Editorial
Was ich nicht verstehe
Stellen
Sie sich vor: Ihr Nachbar pflanzt einen Baum an der Grenze
zu Ihrem Grundstück, und zwar eine Sorte, die Ihre eigene
Ernte ungenießbar und unverkaufbar macht. Der Baum verbreitet
seine Samen auf Ihr Grundstück und Sie kommen mit dem
Jäten der Schösslinge nicht nach. Der Nachbar jedoch
schickt einen Privatdetektiv, der Ihr Grundstück ohne
Ihre Erlaubnis betritt und die Schösslinge findet. Der
Nachbar zieht mit diesem Beweis vor Gericht, klagt Sie des
Diebstahls an und will Schadensersatz in Höhe des Wertes
Ihres Hauses mit Garten. Dann gibt ihm das Gericht Recht.
Unglaublich? Passiert ist das dem kanadischen Farmer Percy Schmeiser. Der „Nachbar“ war der weltgrößte Gentechnik-Konzern Monsanto (Interview Seite 43). Wobei dies beileibe kein Einzelfall ist, sondern allem Anschein nach systematische und breit eingesetzte Strategie: Nicht nur aus Kanada, auch aus Indien und Indonesien wird Ähnliches berichtet.
Was ich nicht verstehe: Warum lässt eine kanadische Regierung das zu? Wählerinteresse? So viele Arbeitsplätze und damit Regierungswähler kann Monsanto (weltweit ca. 13.700 Mitarbeiter) überhaupt nicht schaffen, um die Bauern und Unternehmen als Wähler zu ersetzen, die durch Agro-Gentechnik geschädigt werden und auf die Regierung sauer sein müssen. Auch für eine deutsche Regierung macht es keinen Sinn, Handlanger des Unternehmens zu sein, denn deutsche Wähler sprechen sich mit großer Mehrheit gegen Genfood aus. Selbst der sonst eher industriefreundliche Bauernverband rät seinen Mitgliedern von Agro-Gentechnik ab. Warum lassen deutsche Regierungen in Bund und Ländern dennoch neue genmanipulierte Pflanzen zu? Ich begreife es einfach nicht.
Indien hat die Zulassung für Gen-Baumwolle des Konzerns für den Bundes-staat Andhra Pradesh widerrufen. Die Regierung des Bundesstaates forderte Monsanto auf, die Bauern für die erlittenen Verluste zu entschädigen, die aus den schlechten Ernten und der schlechten Baumwollqualität entstanden. Das kann ich gut verstehen.
In Indonesien verbrannten Bauern öffentlich ihre Schuldscheine, mit denen Monsanto ihnen ermöglicht hatte, das teure genmanipulierte Saatgut zu kaufen, das ihnen bessere Ernten und bessere Qualitäten versprach. Die Ernte verbrannten sie gleich mit, denn sie war wegen unzureichender Qualität kaum verkäuflich. Die Proteste nahmen den Charakter eines Volksaufstandes an. Monsanto verließ das Land. Der indonesische Landwirtschaftsminister zog im Dezember 2003 das Fazit: „Die Anpflanzung von Gen-Baumwolle hat uns mehr geschadet als genützt.“ Das kann ich gut verstehen.
Nutzen für die Dritte Welt, weniger Pestizideinsatz, höhere Ernten und bessere Qualität – das sei der Nutzen der Agro-Gentechnik, wird argumentiert. Sie hat schon jetzt weltweit erheblichen ökologischen, ökonomischen und sozialen Schaden verursacht und kein Nutzenversprechen gehalten. Wer in Anbetracht aller dieser Fakten Monsanto und Co. als Beglücker von Mensch, Natur, Volkswirtschaft und Dritter Welt behandelt, den kann ich einfach nicht verstehen.
Martin Fütterer
Made bei Monsanto
Dioxin (Seveso-Gift),
Monsanto leugnete Gesundheitsgefahr und fälschte Studien.Agent Orange
(Herbizid „Lasso“, in Vietnam als Kampfstoff eingesetzt), Monsanto behauptet bis heute, zwischen Agent Orange, Fehlgeburten, Missbildungen, Krebs und anderen Krankheiten sei kein Zusammenhang nachweisbar.Mehr in einem Monsanto-Dossier von Greenpeace
Anmerkungen und Kommentare zum Artikel
| Leserbrief schreiben | Seite empfehlen | |


