Interview

"Jetzt erst recht!"

Senait Mehari stammt je zur Hälfte aus Eritrea und Äthiopien. Im Befreiungskampf Eritreas Anfang der 80er-Jahre überlebte sie als Kindersoldatin. Seit zwanzig Jahren lebt sie in Deutschland. // Text: Martin Fütterer, Fotos: Thomas Langreder

MehariSenait Mehari hätte jede Menge Grund, bitter und deppressiv zu sein. Stattdessen strahlt sie Lebensfreude und Optimismus aus und gibt noch anderen Menschen davon ab.

Gestern hast du hier in Hamburg einen Freund mit zu Grabe getragen. Wen?

Meinen Rechtsanwalt – und vor allem ein sehr guter Freund von mir. Er war erst 46 und ist an einem Herzinfarkt gestorben. Im Schlaf. Eigentlich ein schöner Tod, aber er war noch so jung. Ich bin sehr traurig darüber.

Wie viele Tote gab es in deinem Leben?

Wie kann man helfen?

Friedensband
Informationen und Aktionen zum Thema Kindersoldaten finden Sie bei: Aktion Weißes Friedensband e.V., Himmelgeister Str. 107a, 40225 Düsseldorf, Tel 0211/9945137 www.friedensband.de

Oh, die will ich lieber nicht zählen. Der Tod begleitet mich schon mein Leben lang.

Besonders intensiv hattest du sicher als Kindersoldatin in Eritrea mit dem Tod zu tun. Wie alt warst du da?

Mit sechs hat mein Vater mich den Kämpfern der eritreischen Befreiungsfront übergeben. Mit neun hat mein Onkel Haille mich da wieder rausgeholt.

Wie muss man sich denn das vorstellen: Eine Sechsjährige geht mit dem Sturmgewehr auf die Feinde los?

Am besten stellt man sich das gar nicht vor, weil es so furchtbar und absurd ist. Nein, ich war die meiste Zeit viel zu klein, um ein Gewehr zu halten. Meine Aufgabe war, in der Wüste Holz und Wasser für die Älteren zu holen, zu kochen – und Leichen zu vergraben. Aber ich wurde größer und die Älteren wurden nach und nach getötet. Irgendwann musste auch ich ein Gewehr tragen. Zum Glück musste ich nie auf jemand schießen. Es ist ja auch nicht so, dass man gezielt Kinder als Kämpfer in diesem Krieg eingesetzt hätte. Es gab einfach irgendwann kaum noch Erwachsene, die kämpfen konnten.

Das hört sich fast an, als hättest du Verständnis dafür, Kinder in den Krieg zu schicken …

Nein, nein, auf gar keinen Fall! Kinder im Krieg sind nicht zu entschuldigen! Trotzdem hat sich meine Einstellung dazu gerade in den letzten Monaten noch mal verändert. Vorher war ich immer sehr wütend darüber, was man mit mir und meinen Kameraden im Krieg angestellt hat, und ich fand das absolut schrecklich. Jetzt war ich in Uganda und habe dort gesehen, dass es noch viel schrecklichere Dinge gibt. In Eritrea hat man die Kinder nicht gezielt als Kinder in den Krieg geschickt, sondern weil sonst niemand mehr kämpfen konnte. In Uganda werden Kinder bewusst und mit unbeschreiblich grausamen Methoden zu Killermaschinen abgerichtet.

Mehari
Senait Mehari im Gespräch mit Redakteur Martin Fütterer.

Auf welche Weise?

Die Kindersoldaten in Uganda müssen zum Beweis ihrer Härte Babys ins Feuer werfen, ihre Verwandten werden vor ihren Augen enthauptet – von der eigenen Armee, um ihnen jede Wurzel und jede Hoffnung auf Normalität zu nehmen. Die Mädchen werden gleich von mehreren Kommandeuren systematisch vergewaltigt und absichtlich mit Aids infiziert. Wenn du mit diesen Kindern sprichst, fehlt jeder Gesichtsausdruck, jede Emotion, jede Menschlichkeit. Dass das Lebewesen sind und keine Maschinen, merkst du erst, wenn ihr Blut fließt. Bestimmt schlafen die sogar mit offenen Augen.

Wie hast du darauf reagiert?

Wenn ich mit diesen Kindern spreche, dann schäme ich mich, dass ich dachte, mein Schicksal wäre schwer gewesen. Und ich kann auch zwischen verschiedenen Situationen unterscheiden, unter denen eine Armee Kindersoldaten einsetzt. Keine davon liefert eine Rechtfertigung, aber es gibt anscheinend noch erhebliche Steigerungen des Wahnsinns, den ich selbst in Eritrea erlebt habe.

Mehari

Wie hast du eigentlich überlebt?

