Akupunktur

Heilende Nadeln

Wenn Akupunktur zur Kassenleistung wird, brechen für Schmerzmittelhersteller harte Zeiten an. Denn die Nadeln haben weniger Nebenwirkungen als Pillen. // Leo Frühschütz

„Zeigen Sie mir bitte Ihre Zunge.“ Keine Angst, Dr. János Winkler sticht nicht rein. Er schaut nur, registriert Farbe und Feuchtigkeit der Zunge, ob Risse auf der Oberfläche sind, wo und wie dick der Belag ist. Dies zeigt ebenso den Gesundheitszustand des Patienten wie etwa Blutwerte oder Röntgenaufnahmen. Die Zungendiagnose ist wie die Akupunktur ein wichtiger Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Rote, geschwollene Zungenränder zum Beispiel weisen auf eine gestaute Leber hin, Längsrisse in der Mitte auf eine Magenschwäche. Der Blick auf die Zunge zeigt dem Akupunkteur, wo er die Nadeln setzen muss, damit das Qi, die Lebensenergie, wieder fließt.

40.000 Ärzte und 7.000 Heilpraktiker bieten in Deutschland Akupunktur an. Einige der Ärzte hat János Winkler als Dozent der Forschungsgruppe Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin mit ausgebildet. Glauben die tatsächlich, dass da die Lebensenergie Qi durch den Körper fließt? Auf Bahnen, die Meridiane heißen und verschiedene Körperregionen und Organe miteinander verbinden? „Es ist hilfreich, wenn eine Bereitschaft da ist, sich auf diese Sichtweise einzulassen“, sagt der Arzt. Auch wenn sich die Erklärungen für westliche Ohren ungewöhnlich anhören.

Mehr als 2.000 Jahre Erfahrung

„In der Akupunktur stecken mehr als 2.000 Jahre medizinischer Erfahrung. Zu der Zeit, als die Chinesen sich Gedanken darüber machten, gab es noch keine Naturwissenschaft in unserem Sinne.“ Die meisten medizinischen Fachgesellschaften, die Akupunkteure ausbilden, vermitteln unter anderem das Grundwissen der TCM. Doch 2.000 Jahre Erfahrung lernt man nicht an ein paar Wochenenden. Deshalb sagt ein Praxisschild wenig über Qualifikation aus. Also keine Scheu zeigen und nach dem Diplom fragen.

Einen guten Behandler finden

Etwa 20.000 Akupunktur-Ärzte können ein A-Diplom vorweisen. Das bekommt man nach 140 Kursstunden plus bestandener Prüfung bei einer von den Ärztekammern anerkannten Ausbildungseinrichtung. Fachärzte dürfen nach 200 Stunden die Zusatzbezeichnung Akupunktur führen. Das B-Diplom nach 350 Ausbildungsstunden haben nur rund 5.000 Ärzte. Bei den Heilpraktikern ist das wichtigstes Qualitätsmerkmal die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft für Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin. Ihr gehören etwa 1.500 Heilpraktiker und einige Ärzte an. Deren Ausbildung umfasst 750 Stunden und ist weit fundierter als bei den ärztlichen A- und B-Diplomen. Noch länger, 900 bis 1.000 Stunden, dauert eine richtige TCM-Ausbildung.

Das B-Diplom, die Mitgliedschaft in einer Fachgesellschaft und eine regelmäßige Fortbildung sind für einen Arzt die Voraussetzung, um die Gütesiegel der „Qualitätsinitiative Akupunktur“ oder der Forschungsgruppe Akupunktur zu bekommen. Diese Siegel bestätigen, was erfahrene Akupunktur-Ärzte einem im Vertrauen sagen: 140 oder 200 Stunden Ausbildung reichen nur für eine Basis-Akupunktur, die sich auf häufige Symptome und standardisierte Einstichpunkte beschränkt. „Nadelsetzen am Fließband“ nennt das Gabriel Stux, Vorsitzender der Deutschen Akupunktur Gesellschaft. Bereits diese eingeschränkte Anwendung ist bei Schmerzen hilfreich, wie die großen Krankenkassen-Studien gezeigt haben.

