Natürlich chic
Auf der Londoner Fashion Week 2006 präsentierten Models Öko-Designer-mode, Prominente engagieren sich für Sozialstandards auf Baumwollplantagen und holländische Öko-Jeans sind Kult. Doch was ist ethisch korrekte Mode? Einheitliche Standards gibt es bisher nicht. // Astrid Wahrenberg
Bio und Fair Trade sind angesagt. Sogar auf dem Laufsteg ist das Öko- und Ethikbewusstsein angekommen. Ein Beispiel ist die "Ethical Fashion Show" in Paris. Vergangenen Herbst präsentierten 60 Designer aus 20 Nationen zum dritten Mal ihre ethisch korrekte Mode. In einem Codex verpflichten sie sich zur Schaffung sozialer und fairer Arbeitsbedingungen und zu einer möglichst chemiefreien Textilkette, wenn möglich mit Fasern aus Bio-Anbau.
In der Praxis setzen die Hersteller und Designer unterschiedliche Schwerpunkte. Einheitliche Richtlinien für "ethisch korrekt" gibt es jedoch nicht. Unabhängige Kontrollen und Zertifizierungen sind noch nicht Standard.
Peter Ingwersen, Gründer des dänischen Designerlabels "Noir", beispielsweise vereint Mode und soziales Engagement, indem ein Teil der Gewinne in die Noir-Foundation fließt. Hiermit werden Projekte wie die medizinische Versorgung der Arbeiter auf den Bio-Baumwollplantagen finanziert.
Für Menschen in Afrika engagiert sich U2-Sänger Bono mit dem Label "Red". Er konnte unter anderem Modezar Armani für Entwürfe begeistern. Gewinne aus der Red-Kollektion, für die teilweise ökologisch erzeugte Stoffe verarbeitet werden, gehen in Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose. Mit dem Label "Edun" hat Bono noch ein weiteres Fair-Fashion-Projekt komplett aus Öko-Baumwolle gestartet.
Erfolge mit fairem Handel und Textilien aus Öko-Baumwolle feiert auch die amerikanische Kette American Apparel. Die T-Shirts und Jogginghosen nähen mexikanische Einwanderer in Los Angeles. Sie verdienen doppelt so viel wie gesetzlich vorgeschrieben, sind krankenversichert und bekommen kostenlosen Englischunterricht.
Weltweit entwerfen Designer Szeneklamotten für eine trendbewusste und konsumkritische Jugend, denn der Style muss stimmen. Die Stückzahlen von Labeln wie "Misericordia" sind niedrig, zu kaufen gibt es sie nur in Szeneläden einiger Metropolen oder im Internet.
Zu Kultstatus unter hippen Großstadtkids hat es die Marke Kuyichi gebracht. Die Hosen kommen aus fairem Handel und werden zu rund 60 Prozent aus Bio-Baumwolle gefertigt. Das weiß aber kaum jemand. Nicht so wichtig, sagt Verkaufsmanager Rozendaal. Die Kundschaft kaufe in erster Linie, weil der Stil gefällt. Das Ethikplus nehme man dann gerne mit.
Deutsche Firmen als Wegbereiter
Modischer Stil und Tragekomfort an erster Stelle, Öko und Ethik als Zusatznutzen – das wollen deutsche Kunden auch, sagt Harald Müller, Geschäftsführer bei der Naturtextilfirma Consequent. Doch Tragekomfort, wie man ihn von konventionellen Textilien kennt, lässt sich ausschließlich mit Naturstoffen nicht verwirklichen. Damit Socken nicht rutschen, Unterwäsche wie angegossen sitzt und Baumwollshirts nicht ausleiern, hilft Elastan, eine synthetische Faser, die Stoffe dehnbar macht. Hersteller, die kein Elastan verwenden möchten, beschränken sich auf Oberbekleidung aus Naturfasern wie Leinen oder Hanf. Ein Gesamtsortiment, von Unterwäsche bis Business-Outfit, in vielen Farben und Naturtextilqualität umzusetzen, erfordert viel technisches Know-how.
Den Ethiktrend spüren auch die deutschen Naturtextilunternehmen, von denen manche schon 30 Jahre im Markt etabliert sind. Ohne diese Unternehmen als Wegbereiter sei die aktuelle Entwicklung überhaupt nicht möglich gewesen, sagt Hermann Kohnen, Geschäftsführer von Lana-Natur. Das Naturtextil-Unternehmen verzeichnet zurzeit eine rege Nachfrage aus den USA, England und Japan. Eine steigende Nachfrage spürt auch Consequent. Die hessische Naturtextilfirma Hess Natur hatte im letzten Jahr sogar ein "gesundes Umsatzwachstum von 11 Prozent", sagt Pressesprecherin Verena Kuhnert. Mit der Eröffnung "des größten deutschen Ladengeschäfts für Naturmode", am Firmensitz in Butzbach, reagiert Hess Natur auf das gestiegene Interesse. Zehn weitere Ladengeschäfte will das seit sechs Jahren zum Karstadt-Quelle-Konzern gehörende Unternehmen bis 2010 in Deutschland, Österreich und der Schweiz eröffnen und den Katalog für Babybekleidung gibts jetzt auch in England.
