Porträt

„Das Experiment geht ewig weiter “

Ein Jahr ethisch korrekt leben, geht das? Der britische Journalist Leo Hickman machte den Versuch, mit professioneller Unterstützung und langfristigen Folgen. // Philipp Schwenke

Leo Hickman ist 31, wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in einem viktorianischen Reihenhäuschen in London und gehörte zur ganz normalen Mittelschicht mit ganz normalen Konsumgewohnheiten. Und mit dem ganz normalen schlechten Gewissen in Sachen Konsum und Ethik. Also unterzog er sich einem Experiment: Er wollte ein Jahr lang versuchen, ethisch korrekt zu leben. Strom sparen, keinen Müll machen, böse Konzerne boykottieren, ausschließlich

Bio-Produkte essen, sich sozial engagieren und nebenbei noch mit seinem Job eine Familie ernähren. Seine Frau Jane mochte die Idee am Anfang nicht besonders. Sie machte schließlich doch mit, weil das schlechte Gewissen sie genauso kräftig kniff wie ihn: Dieses latente Wissen, dass jedes billige T-Shirt hundert Mal mehr kostet, als die Arbeiter verdienen, die es zusammennähen. Dass jede Kiwi eine lange Spur von Dreck und Abgasen hinter sich herzieht, bevor sie im Regal des Supermarktes landet. Dass jedes Kaufhaus nur die Spitze eines gigantischen Müllberges bildet. Dass dies aber meist doch nicht so wichtig ist, schließlich hat man gerade Hunger / nichts zum Anziehen / kein Geld für Bio-Produkte / noch andere Sorgen / es eilig.

Die Entwöhnung

Wie bei jeder Entwöhnung war auch Leo Hickman am Anfang seines Experiments auf professionelle Hilfe angewiesen, auf Menschen, die ihm sagten, was er denn überhaupt noch konsumieren dürfe und was nicht. An einem Nachmittag im Mai 2003 trafen sich deswegen in seiner Küche: Eine Expertin für Ernährung, die jeden Lebensmittelskandal kannte und die Zusammensetzung von Nahrungsmittel-Zusatzstoffen genauso auswendig wusste wie Rezepte für Dinkel-Brot. Ein Experte für Umweltfragen, der den Hickmans genau erklären konnte, wie hoch ihr Anteil an der Erderwärmung war. Und eine Verbraucherschützerin, die wusste, welche Firma in welchem Dritte-Welt-Land Diktatoren geschmiert und Minenarbeiter ausgebeutet hatte.

Die drei Experten durchstöberten Schränke, protokollierten Lebensgewohnheiten, zogen skeptisch Augenbrauen hoch und fällten am Schluss ein klares Urteil: Die Hickmans führten ein Leben, das gefährlich für sie selbst und rücksichtslos gegenüber anderen war. So wie das Leben von eigentlich jedem anderen Bewohner der westlichen Welt auch. Dabei hatten die Hickmans noch nicht einmal ein Auto.

„Wir konnten nicht alles auf einmal ändern, also mussten wir Prioritäten setzen“, sagt Hickman, „Essen war mir am wichtigsten, schließlich machen wir das dreimal am Tag.“ Also verzichteten sie auf alles, was bedenklich wegen seiner Inhaltsstoffe oder seiner Herkunft war. „Ich schaue darauf, wie viel Öl verbrannt werden muss, um Sachen zu uns zu transportieren. Bei einer Kiwi, die von Neuseeland nach London geflogen wird, wiegt das Gewicht des verbrannten Kohlenstoffdioxids fünfmal mehr als die Frucht selbst“, sagt er. Hickmans aßen nur noch Obst und Gemüse von Bauernhöfen aus der Gegend, das ihnen jede Woche mit der Green-Box geliefert wurde, und verzichteten auf alle Lebensmittel, deren Herkunft sie nicht genau kannten.

Hickman kaufte einen Mini-Komposter mit Regenwürmern, sie begannen zu recyceln, wickelten ihre sechs Monate alte Tochter mit Stoffwindeln und vermieden jede Verpackung. Eine Herausforderung in einem Land, in dem Bananen manchmal einzeln in Plastik eingeschweißt sind.

