reporter, insbesondere aus Krisen- und Kriegsgebieten. Das kann beim Fax anfangen – oder bereits damit, dass der Einzelne mit anderen in seinem Kreis darüber spricht. „Es ist möglich, ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen“, schloss Preisträgerin Monira Rahman ihre Dankesworte an diesem Abend.

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