Klassische Akupunktur ist besser

Die klassische Akupunktur jedoch bezieht Zungen- und Puls-Diagnostik mit ein und legt Wert auf die chinesische Ernährungslehre. Die Behandlung geht individueller auf den Patienten und seinen Gesundheitszustand ein. Eine schulmedizinisch festgestellte Migräne kann in der TCM-Diagnose verschiedene Ursachen haben, was sich in unterschiedlichen Akupunkturpunkten niederschlägt. In zahlreichen Studien schneidet die klassische Akupunktur deutlich besser ab als standardisiertes Stechen. Erstaunlicherweise wirkt Akupunktur bei manchen Schmerzen auch, wenn die Nadeln an vermeintlich falschen Stellen gesetzt werden. Vermutlich löst der Stich einen kurzen Reiz aus, der die Schmerzwahrnehmung verändert. Ein Wundermittel ist das Nadeln nicht. Akute und chronische Schmerzen sind die häufigste Indikation für eine Akupunktur. Allergien, psychosomatischen Krankheiten, Depressionen, aber auch Raucherentwöhnung sind weitere wichtige Einsatzgebiete. Substanzielle Veränderungen wie Knochenbrüche, Krebsgeschwüre oder kaputte Kniegelenke können die Nadeln nicht heilen. In solchen Fällen lindert ihr Einsatz nur die Schmerzen. Eine Akupunkturbehandlung umfasst meist acht bis zwölf Sitzungen über mehrere Wochen verteilt. Bei chronischen Erkrankungen könne es auch mehr sein. Schnelle Heilerfolge gleich beim ersten Stechen sind selten und beschränken sich meist auf akute Schmerzen oder Symptome.

Je erfahrener der Akupunkteur, desto seltener tritt die häufigste Nebenwirkung auf: kleine Blutergüsse an der Einstichstelle. Der Stich selbst sollte höchstens einen kurzen oberflächlichen Schmerz auslösen. Passt der Punkt, so spürt man als Patient ein typisches Druck- und Wärmegefühl. Manchmal strahlt es sogar elektrisierend den jeweiligen Meridian entlang. „De Qi“ sagen die Chinesen dazu: „Die Lebensenergie ist angekommen.“

Therapie aus der Steinzeit

Die ersten Lehrbücher der Akupunktur schrieben die Chinesen vor über 2.000 Jahren. Doch die Behandlungsmethode ist älter. Die im Gletschereis entdeckte, 5.300 Jahre alte Mumie „Ötzi“ hatte Tätowierungen, die exakt den Akupunkturpunkten für ihre Krankheiten zu Lebzeiten entsprachen: Kreuzschmerzen und Verdauungsprobleme durch Parasiten. Die Anfänge dieser zu Ötzis Zeiten bereits ausgereiften Therapie müssen demnach tief in der Steinzeit liegen.

Erfolgreicher als die Schulmedizin

In den letzten vier Jahren haben die gesetzlichen Krankenkassen zusammen mit Universitäten die Wirksamkeit von Akupunktur untersucht. Sie überprüften Hunderttausende von Behandlungen bei Kopfschmerzen, Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbel sowie arthrotischen Knieschmerzen. Das Ergebnis: Akupunktur ist erfolgreicher als die schulmedizinische Behandlung. Ihre Wirkung hält mindestens sechs Monate an. Die Techniker Krankenkasse und die Berliner Uniklinik Charité untersuchten beide auch Nackenschmerzen, Heuschnupfen, Asthma und Menstruationsbeschwerden. Das Ergebnis: Zehn Akupunktursitzungen reduzierten in 80 bis 90 Prozent aller Fälle die Beschwerden deutlich. Erfolgreiche Studien nach strengen schulmedizinischen Maßstäben gibt es beispielsweise auch für Blasenschwäche und Magen-Darm-Beschwerden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eine Liste mit über 50 Erkrankungen veröffentlicht, bei denen sich eine Akupunktur-Behandlung anbietet.

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