editorial

Die Wolke

Am 1. Mai 1986 spazierte ich mit meiner Familie durch schwäbische Wiesen und Felder und genoss den strahlenden Frühsommertag. Was wir nicht ahnten: Über uns am blauen Himmel zog eine Wolke radioaktiver Strahlung unsichtbar über Europa. Dem schönen Wetter sei Dank regnete sie nicht über uns ab. Als sie sich aber mit feuchtwarmer Luft an den Alpen staute, bildeten sich Wolken und mit heftigen Regengüssen schlug sich die Radioaktivität im Allgäu und Alpenvorland nieder – kaum 100 Kilometer südlich von uns.

In den nächsten Tagen tröpfelten die Nachrichten über den Reaktorunfall von Tschernobyl ein. Das ganze Ausmaß der Katastrophe und wie sehr sie uns betraf, wurde nach und nach sichtbar. Dann aber überschlugen sich die Medien und wir lernten, dass es über den größten anzunehmenden Unfall (GAU) hinaus noch den Super-GAU gibt: Einen Unfall, der jede Vorstellung der Ingenieure und Wissenschaftler weit übertrifft.

Vor-Tschernobyl-Lebensmittel wurden zum Spekulationsgut. Vollwertköstler mit Bio-Präferenz horteten konventionelles Milchpulver. Die Frühlingsware aus deutschen Gärtnereien blieb in den Regalen liegen. Messstellen und Verkäufer von Geigerzählern freuten sich über glänzende, nicht immer seriöse Geschäfte. Panikmacher konnten sich ihres Publikums gewiss sein.

„Wenn es zwei oder mehrere Arten gibt, etwas zu erledigen, und eine davon kann in einer Katastrophe enden, so wird jemand diese Art wählen.“ (Murphy´s Gesetz)

„Alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen.“
(Finagles Gesetz)

Bioläden erlebten damals einen ungeheuren Schub. „Wenn schon verstrahlt, dann wenigstens Bio“, schien die Devise. Nicht überall ging man mit der Bedrohung gelassen um. Mütter wurden von manchen Bio-Verkäufern gescholten, wenn sie Bio-Frischmilch für ihre Kinder kauften, und so mancher meinte, ein Wundermittel gefunden zu haben, das er der Panik entgegen setzen konnte: Japanische Algen zum Beispiel sollten die Strahlung aus dem Körper fischen.

Auch für Schrot&Korn war Tschernobyl eine immense Herausforderung. Erst im Jahr zuvor gegründet, musste das Blatt mit geringsten Mitteln einen Pfad ins Informationsdickicht schlagen: Was ist los? Wie gefährlich ist es wirklich? Welches Verhalten ist in Anbetracht der vielen Unbekannten vernünftig und pragmatisch?

Der deutsche Atomausstieg wäre ohne Tschernobyl kaum beschlossen worden. Schon wackelt er wieder, obwohl Atomkraft KEINE Lösung gegen den Klimawandel ist (siehe Seite 12) und auch unsere Energieabhängigkeit von anderen Ländern nicht verringert: Uran kommt zu 100 Prozent aus dem Ausland. Die Lehren von Katastrophen sind anscheinend kurzlebig, die Folgen leider nicht. Ein Grund mehr, die Atomkraft im Auge zu behalten und die Erfahrungen auf die Gentechnik zu übertragen.

Martin Fütterer

Erschreckendes Buch, schrecklicher Film?

„Die Wolke“ ist der Titel eines Jugendbuches von Gudrun Pausewang, das sie unter dem Eindruck von Tschernobyl geschrieben hatte. Sie verlegte den Reaktorunfall in die Mitte von Deutschland und ließ zwei Geschwister die Folgen erleben. Das Buch ist so eindrücklich und erschreckend, dass ich nicht die Nerven hatte, in den Film zu gehen, der in den letzten Wochen in den Kinos anlief. Doch auch im Buch bleibt die Katastrophe eine Teilkatastrophe, das Leben geht weiter.

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