Tipps und Anregungen bekam Hickman nicht nur von seinen drei Experten, sondern auch von Menschen in aller Welt, die ihm auf seine Kolumne in der Zeitung und im Internet Post schickten. Viele haben ihn bestärkt, aber nicht alle. „Ich habe Briefe von Leuten bekommen, die sagten: Man kann recyceln und Bio-Gemüse essen – aber Kinderkriegen ist das Schlimmste, was man tun kann. Sie sind böse!“ Er hat darüber lieber nicht diskutiert. „Ich glaube, die Öko-Bewegung hat in den letzten 20 Jahren auch darunter gelitten, dass viele so verbohrt sind.“ Deswegen ist Hickman auch vorsichtig, wenn man ihn fragt, was er mit seinem Buch denn erreichen will. Die zehn Gebote stünden nicht darin, nur Möglichkeiten.

„Man kann nicht immer 100 Prozent ethisch korrekt leben“, sagt er. Den ersten wirklichen Kompromiss des Experiments leistete er sich, als seine älteste Tochter ins Krankenhaus musste. „Ich war besorgt und habe gesagt, gebt ihr die Medikamente, die sie braucht. Ob die Firma Wirkstoffe an Tieren getestet hat und ob sie Aids-Medikamente in Afrika zurückhält – darüber konnte ich mir erst hinterher Gedanken machen.“

Hickman verbrachte Wochen damit, nachzuforschen, was es mit Aluminiumchlorhydrat im Deo oder Triclosan in der Zahnpasta auf sich hat. Beide erhöhen die Krebsgefahr. Schwierig ist allerdings, diesen Dingen aus dem Weg zu gehen. Hickman versuchte es erst mit einem Deo-Stein und dann mit dem aluminiumfreien Holzduft-Deo. In der U-Bahn rückten die Menschen von ihm ab. Er testete weitere Produkte und fühlt sich heute leidlich sicher: „Enthält Flechten- und Korianderextrakt für die effektive Geruchsbekämpfung. Ob es funktioniert, müssen wohl andere entscheiden, aber ich glaube, das ist jetzt o.k.“

Ein Jahr ist nicht genug

Drei Jahre nach Beginn des Experiments kommt Hickmans älteste Tochter langsam in das Alter, in dem Kinder nach Süßigkeiten und Cola verlangen. Wie erzieht ein Mensch wie Leo Hickman seine Töchter, ohne dass sie in der Schule als Dinkelkeks-Kinder gehänselt werden? Seine eigenen Freunde haben ihn anfangs für dezent verrückt gehalten, mittlerweile haben einige von ihnen auch einen Wurmkomposter im Garten stehen. Die Green-Box mit Bio-Gemüse bekommen die meisten.

Auch nachdem Hickmans zweite Tochter geboren wurde, haben sie das Experiment nicht abgebrochen, nur bei der leidigen Windelfrage Kompromisse gemacht. Ein Auto haben sie sich trotzdem nicht gekauft, sie ertragen lieber die bösen Blicke, wenn sie mit einem Doppelbuggy in die U-Bahn steigen. „Das Experiment geht jetzt auf ewig weiter“, sagt Hickman, „es wäre ein bisschen zynisch, irgendwann einfach aufzuhören.“

„Ich spüre die Magie des Kaufens nicht mehr“

Mit Leo Hickman durch das Berliner Kaufhaus des Westens (KaDeWe) zu gehen, ist, wie wenn man mit einem Ex-Alkoholiker eine Weinhandlung besucht: Überall locken die guten Sachen, aber ihm scheint es egal zu sein. „Ich fühle diese Magie des Kaufens nicht mehr, der Reflex ist schwächer geworden“, sagt Hickman selbst. Wie es zu dieser Befreiung kam und alle anderen Umstände und Folgen seines Experimentes hat Leo Hickman in einem Buch „Fast Nackt“ beschrieben.

Hickman, Leo:
Fast nackt – Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben.

Pendo Verlag, 320 Seiten,
16,90 Euro,
ISBN 3-86612-100-8

Anmerkungen und Kommentare zum Artikel

Leserbrief schreiben Seite empfehlen
powered by
Impressum
Newsletter
Forum
Anfragen