Ganz praktisch: Weil mein Onkel mich herausgeholt hat. Wenn du die mentale Seite meinst: Weil ich nach Deutschland kam und hier haben Kinder Rechte – und sie werden auch durchgesetzt. Hier gibt es ein Jugendamt. Hier gibt es Therapie. Das alles ist in Afrika unbekannt. Dort haben Kinder gar nichts.

Welcher deiner persönlichen Eigenschaften verdankst du dein Überleben?

Wahrscheinlich meinem Trotz und Widerspruchsgeist. Wenn man mir sagt, ich sei nichts wert oder hätte keine Chance, weckt man nur den Trotz in mir: jetzt erst recht! Außerdem hatte ich die Hoffnung. Ich sage gern: Die Hoffnung stirbt zuletzt und bei mir kam es nicht zu diesem Letzten. Ich habe immer gedacht: Das kann nicht alles gewesen sein, das Leben hat noch etwas anderes für mich zu bieten und ich habe immer gesehen, dass die Welt nicht nur schlecht ist.

Siehst du inzwischen in deiner Geschichte einen Sinn?

Ganz sicher! Ich habe gelernt, mich an sehr kleinen Dingen zu freuen, ich habe erfahren, dass ich viel stärker bin als ich dachte. Ich möchte mit niemand tauschen und nichts ändern.

Du kannst nun auch etwas für deine Leidensgenossen bewirken ...

Natürlich, auch da liegt ein Sinn darin. Ich kann für all die sprechen, die keine Stimme haben.

Wirst du denn nicht müde, deine Geschichte immer und immer wieder zu erzählen?

Das war tatsächlich eine Zeit lang so, als das Buch Feuerherz erschien. Das Interesse so vieler Menschen hat mich erst mal überfordert. Heute denke ich, dass es einfach meine Aufgabe ist, mit meiner Geschichte etwas für die anderen zu tun, die Gleiches oder Schlimmeres erlebt haben und noch immer erleben.

Leidest du noch heute unter den Folgen?

Jeder kann mich leicht verletzen. Eine wildfremde Person kann mich beleidigen und ich habe wenig, um mich gegen die innere Verletzung zu wehren. Da einfach drüberzustehen und das nicht an mich heranzulassen, das kann ich noch nicht.

Kannst du inzwischen ohne laufenden Fernseher schlafen oder macht dir die Stille der Nacht immer noch Probleme?

Ihr seid die Ersten, die es erfahren: Ja! Seit ich schwanger bin! Ich bin jetzt im fünften Monat und von dem Moment an, wo ich wusste, ich bekomme ein Kind, konnte ich einfach schlafen. Meine Freundin meint, das sei der Mutterinstinkt. Ich würde jetzt meine eigenen Probleme, Erfahrungen und Vergangenheit hinten anstellen und mich ganz auf die Bedürfnisse des Kindes konzentrieren. Das finde ich toll!

Du bist nach zwanzig Jahren in Afrika auf die Suche nach deiner Familie gegangen und hast eine Großmutter und einen Bruder gefunden, die man bis dahin vor dir verborgen hat. Hast du jetzt deine Wurzeln gefunden?

Vieles habe ich ja schon vorher geahnt, aber ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um mir Gewissheit zu verschaffen. Zum Beispiel müssen fast alle in meiner Familie gewusst haben, dass ich in diesen schrecklichen Waisenhäusern war, nachdem meine Mutter mich als Kleinkind in einem Koffer ausgesetzt hat, in dem ich fast gestorben wäre. Aber jahrelang hat keiner etwas getan und alle geben allein meiner Mutter die Schuld. Das ist halt so, ich akzeptiere es, es macht mich natürlich nicht glücklich. Aber ich bin auf eine bestimmte Weise angekommen. Meine Therapien, meine Bücher, die mit ihren Erinnerungen und Nachforschungen auch eine Art Therapie waren, und meine persönlichen Begegnungen mit den Zeugen in der Familie haben dazu geführt, dass ich heute weiß, woher ich komme und wer ich bin. Das ist ein gutes Gefühl.

Ist die Lage in Eritrea und Äthiopien heute eigentlich besser als in deiner Kindheit?

Der Unabhängigkeitskrieg damals war ja schon verständlich. Äthiopien hielt seine Provinz Eritrea buchstäblich gefangen. Keiner konnte seine Meinung frei sagen, es galt Ausgangssperre, Leute verschwanden, alles wurde kontrolliert und überwacht. Das hält ein Volk nicht ewig aus. Leider hat der damalige Befreier, der heutige Präsident Isayas Afewerki, das Land nun wieder in eine Gefangenschaft geführt. Es gibt nur eine Partei, wieder keine Meinungsfreiheit, kritische Menschen verschwinden auf geheimnisvolle Weise, wer von einer Stadt in die andere ziehen will, braucht eine Genehmigung mit einer Gebühr von einem Jahreseinkommen. Außerdem ist Krieg zwischen Äthiopien und Somalia. Äthiopien wird von den USA gestützt und hat 80 Millionen Einwohner. Somalia wird von Gaddafi und Islamisten unterstützt und hat ungefähr 10 Millionen Einwohner. Eritrea hat 4 Millionen Einwohner. Der Präsident befürchtet, dass Äthiopien nach einem Sieg über Somalia von dort nach Eritrea einwandert, und hat seine 2.000 Soldaten schon an die somalische Grenze verlagert. Ich habe eine äthiopische Mutter und einen eritreischen Vater, meine Familie lebt halb hier, halb da. Die Sprache, die Religion, die Kultur ist dieselbe. Aber es muss ja unbedingt um die Macht gekämpft werden.

