Interview

"Ohne Kompromisse geht man unter"

Als Pionierin in Männerdomänen ist Heide Simonis über die Grenzen Schleswig-Holsteins bekannt geworden. Nach der gescheiterten Wiederwahl zur Ministerpräsidentin 2005 ging sie zu Unicef Deutschland. //Interview : Martin Fütterer, Fotos: Thomas Langreder

Sie waren Deutschlands jüngste Bundestagsabgeordnete, erste und einzige Ministerpräsidentin, wären Sie nicht auch gerne Deutschlands erste Kanzlerin geworden?

Die Frage stellte sich im letzten Wahlkampf einfach nicht. Es gibt keinen besseren Kanzlerkandidaten als einen amtierenden Kanzler. Aber dass ausgerechnet die CDU die erste Kanzlerin stellt, das macht mich ganz kummervoll.

Wie erklären Sie sich das?

Die CDU hat ein unverklemmteres Verhältnis zur Macht. Die rechnen sich aus, mit wem sie am ehesten das Rennen machen und der- oder diejenige wird es dann. So offensichtlich ungerührt sie darüber hinwegsehen können, dass jemand eine Frau ist, wenn es ihren Zwecken dient, genauso ungerührt können sie die auch wieder in der Versenkung verschwinden lassen, wenn es nicht so läuft.

Das hört sich fast so an, als ob die CDU das emanzipiertere Verhältnis zu Frauen hätte?

Nein. Sie haben ein Verwendbarkeitsdenken. Nützt es oder nützt es nicht? Und zwar dem Wahlsieg oder dem Machterhalt. Die CDU spekuliert heute ganz offen darüber, mit den Grünen zu koalieren. Nach dem Motto: Man weiß ja nicht, wie es bei der nächsten Wahl aussieht, deswegen muss man das jetzt mal ein bisschen üben. Noch vor kurzem haben sie bei dem Gedanken „Herr sei mit uns“ gerufen …

… die SPD aber auch lange. Ich erinnere mich gut an Ultimaten, dass so was nie in die Tüte kommen würde.

Ja, von mir zum Beispiel …

… und von Johannes Rau in Nordrhein-Westfalen.


In Heide Simonis‘ Wohnung in Kiel: Redakteur Martin Fütterer.

Die Grünen waren ja auch schwierig. Hier im Norden waren sie sehr fundamentalistisch und haben immer alles abgelehnt. Regierung auf keinen Fall, Regierungsbeteiligung auf keinen Fall – irgendwann fragt man sich dann: Warum kandidieren die denn überhaupt?

Joschka Fischer vertrat die Ansicht: Wer Einfluss nehmen will, muss mitmachen. Das heißt ja auch, sich die Finger schmutzig machen an Kompromissen.

Tja, so ist das Leben. Wenn Sie Entscheidungen treffen, dann haben diese Auswirkungen auf andere. Und oft genug sitzen Sie zwischen zwei Möglichkeiten, die Ihnen beide nicht gefallen. Wenn man in der Politik keine Kompromisse macht, dann ist man zwar reinen Herzens untergegangen, aber eben untergegangen.

Nachdem Sie immer in harten Männerdomänen zu Hause waren – ist die Arbeit für Unicef jetzt nicht doch der Rückzug in ein klassisches Frauenressort?

Es ist eminent politisch: Es geht ums Teilen. Nicht nur ums Spenden. Unicef ist nicht nur Katastrophen-Nothilfe-Organisation. Wir verstehen uns als entwicklungspolitische Institution und streben langfristige Veränderungen an. Wenn die einen zu wenig haben, dann muss man die, die mehr haben, dazu bringen, etwas abzugeben. Also fängt man an zu bohren: Dass die Millenniumsziele eingehalten werden, auf die sich alle Nationen beim Nachhaltigkeitsgipfel geeinigt haben und dass tatsächlich wie vereinbart 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes als Hilfe an die Entwicklungsländer fließen. Dass Entwicklungsländer Zugang zu den internationalen Märkten bekommen, dass Korruption abgestellt wird, …

Die Unicef gilt aber doch als politisch zahnlos. Verbindet sie nicht nur die Wunden, die andere schlagen?

Als Kinderhilfsorganisation der Vereinten Nationen sind wir allen verpflichtet und müssen in der Tat eine mehr oder weniger schmale Linie einhalten, die uns nicht in zu große Konflikte bringt. Das ist nicht ganz einfach. Aber wir haben doch die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen und unsere Ziele zu verfolgen: Gesundheit, Hygiene, Impfungen, Bildung, AIDS und Genitalverstümmelungen. Gerade Letzteres ist ein Eingriff in alte Strukturen und Traditionen.

