Interview

"Wir schulden der Dritten Welt etwas"

Er setzt sich für fairen Handel ein, isst Bio und nimmt kein Blatt vor den Mund. Außerdem betrachtet er das Leben gern von der Leiche her. //Text: Martin Fütterer // Fotos: Constantin Meyer

Er ist bekennenderBioladen-Käufer, Vegetarier und engagiert sich für die Aktion Fair-Feels-Good: Hannes Jaenicke, Filmschauspieler inDeutschland und USA.

… ah, da kommt ja Schrot&Korn!

Du kennst Schrot&Korn?

Na klar, alter Bioladen-Käufer!

Seit wann denn?

Drauf gekommen bin ich Mitte der Neunziger in den USA. Da habe ich mich mit Massentierhaltung und so beschäftigt und dann bin ich zu Whole Foods und Wild Oats gegangen, das sind die beiden größten Bio-Ketten in den USA. Die sind in den Großstädten dort so häufig anzutreffen wie hier Aldi oder Lidl. Was jetzt die Bio-Supermärkte hier in Deutschland machen, das gibt es dort schon 10-15 Jahre. Ich hatte zwei in der Nähe und also kaufte ich da ein. Hier in Köln bin ich nicht ganz so gut bestückt. Hier muss ich ein bisschen fahren. Aber es geht auch. Ein Bio-Supermarkt ist in 10 Minuten Fahrrad-Entfernung.

Kaufst du auch woanders?

Ab und zu muss ich mal woanders einkaufen, aber das tue ich ganz ungern. Klar, mittlerweile hat selbst Lidl eine Bio-Theke, die fangen jetzt alle an, sich dieses Feigenblatt umzuschnallen. Wobei ich da immer nicht so genau weiß: Ist das die Künast-Bioware oder ist das die „echte“ Bioware. Ist ja ein dezenter Unterschied.

Vegetarier bist du auch?

Ich würd mal sagen 95 Prozent. Ich vergreife mich gelegentlich noch an einem Fisch, fühl mich dann aber gleich schuldig.


Hannes Jaenicke und Redakteur Martin Fütterer
am Set für die neue Krimiserie „Post Mortem“.

Wie lange schon vegetarisch?

Über zwanzig Jahre.

Gab es einen Auslöser?

Ja. Der war eher privat. Ich habe neun Jahre mit einer Balletttänzerin zusammengelebt, die in der Küche immer alles probierte, um ihr Idealgewicht zu halten. Die probierte so zyklisch: mal makrobiotische Küche, dann wieder nur Steak und Salat, dann irgendwie nur Hirse. Und da gabs auch eine fleischlose Phase und dabei bin ich dann geblieben.

Vegetarier und Bio-Käufer findet man in Künstlerkreisen häufig. Gibt es da eine Erklärung dafür?

Vielleicht, weil sie sich besser informieren. Es hat sicher grundsätzlich mit dem Informationsniveau zu tun. Je schlechter die Leute informiert sind, desto eher futtern sie Müll. Je besser sie sich informieren, desto bewusster kaufen sie ein.

Was hat dich veranlasst, die Aktion Fair-Feels-Good zu unterstützen?

Reisen nach Afrika.

Was hast du da gesehen?

Dass große Lebensmittelkonzerne da produzieren und in den Ländern selbst nichts hängen bleibt. Wenn diese Länder auf die Füße kommen sollen, dann schaffen sie es nur, wenn sie eine richtige Infrastruktur kriegen. Wenn überhaupt was hängen bleibt, dann in der berüchtigten afrikanischen Korruption. Ich finde, wir schulden der Dritten Welt – blöder Ausdruck –, dass man nach jahrhundertelanger Ausplünderung der Bodenschätze, die ja weitergeht, irgendwann mal was zurückgibt. Nicht in Form von Cash, sondern in Form von Infrastruktur: Bildungssystem, Sozialsystem, Gesundheitssystem. Es fehlt ja an allem.

Dir kommt es also nicht nur darauf an, dass Bauern einen höheren Preis erzielen, sondern dass er auch gezielt eingesetzt wird?

Es ist natürlich eine Art Subvention. Aber wenn die USA ihre Baumwollfarmer so subventionieren, dass die afrikanischen auf dem Weltmarkt keine Chance mehr haben … Das machen übrigens die Deutschen auch. Ich habe mal einen Vertreter des Deutschen Entwicklungsdienstes im Saharastaat Niger getroffen. Der sagte: Entwicklungshilfe ist ganz einfach: Jede Mark, die wir reinstecken, muss dreifach wieder rauskommen. Da habe ich verstanden, warum Deutschland Entwicklungshilfe betreibt. Die einzige Leuchtreklame in Agadez, der größten Stadt in der Wüste ist vom Chemiekonzern Bayer. Der Rest der Stadt muss mit Kerzenlicht auskommen.