Ist diese Situation typisch für Afrika?

Auf jeden Fall. Der schwarze Mann glaubt nicht an sich selbst. Vielleicht haben Ausbeutung und Unterdrückung zu lange gedauert, zu viel zerstört. Keiner hat mehr Hoffnung, dass es mal besser wird, deswegen schaut jeder nur auf den eigenen Vorteil. Das ist auch der Grund für die allumfassende Korruption in Afrika. Nimm, was du kriegen kannst, und zwar sofort, du weißt nicht, was noch kommt. Macht und Geld sind alles in Afrika, im Kleinen wie im Großen. Gemeinwohl, Menschenleben, selbst das Leben der eigenen Kinder, all das zählt nichts gegenüber dem unmittelbaren Vorteil und dem Recht des Stärkeren. So ist das in Gesellschaften, in denen es praktisch keine funktionierende Struktur, keine Rechtssicherheit, kein Sozialsystem, keine Perspektive über den Tag hinaus gibt.

Du schreibst, dass „Afrikaner“ bei den Afrikanern als Schimpfwort gilt ...

Es gibt kein afrikanisches Gemeinsamkeitsgefühl. Helle Haut ist DAS afrikanische Schönheitsideal, wer dunkel ist, auf den sieht man herab. Im Dorf genauso wie zwischen den Nationen. Aufhellungscreme ist der meistverkaufte Kosmetikartikel in Afrika, das sagt doch schon alles. Die hellhäutigeren Nordafrikaner sagen: Was haben wir mit Afrika zu tun, wir sind doch nicht negroid! Die Äthiopier hält man für arrogant, weil sie darauf verweisen können, dass sie noch nie kolonialisiert worden sind. Jeder findet Gründe, die anderen entweder arrogant oder minderwertig zu finden.

Wie ist es, in Deutschland zu leben als dunkelhäutiger Mensch?

Sehr gut.

Keine Probleme mit Rechtsradikalen, Glatzen, No-Go-Areas?

Wenn mir Glatzen begegnen –ich schreie die an – Was willst du? Mach mich nicht an! Hau ab, sonst kriegst du echt Probleme! – dann ziehen die Leine. Wenn die merken, dass du dir deiner selbst und deiner Rechte sicher bist, dann suchen sie sich ein leichteres Opfer. Wenn du dich schwach und unsicher zeigst, dann glauben sie, sie könnten dich ohne Folgen fertig machen. Ich bedaure natürlich jeden einzelnen Vorfall von Gewalt gegen Ausländer, aber ich bitte euch: Das ist kein rein deutsches Problem. Es ist ein Problem der Unzufriedenheit mit dem eigenen Status, der wirtschaftlichen Lage und den Chancen, die jemand für sich sieht. Überall auf der Welt gehen die Unzufriedenen, die Chancenlosen auf die Minderheiten los und machen sie zum Sündenbock für die eigenen Probleme. Aber nicht überall haben alle Menschen die gleichen Rechte und gibt es Polizisten und Gerichte, die die Minderheiten schützen oder Übergriffe verfolgen. In Afrika ist das nicht der Fall. Ich bin glücklich, hier zu leben.

Einen guten Start ins Leben hatte sie nicht

Ihre verzweifelte Mutter setzte Senait Mehari in einem Koffer aus. Nur durch Zufall wurde sie entdeckt und kam ins Waisenhaus. Mit sechsübergab ihr Vater sie der eritreischen Befreiungsarmee, drei Jahre überlebte sie als Kindersoldatin im Krieg gegen Äthiopien. Mit 16 gelangte sie über den Sudan nach Deutschland. Eine intakte Familie fand sie auch da nicht. Aber Gelegenheit und Unterstützung, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Mit ihrem Buch „Feuerherz“ schrieb sie sich ihr Schicksal von der Seele – und vielen Menschen eine Botschaft ins Herz: Die Hoffnung stirbt zuletzt. www.senaitmehari.de

Zum Töten gezwungen

Kindersoldaten sind nicht immer nur ein letztes Mittel, sondern werden auch gezielt eingesetzt, denn Kinder sind leicht beeinflussbar und billig zu unterhalten. Im Kongo und Liberia überfallen Rebellen gezielt Schulen und Krankenhäuser und zwingen die Kinder an die Waffe.

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