Unicef leistet also Öffentlichkeits- und Überzeugungsarbeit, aber die Organisation hat keine wirklichen Hebel in der Hand, oder?

Doch. Wir sind die einzige operativ tätige Organisation bei den Vereinten Nationen. Wir sammeln Spendengelder und geben sie dann direkt dorthin, wo sie gebraucht werden, zum Beispiel bei der Tsunami-Katastrophe. Alle anderen UN-Organisationen sind nur verwaltend tätig. Wir können direkt mit den Regierungen sprechen und den Finger in die Wunde legen: Euer Schulsystem ist hoch ungerecht, oder was auch immer. Das haben die nicht so gerne, wenn man ihnen nachweist, dass sie nicht effizient sind oder Kinderrechte vernachlässigen, beispielsweise Kindersoldaten zulassen. Gesetze gibt es ja meistens, aber wenige halten sich daran.

Mit Ihrer Hilfe verschaffen Sie sich also das Recht, angehört zu werden?

Ja!

Können Sie sagen: Hilfe gibt es erst, wenn sich bestimmte Dinge ändern?

Das machen wir nicht. Es sind immer die Kinder, die es als Erstes und am Schlimmsten trifft, wenn etwas passiert. Ich habe das selbst erlebt, als ich in Afghanistan war mit einem Maultiertreck mit Medikamenten und anderen Hilfsgütern. Da steht dann an der ersten Ecke schon der erste „Warlord“, hält die Hand auf und hätte auch gerne was davon. Seine Kinder sind natürlich auch krank. Wenn Sie da prinzipiell werden, können Sie gleich den ganzen Krempel wieder mit nach Hause nehmen und keinem Kind ist geholfen. Oder Sie geben ihm Babywindeln, Babycreme und Babypuder, die er kaum für seine Krieger verwenden wird, und dann kommt man wenigstens zu den anderen Hilfsbedürftigen durch. Wir machen die Regierung aber darauf aufmerksam, dass so was nicht akzeptabel ist.

Sind Sie denn auch in den Wohlstandsnationen tätig?

Gegründet wurde Unicef, um nach dem 2. Weltkrieg den Kindern in ganz Europa zu helfen, ohne Ansehen von Nationalität, also auch und gerade deutschen Kindern. Heute gibt es einen Beschluss, dass die reichen Länder ihre Probleme zumindest finanziell selbst lösen können und da kein Geld mehr hinfließt. Aber auch hier weisen wir auf Handlungsbedarf hin, führen Studien durch, etwa zu Kindesarmut, Verwahrlosung und Bildungschancen, und mahnen die Regierungen, da etwas zu tun.

Was hat Sie in letzter Zeit am meisten berührt bei Ihrer Arbeit?

Ich war dieses Jahr in Pakistan. Da ist mir wieder klar geworden, welch einfache Dinge für uns selbstverständlich sind und in großen Teilen der Welt einfach komplett fehlen. Toiletten zum Beispiel. Oh nein, das ist nicht die verwöhnte Westlerin, die hier spricht. Wenn Menschen ihr Geschäft einfach in der freien Natur verrichten, ist das ein massives gesundheitliches Problem. Sie denken vielleicht an Wasserqualität, aber in einem so trockenen Klima wie in Pakistan ist die Luft viel mehr betroffen. Die Fäkalien trocknen und werden vom Wind verweht. Mit jedem Atemzug atmen Sie Sch… ein, und natürlich sämtliche Keime. Das ist mal ein Feinstaubproblem ganz anderer Sorte.

Heide Simonis

Sie wurde 1993 als erste und bisher einzige Frau Ministerpräsidentin in Deutschland. Zuvor war sie jüngste Frau im Bundestag, jüngstes Mitglied des SPD-Haushaltsausschusses und bekannt für eine unverblümte Sprache. Mit ihrem Sinn für straffe Haushaltsführung legte sie sich immer wieder mit mächtigen Interessengruppen an, zum Beispiel als öffentlicher Arbeitgeber im Tarifstreit mit der ÖTV („Ich sitze wie eine Glucke auf dem Geld“) oder bei Dienstreisen für Politiker und Beamte. Ihr Amt bei Unicef kommt nicht von ungefähr. Vor ihrer Zeit in der Politik war Heide Simonis bereits in Sambia in der Entwicklungshilfe tätig.

Unter Männern

Unter dem gleichnamigen Titel hat Heide Simonis ihre Erfahrung als Frau in Männerdomänen zusammengefasst. „Unter Männern“ DTV-Verlag,4,90 Euro, ISBN 3-423-34190-.

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