spezial: 50 plus. Alles klar. Glosse
Nix Senioren, nix Silver-Ager!
Autorin Elke Achtner-Theiß mag mit der Werbebranche partout nicht handelseinig werden.
Wenn
mit 66 Jahren das Leben erst anfängt, wie Udo Jürgens
jahrzehntelang unwidersprochen behauptet hat, dann ist man
mit „50 plus“ ja quasi ein Embryo. Hab ich mir
so ausgerechnet. War aber falsch. Kaum hatte ich meinen 50sten
Geburtstag gar nicht erst gefeiert, weil ich ja noch so jung
war, da hagelte es schon Werbebroschüren und Postwurfsendungen,
die uns alle zu ihrer „Zielgruppe“ machen: die
Altersembryonen, die Lebensanfänger und die Lebensfortsetzer
von 80 ff. Seither will man mir Anti-Aging-Cremes und Gebisshaftcreme,
Heimtrainer und Treppenlift gleichzeitig verkaufen.
Doch nicht nur ich hab ein Problem mit den Werbefritzen, auch die haben eins mit mir. Die wissen einfach nicht, wie sie mich titulieren sollen. Den Ausdruck „Senioren“, vor 30 Jahren als flotte Alternative zum gängigen „Alte“ oder dezenter „Ältere“ gekürt, haben sie verschlissen. Damit sollte schon meine Großmutter zu Kaffeefahrten und dubiosen „Stärkungsmitteln“ aus Apotheke und Reformhaus überredet werden. Heute gibt es Senioren höchstens noch im Seniorenpflegeheim. Und die wissen Bescheid, kaufen keinem mehr was ab.
Am liebsten greifen die Marketingleute heute zum Englischen. Zum Beispiel: „Best Ager.“ Sorry, finde ich zu schmeichelhaft. Zwanzig ist nun mal lustiger als fünfzig, sechzig, siebzig... Also „Silver Ager“? Abgelehnt! Klingt zu bescheiden. Als ob sich unsereins keine Goldkettchen mehr leisten könnte!
„Oldies“? – Gefällt mir am besten, erinnert an Rock und Beat und Evergreens, die man heute im MP3-Player mit sich spazieren tragen kann. Aber meine Nachbarin zum Beispiel, sie ist zwei Jahre jünger als ich, fände das zu salopp. Sie hört nie Rock. Nur Mozart, Händel, Smetana, und zwar von ihrer Hi-Fi-Anlage.
Unpassende Werbung
Ich wette, ihr gefällt es, wenn die Werbebranche sie unter „reifere Generation“ subsumiert. Klingt ja auch edel, fast erhaben. Wie der letzte Satz aus Smetanas Moldau. Nur, da lässt man mich garantiert nicht mitschwimmen. Konnt ich‘s doch nicht lassen, mir neulich ein ziemlich unreifes Strandshirt mit Leopardenmuster zu kaufen. Grauer Panther erschien mir nämlich politisch allzu besetzt.
Ich fürchte also, die Werbebranche und ich, wir werden nicht handelseinig. Lieber wär’s mir nämlich, sie ordnen mich als „Normalo“ ein: Homo sapiens, weiblich, über 50, im Prinzip gutmütig, solange man sie nicht mit unpassender Werbung nervt... Ich glaub fast, dann ginge ich noch lieber einkaufen.
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