Hast du Fairtrade-Projekte besucht?

Ja, Reisbauern in Madagaskar.

Welchen Unterschied hast du entdeckt?

Die Reisfelder sehen absolut gleich aus.

Nicht am Produkt, leben die Bauern besser als ihre Nachbarn?

Ich habe absolut keine Ahnung. Aber ich gehe davon aus. In dem Dorf, in dem ich war, gab es eine Schule und eine Krankenstation, die zu Fuß erreichbar waren, und das ist selten in Afrika. Normal sind zwei Stunden Fußmarsch jeden Morgen. Deswegen sind die Afrikaner ja so tolle Leichtathleten.

Es ist doch alles zu was gut …

Es ist jedenfalls elementar wichtig, dass die Kinder in die Schule gehen. Das ist das größte Problem in Afrika, dass viele Kinder keinen Zugang zu Schulbildung haben.

Hast du was von Aids mitbekommen?

Das ist in Afrika nun nicht schwer. Die liegen in einer Stadt wie Kimberley auf dem Bürgersteig rum, ohne jede Betreuung.

Begegnungen mit dem Tod: Ist deine neue Serie Post Mortem so etwas wie ein deutsches CSI?

Inhaltlich eine Mischung aus CSI und Cold Case, stilistisch ist es Twentyfour, die Kultserie mit Kiefer Sutherland. Eine Serie, in der 24 Stunden Realzeit erzählt werden. In Deutschland neu ist die Schnittgeschwindigkeit. Der durchschnittliche Kinofilm mit 100 Minuten hat 1.100 Schnitte. Unsere Folgen sind 45 Minuten lang und haben zwischen 1.300 und 1.500 Schnitte.

Wird der Film dadurch spannender?

Viel intensiver, es springt einem einfach ins Gesicht. Eine Direktheit, die du mit dem konventionellen Schneiden und Drehen nicht mehr hinkriegst.

Was reizt dich an der Figur des Gerichtsmediziners Dr. Daniel Koch?

Es ist spannend, jemand zu spielen, der sich ausschließlich mit Toten beschäftigt, der das Leben grundsätzlich rückwärts bearbeitet, nämlich von der Leiche ausgehend. Der Tod ist ein Kapitel des Lebens, das wir weitgehend verdrängen.

Hat dich eine Story persönlich besonders berührt?

Wir haben eine Story über Sterbehilfe. Das ist in Deutschland ein merkwürdiges und heikles Thema, weil wir im Gegensatz zu anderen Ländern wie Belgien, Holland, Schweiz, Australien, USA da sehr rückständig sind. Ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Aber es ist in allen Folgen eine Geschichte drin, wir erzählen ja zwei pro Folge, die mich interessiert oder berührt hat.

Wie hast du dich in die Rolle des Gerichtsmediziners eingearbeitet?

Ich habe mir in der Gerichtsmedizin in Köln alles zeigen lassen, an echten Leichen, wie man die Schnitte setzt und so weiter. Hier arbeiten wir natürlich mit Puppen, aber die sind schon sehr originalgetreu. Wir haben Medizinstudenten auf Videos echte Leichen und unsere Puppen vorgeführt und sie konnten sie nicht unterscheiden. Das Schlimme an echten Leichen ist übrigens nicht das Aussehen, sondern der Geruch.

Hannes Jaenicke

Sein Filmdebüt hatte Hannes Jaenicke 1984 an der Seite von Götz George in „Abwärts“, einem klaustrophobischen Fahrstuhldrama. Mit über zwanzig Filmen gehört er zur ersten Garde der deutschen Kinoschauspieler, hat sich aber auch in den USA etabliert, wo er einen Teil seiner Kindheit verbrachte. Bekannte Filme und Serien: Rosa Luxemburg, Bandits, Knockin’ on Heaven’s Door, Highlander: The Raven. Aktuell dreht er an der Krimiserie Post Mortem, die nach dem Vorbild amerikanischer Serien die Fälle aus der Sicht eines Teams von Rechtsmedizinern aufrollt. Sie wird ab 18. Januar jeweils Donnerstag 20:15 Uhr auf RTL ausgestrahlt.

Filmtipp

So fühlt sich Liebe an.

Ein Fernsehfilm mit Hannes Jaenicke. Ein Chefredakteur in der Midlife Crisis.

DVD, Verlag Das Erste,
9,99 Euro

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