Ernährungstheorie

Grazing – Modediät mit Tücken

Ständig essen – und dabei abnehmen? Schön wäre es ja, doch Wissenschaftler raten von „Grazing“ als Diätmethode ab. // Elke Achtner-Theiß

Die Pferde auf der Koppel tun es, die Ziegen auf der Alm tun es und die Rehe im Wald tun es auch: Sie fressen ständig – hier ein bisschen, da ein bisschen – doch von Übergewicht keine Spur. Also verwundert es nicht, dass findige Ernährungstheoretiker hinter solchen Beobachtungen eine neue Diätmethode wittern: Grazing, vom englischen „to graze“ (grasen) abgeleitet. Was nicht bedeutet, dass sich Abnehmwillige an Grünfutter halten müssen. Auch so opulente Leckereien wie Kartoffelsalat, Lachsschnitte und Eistörtchen gehören zum Programm. Kern der Botschaft ist nämlich weniger das „Was“ als das „Wie“. Statt der tradierten drei Hauptmahlzeiten werden sieben oder mehr Appetithappen beliebig über den Tag verteilt. Die Theorie dahinter: Häufige Mahlzeiten sollen die Verdauungsfunktion und damit auch den Kalorienverbrauch ankurbeln, sodass wir uns ohne Reue mehr Nahrung einverleiben können.

Laut Grazing-Theorie dürfen wir wie die Tiere auf der Weide oder in freier Wildbahn fast pausenlos Nahrung aufnehmen.

Nicht ohne Kalorientabelle

Wie alle Diäten, die reichlich Genuss bei rasch purzelnden Kilos versprechen, hat die Methode besonders in den USA großen Zulauf. Ratgeber-Breviere und Chatforen buhlen seit Jahren mit Werbeunterstützung um Abnehmwillige in aller Welt. Wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit sind zwar dünn, aber auch unnötig. Denn wer sich ins Detail begibt, stellt fest: Die empfohlenen Portionen sind so winzig, dass pro Tag nur etwa 1.400 Kilokalorien zusammenkommen, ein gutes Drittel weniger, als wir – Verdauungsfunktionen inklusive – bei überwiegend sitzender Tätigkeit verbrennen.

Wer also nach klassischem Muster Kalorien zählt und genug Selbstdisziplin aufbringt, um es jedesmal bei einer Scheibe Parmaschinken oder drei, vier Löffelchen Schokopudding zu belassen, der könnte mit Grazing Erfolg haben. Doch dass die meisten just bei der Selbstdisziplin scheitern, fürchten Kritiker der Methode.

Immer hungrig trotz Snacks

„Wenn man ohnehin dazu neigt, zu viel zu essen, isst man auch bei den Zwischenmahlzeiten zu viel“, so hat Prof. Dr. Joachim Westenhöfer, Ernährungspsychologe an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg festgestellt. Er verweist auf mehrere Verhaltenstests am eigenen Institut. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie der Universität in Dijon. Dort griffen Testpersonen beim Abendessen gleich freudig zu, ob sie nun zuvor einen Snack serviert bekommen hatten oder nicht.

Bauchspeicheldrüse im Dauereinsatz

Dr. Detlef Pape, Ernährungsmediziner und Diät-Spezialist in Essen, rät aus medizinischen Gründen von häufigen Zwischenmahlzeiten ab, weil dadurch die Bauchspeicheldrüse im Dauereinsatz arbeiteten muss. Besonders wenn Zucker, weißes Mehl und andere kohlenhydratreiche Produkte enthalten sind – wie bei Eis, Kuchen oder Kartoffelchips – droht Übergewicht. „Solche Snacks“, erklärt Pape, „treiben den Insulinspiegel in die Höhe, und solange Insulin in der Blutbahn kreist, kann der Körper kein Gramm Fett abbauen“. Die Alternative? Da könnten Pferde und Ziegen tatsächlich einen Hinweis geben: Grünzeug statt Grazing! Denn Gemüse ist kalorienarm, macht satt und hält den Blutzuckerspiegel im Lot.

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