Editorial
Wie ideal kann „Bio“ sein?
Zwei Medien haben mal wieder auf Bio eingeschlagen: Das Magazin Wissen der Süddeutschen Zeitung titelt: Illusion Bio.Ähnlich geht Neon vor, das Lifestyle Magazin des Stern. Der Autor fasst zusammen: Bio ist gar nicht so Bio.
Die
Headlines und Hervorhebungen sind negativer als die Fakten
im Text rechtfertigen. Typisch ist der Abschnitt über
Pestizide in Wissen: Dort steht, dass konventionelle Produkte
im Durchschnitt 0,4 Milligramm, Bio-Produkte 0,009 Milligramm
Pestizide enthalten. Hervorgehoben wird aber, dass Bio-Produkte
eben doch nicht frei von Pestiziden sind. Stattdessen hätte
Wissen auch bilanzieren können: Bio-Produkte enthalten
im Durchschnitt weniger als ein Vierzigstel der Pestizide,
die bei konventionellen Produkten normal sind – und
diese geringe Restmenge stammt nicht aus dem Bioanbau, sondern
von den konventionellen Nachbarn oder der Abpackerei. (Siehe
Brennpunkt)
In einem haben die beiden Medien recht: Bio ist nicht ideal. Weil Bio nicht unter idealen Bedingungen hergestellt wird:
- Die Welt ist so umfassend verschmutzt, dass auch Bio-Produkte davon nicht verschont werden.
- Auch Bio-Produkte werden über weite Strecken transportiert – so lange sich genug Käufer für die Bio-Bananen aus Übersee und die israelischen Bio-Tomaten im Winter finden.
- Bio-Tierhaltung ist zwar artgerechter als konventionelle, aber mit leben in freier Wildbahn nicht zu vergleichen.
- Selbst durch das dichte Kontrollnetz bei Bio kann mal was schlüpfen.
Allemal besser, als konventionelle Bananen aus Übersee, konventionelle, stark gespritzte Wintertomaten aus Israel, Eier aus Käfighaltung und Gammelfleisch im weitgehend unkontrollierten Döner. Oder?
Wer einen Makel an Bio-Produkten finden will, wird ihn finden. Das scheint zurzeit das Ziel der Medien zu sein. Nehmen diese Redaktionen an, ihre Leser suchen Gründe, Bio nicht zu kaufen? Ihr schlechtes Gewissen beim Kauf von konventioneller Ware zu beruhigen? Akzeptieren lieber 40 Mal mehr Pestizide, nur weil Bio nicht restlos frei davon ist? Nun ja: Manche Konsumenten lehnen Bio tatsächlich mit der Begründung ab, es sei ihnen nicht gut genug. Das ist halt so.
Auch Bio-Käufer, auch Leser von Schrot&Korn äußern immer wieder Idealvorstellungen. Das gleichzeitig biologisch und nicht in der Nähe von Mobilfunkantennen angebaute, zuckerfreie, vegane, regionale, saisonale, schadstofffreie, rückstandsfreie, faire, besser schmeckende, handverarbeitete, unerhitzte, vitaminreichere, nach dem Mond angebaute Produkt ist kaum zu bekommen. Aber diese Käufer kaufen dennoch Bio. Und Ideale darf man ja haben. Die bewegen die Welt als Ansporn.
Martin Fütterer
Vielen Dank!
Etliche Schrot&Korn-Leser kündigten ihre Konten bei der Deutschen Bank und über 3.000 meldeten sich bei urgewald.de, der Aktion gegen das geplante Atomkraftwerk im bulgarischen Belene, das mithilfe deutscher Banken gebaut werden soll. Auch foodwatch.de (Verbraucherinformationsgesetz) und campact.de (Genfood) sind sehr zufrieden mit der Unterstützung ihrer Aktionen. Vielen Dank und weiter so!
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