Siegel für Öko-Textilien
Zertifizierungsmöglichkeiten für Naturmode gibt es zurzeit sehr viele. Das Pestizid-Aktions-Netzwerk Pan-Germany führt in einem Leitfaden rund 50 nationale und internationale Öko-Textillabel auf. Die Zeichen und Standards haben unterschiedliche Richtlinien und Schwerpunkte, wobei die beiden Logos vom Internationalen Verband für Naturtextilwirtschaft e. V. (IVN), einem Zusammenschluss zahlreicher Hersteller und Versender von Natur-Mode, als eine der strengsten und umfassendsten Naturtextil-Labels gelten.
Neues Textilsiegel für Europa
Für mehr Klarheit und Sicherheit – ähnlich dem EU-Bio-Siegel für Lebensmittel – soll künftig ein international gültiges Zeichen sorgen – der Global Organic Textile Standard, kurz GOTS. Er wurde im Oktober letzten Jahres auf den Weg gebracht und ist in weiten Teilen identisch mit den nun abgelösten IVN-Richtlinien. GOTS erfasst die ganze textile Kette (Bio-Anbau, fairer Handel, Sozialstandards, Textilausrüstung, Entsorgung). Unabhängige Kontrollorganisationen sollen die Einhaltung der Kriterien sichern. Der deutsche IVN hat zwei Labels dazu verabschiedet:
- "Naturtextil IVN zertifiziert GOTS" soll den Kunden signalisieren, dass die neuen internationalen Naturtextil-Standards eingehalten wurden.
- "Naturtextil IVN zertifiziert BEST" übertrifft den GOTS. Hier führt der IVN noch zusätzliche Kontrollen vor Ort durch, die die Einhaltung der Sozialrichtlinien gewährleisten sollen.
Zunächst hofft der Verband, dass sich das neue Regelwerk als internationaler Standard im Siegel-Dschungel durchsetzen wird. Dabei sollen informierte Kunden mithelfen. Wenn sie nach GOTS-zertifizierten Textilien fragen, wächst der Druck auf die Zulieferer und wiederum auf deren Vorlieferer wie Spinnereien, Färbereien und Veredelungsbetriebe.
Der Druck war bislang offensichtlich noch nicht groß genug, denn bis heute liefert der Weltmarkt nicht ausreichend Leinen, Wolle, Hanf und Seide in Bio-Qualität. Nur ökologisch angebaute Baumwolle ist auf dem Weltmarkt in nennenswerten Mengen verfügbar. Wobei der Weltmarktanteil von Bio-Baumwolle im Baumwollsegment insgesamt nur bescheidene 0,1 Prozent beträgt.
Wegen der schlechten Versorgungslage hat Hess Natur vor vielen Jahren schon eigene Anbauprojekte initiiert. Das zahlt sich heute aus. Fast 100 Prozent der Baumwollartikel sind aus ökologisch angebauter Baumwolle gefertigt, der Anteil an "Organic Silk" liegt bei Artikeln aus reiner Seide bei 54 Prozent, bei Schurwolle kommt die Firma auf 34 Prozent aus kontrolliert biologischer Tierhaltung. Projekte wie die Förderung von Leinanbau in Hessen oder die Wollerzeugung vom Rhönschaf unterstützen außerdem die Region.
Immerhin zeigt das verabschiedete GOTS-Label erste Wirkung. Neben verschiedenen Herstellern von Naturtextilien planen anerkannte Bio-Zertifizierungslabel wie "Biore" oder "Skal" den Beitritt zu den GOTS. Bis der Kunde das GOTS-Zeichen auf Naturmode finden wird, muss er sich aber noch gedulden. Die Zertifizierung der gesamten textilen Kette eines Unternehmens nach GOTS kann bis zu zwei Jahren dauern. So lange wird es im Naturtextilbereich weiterhin unterschiedliche Maßstäbe geben.
Wer detailliert wissen will, wo und wie Rock oder Hose produziert wurden, welche Farben eingesetzt und welche Sozialstandards eingehalten wurden, muss beim jeweiligen Hersteller nachfragen beziehungsweise die Unternehmensphilosophie durchlesen, die viele detailliert offenlegen.
Sommermode in Schrot&Korn
Bei den hier vorgestellten Modellen haben wir das Nachfragen für Sie übernommen. Die Modelle erfüllen folgende Kriterien:
- Sie sind aus Naturfasern gefertigt (Baumwolle, Leinen, Hanf, Wolle, Seide). Wurde Elastan wegen der Funktionalität beigemischt, geben wir das an.
- Schwermetallhaltige Farben wurden nicht eingesetzt.
- Vollständiger oder weitgehendster Verzicht auf eine chemisch-synthetische Veredelung.
- Verzicht auf gentechnisch manipulierte Baumwolle, sogenannter Bt-Baumwolle. (Baumwolle hat einen Anteil am Textilfaser-Weltmarkt von 38 Prozent, laut Greenpeace ist davon etwa 20 Prozent Bt-Baumwolle.)
- Richtlinien für soziale Standards und faire Handelsbedingungen liegen vor.
- Stammen die Fasern aus Bio-Anbau bzw. ökologischer Tierhaltung (Wolle, Seide), geben wir das extra an.
Anmerkungen und Kommentare zum Artikel
| Leserbrief schreiben | Seite empfehlen | |


