Sommerdrinks

Bowle-Revival

Da steht es, das gläserne Bowle-Gefäß, frisch aufpoliert. Beim nächsten Fest baden wieder Erdbeeren oder Waldmeister darin. Bis dahin bleibt noch etwas Zeit, nach Rezepten zu stöbern. // Gudrun Ambros

Ihre Blütezeit als Party-Getränk erlebte die Bowle in den 60er Jahren. Der Herr des Hauses mixte nach Geheimrezept die Zutaten für seine Bowle zusammen und die Hausfrau bereitete die passenden Häppchen dazu: Gefüllte Eier, Krabben-Cocktail, Waldorfsalat und Toast Hawaii gehörten zum kulinarischen Standard-Repertoire. Und natürlich, nicht zu vergessen: die obligatorischen Käse-Spieße mit Trauben, Oliven und winzigen Pumpernickel-Quadraten. Selbst wer in den 60ern noch zu klein war für den süffigen Party-Star, wird sich heute mit Freude an sie erinnern: Denn sie war auch auf Kindergeburtstagen der Hit. Da schwammen dann die roten Erdbeeren und gelben Ananas-Stückchen im Kirschsaft-Limo-Mix.

„Meine letzte Bowle? Das war schon in den 70er Jahren. Wir fühlten uns verwegen, als wir für den Rad-Ausflug an den Baggersee eine Sangria aus Rotwein und Orangensaft mixten. Besonders erfrischend kann die nicht gewesen sein: erstens ungekühlt und zweitens – der Alkohol. Aber das hat uns nicht gestört. Vage erinnere ich mich an einen prickelnden Nachmittag.“

Barmeister Walter Fröscher gehört zur Generation der Bowle-Kinder. Inzwischen mixt er aber seit über 30 Jahren seine Getränke selbst und lebt davon, dass andere seine Kreationen schätzen. Zuletzt hat der Stuttgarter als Privatmann eine Bowle gemixt. Zum Einzug in die neue Wohnung: „Es kamen viele Gäste und ich habe zehn Liter gemacht. Bowle kommt im Sommer immer gut.“ Gut, weils frisch und fruchtig schmeckt und auch noch prickelt. Dazu die aromatischen und alkoholisierten Fruchtstückchen ...

Rezept aus der Klosterbibliothek

Vielleicht war die Bowle das erste alkoholische Mixgetränk überhaupt. Barmann Fröscher behauptet das jedenfalls und beruft sich dabei auf einen Buchfund, der 1417 in der Klosterbibliothek zu Fulda gemacht wurde. In diesem Buch sei ein Getränk aus Wein, Rosenblüten, Fichtennadeln und Honig beschrieben, das in einem großen Gefäß serviert wurde.

Im Laufe der Jahrhunderte entstanden einige Variationen des alkoholischen Mischgetränks. Die Waldmeister-Bowle kam erst Ende des 19. Jahrhunderts so richtig zu Ehren, als andere Kräuter wie Maßliebchen, Schafgarbe und Veilchenblüten aus dem Rezept genommen wurden. So jedenfalls beschrieb das der Schweizer Hotelier Harry Schraemli in seiner „Geschichte der Feinschmeckerei“. Und er muss es gewusst haben, denn er besaß eine der berühmtesten Kochbuchsammlungen der Welt.

Die „Kalte Ente“, ebenfalls ein Bowle-Klassiker, regte erfindungsreiche Liebhaber an, ein passendes Spezialgefäß zu entwickeln: eine Weinkanne mit eingebautem Glaszylinder, für Eisstückchen, die die spritzige Erfrischung kühl halten. Schraemli hatte weitere Kühl-Vorschläge parat. Die gängigste Möglichkeit: das Bowle-Gefäß in ein größeres stellen. Das wird mit Eiswürfeln aufgefüllt, darüber grobes Salz gestreut. Das ist das Prinzip der Eismaschine. Mischt man Salz und Eiswürfel, kann man damit die Umgebungstemperatur bis zu minus 20 Grad senken. „Niemals Eisstücke in das Getränk selbst“, mahnte Schraemli, „auch wenn es lauwarm wäre, sonst verwässert der Geschmack.“

Kultiges für die Sommerparty

Spezialgefäße für Bowlen sind übrigens nach wie vor im Handel. Wer sich auf dem Flohmarkt oder im Internet umschaut, kann seine Party-Gäste mit prachtvollem Keramik-Kitsch überraschen. Improvisationstalente geben sich mit einer Suppen- oder Salatschüssel zufrieden. Richtig dekorativ ist allerdings nur das typische Glasgefäß mit Deckel und durchsichtigem Schöpfer. Darin kommen die Früchte am besten zur Geltung und der Deckel hält die prickelnden Bläschen und das Aroma zurück. Getrunken wird die Bowle üblicherweise aus gläsernen Tassen oder Bechern. Hauptsache, die Öffnung ist breit genug. Denn da sind ja noch die süßen oder mit Alkohol vollgesogenen Früchtchen, die eingefangen werden dürfen. Ein Spieß, eine Gabel oder ein kleiner Löffel helfen dabei. Eigentlich kann es einem egal sein, ob Bowle in der Suppenschüssel oder im Spezialgefäß serviert wird. Ob sie als Geheimtipp für kultige Sommerpartys kursiert oder nur auf der Schaumkrone der Retro-Welle herüberschwappt. Hauptsache, sie erfrischt und schmeckt. Profi Walter Fröscher rät: „Nehmen Sie für eine Bowle grundsätzlich den Wein und den Sekt, den Sie sonst auch so trinken würden. Denn mit schlechtem Wein bekommt man keine gute Bowle.“ – Es muss ja nicht gerade eine Beerenauslese sein.

Die Erfindung der „Kalten Ente“

Die „Kalte Ente“ soll zu Zeiten Theodor Fontanes nach dem Essen anstelle von heißem Mokka gereicht worden sein: „kaltes Ende“ also. Der letzte Trierer Kurfürst, Clemens Wenzeslaus, soll das Getränk erfunden haben. Er habe nach einem Gastmahl auf der Terrasse des Koblenzer Schlosses befohlen, je eine Flasche Mosel-, Rheinwein und Champagner zusammenzugießen und mit einer Zitrone und Zitronenmelisse zu würzen.

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