Sinnvoll Fasten
Macht klar im Kopf
Vom Fasten profitiert die Persönlichkeit mehr als die Figur. Denn wer bewusst eine Weile verzichtet, bekommt Lebensqualität geschenkt – die hält länger an als der Gewichtsverlust. // Astrid Wahrenberg
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In zehn Tagen sechs Kilo abspecken – diese in Bierlaune abgeschlossene Wette verlor Peter Milde. Am dritten Fastentag setzten so starke Kopfschmerzen ein, dass er seinen ersten Versuch abbrechen musste ... Mal eben ohne mentale und körperliche Vorbereitung ein paar Tage fasten, weil der Gürtel spannt – das funktioniert nämlich nicht. Dann erlebt man Fasten als Askese, quält sich und empfindet die Mühen oder den Abbruch als persönliches Scheitern.
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Beim Essen fängt es an. So fällt einem plötzlich auf, wie viel sich normalerweise um dieses Thema dreht. Ohne den gewohnten Trott mit Einkaufen gehen, kochen und ohne gewohnte Essensrituale entsteht eine Lücke, die wir als Leere empfinden. Gleichzeitig fühlt man sich stolz, eine Weile darauf verzichten zu können. Zu wissen, "Ich kann das", gibt Kraft. Fernseher und Radio bleiben am besten aus, sie lenken nur ab. Ohne Alkohol, Zigaretten, Kaffee und Schwarztee fallen auch die Genussmittel weg. Für viele ist es schwer, das auszuhalten. Wer sich sonst im Alltag mit Essen belohnt, kann nun lernen, sich mit anderen Dingen etwas Gutes zu tun. Zum Beispiel raus an die frische Luft gehen oder in die Badewanne abtauchen mit einem guten Buch. Deshalb gibt es so viele Fastenangebote, die über die erste Zeit mit einem Rahmenprogramm hinweghelfen. Ideal
sind Naturerlebnisse, kombiniert mit körperlicher Aktivität, also beispielsweise Fastenwandern. Dabei geht es gar nicht darum, große Strecken zurückzulegen. Wichtiger ist es, mit den durchs Fasten geschärften Sinnen Eindrücke intensiv zu spüren: Sonne oder Regen auf der Haut, Vogelgezwitscher oder den Atemrhythmus. Man lernt, sich an kleinen Dingen zu freuen und zu genießen.
Fastenwandern, -malen, -tanzen
Der Gewinn des Fastenwanderns sei der Gewinn an Leben, an Lebendigkeit, an geistiger und seelischer Klarheit, sagt Fastenarzt Dr. Lützner. Wer will, kann auch in der Wüste Sinai fasten oder seiner neu gewonnenen Kreativität in Mal-, Tanz- oder Gesangskursen Ausdruck verleihen. Sogar Klöster öffnen ihre Pforten und laden zum Fasten an diese besonderen meditativen Orte ein. Gläubige aller Weltreligionen haben immer schon gefastet. Denn die Leere zuzulassen bedeute auch, "die innere Stimme zu hören", sagt Fastenleiterin Bettina Wagenbach. Mönche und Nonnen fasteten früher als Vorbereitung auf hohe Feiertage, das sollte sie Gott näher bringen.
Da kommt was in Gang
Die Äbtissin Hildegard von Bingen schätzte das Fasten als Hinwendung zu maßvoller Lebensführung und weil es "Türen nach innen öffnet" – die viel zitierte Selbsterfahrung. "An ihr können wir persönlich wachsen", sagt Wagenbach. Wenn sich die Türen zu unserem Innersten öffnen, "kann Klarheit entstehen, es können aber auch unbequeme Fragen auftauchen, die wir im Alltag vielleicht verdrängen – etwa, ob wir im Job oder mit der Partnerschaft noch zufrieden sind". Die Kursleiterin erlebt öfter, dass solche Prozesse anfangs Schmerzen, Wut, Niedergeschlagenheit oder schlechte Laune auslösen, "das ist ganz normal, da kommt etwas in Gang". Meditation hilft durch die Krise hindurch. Zum Glück sind solche Fastenkrisen eine vorübergehende Erscheinung. Auslöser für die Missstimmung kann auch der Koffein- und Nikotinentzug sein. Nach den ersten zwei bis drei Fastentagen setzt bei den allermeisten eine Wende ein. "Der Kopf gewinnt an Klarheit, die Dinge ordnen sich neu", sagt Wagenbach.
Fasten kann so glücklich machen
Vielleicht gerät man dann sogar in jenen euphorischen Zustand, von dem manche erzählen. Zwangsläufig ist das aber nicht. Es dürfte damit so ähnlich sein, wie mit dem Runners-High beim Langstreckenlauf. Manche reißt ein rauschhaftes Gefühl mit, das die Anstrengung vergessen macht, andere fühlen sich ein bisschen schwindelig vor Glück und einige merken eigentlich nichts Besonderes. Fakt ist, dass der Körper beim Fasten das Stresshormon Kortisol herunterfährt. Wir werden ruhiger. Nach einigen Tagen Fasten schüttet die Hirnanhangdrüse das Gute-Laune-Hormon Serotonin aus, das Glücksgefühle auslösen kann. Das hat der Neurobiologe Gerald Hüther von der Universität Göttingen in einer Studie herausgefunden. Ein Trick der Evolution, der über den Essensentzug hinwegtröstet. Mönchen im Mittelalter verhalf übrigens ein anderes Mittel zu rauschhaften Zuständen beim Fasten. Sie tranken Bier. "Liquida non frangunt ieiuni 0um" – Flüssiges bricht das Fasten nicht – hieß es zu jener Zeit.
Vision Quest in der Wildnis
Wer die Fastenerfahrung steigern möchte, kann sich auf Vision Quest (deutsch: Visions- oder Sinnsuche) einlassen. Die Idee kommt aus den USA, ursprünglich von den Ureinwohnern, die ihre Jugendlichen mit diesem Ritual in die Erwachsenengemeinschaft aufnahmen. Nur mit dem Nötigsten zum Leben ausgestattet, blieben sie bis zu vier Tage fastend allein in der Natur. Nicht alle halten die Extremsituation aus. Muss auch gar nicht sein. Die Grenzen zu spüren, genügt manchmal schon.
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