spezial: Bienen in Gefahr

Emsig und am Ende

Apis mellifera, die heimische Honigbiene, ist in Gefahr. Immer mehr Bienen kehren nicht in ihre Stöcke zurück. Immer mehr Völker sind zu Frühjahrsbeginn tot. Was fehlt den Insekten? Wer bestäubt in Zukunft unsere Obstbäume? // Leo Frühschütz

Jim Doan ist Pollinator. Sein Auftrag lautet „Bestäuben!“. Dafür fährt der Amerikaner Hunderte von Meilen – mitsamt seinen „Mitarbeitern“. Die befinden sich hinter ihm auf der Ladefläche seines Trucks: Tausende von Honigbienen, in Bienenstöcken auf Paletten gestapelt.

Mit dem Gabelstapler lädt er sie ab, in Erdbeerplantagen, Gurkenfeldern oder Apfelgärten – und kassiert. 30 bis 50 Dollar zahlen die Farmer für jeden seiner 3.000 Bienenstöcke, den er für zwei, drei Wochen bei ihnen aufstellt. In den Mandelplantagen Kaliforniens bringt jedes Bienenvolk sogar 150 Dollar. Denn ohne die gemieteten Bienen gäbe es wenig zu ernten. In Deutschland bestäuben die Honigbienen gratis – noch. „Es gibt Obstbauern, etwa in der Bodenseeregion, die händeringend nach Imkern suchen“, weiß Manfred Hederer, Präsident des Berufs- und Erwerbsimkerbundes.

Immer weniger Imker

Doch die Imker und mit ihnen die Bienen werden immer weniger. In den letzten 50 Jahren sank die Zahl der Bienenvölker von zwei Millionen auf 800.000. Zwar gibt es noch 80.000 Imker, doch die meisten von ihnen betreiben die Bienenhaltung als Hobby und haben nur wenige Völker. Das Durchschnittsalter der Mitglieder im Deutschen Imkerbund liegt bei 60. „Es gibt Dörfer, in denen kein einziger Imker lebt, kein einziger Bienenstock mehr steht“, zieht Manfred Hederer Bilanz. Den Imkern macht nicht nur der fehlende Nachwuchs zu schaffen, sondern mehr noch das zunehmende Bienensterben. Die Bienenvölker kommen immer schlechter über den Winter. In manchen Jahren stirbt ein Drittel der Tiere. Thomas Radetzki, Imkermeister und Mitarbeiter von Mellifera – Vereinigung für wesensgemäße Bienenhaltung, sieht dafür mehrere Ursachen: „Die Bienen können sich in der monotonen Agrarlandschaft nicht mehr ausgewogen ernähren.“ Hinzu komme die chronische Vergiftung der Tiere durch einen Cocktail an synthetischen Pestiziden.

Das alles macht sie anfälliger für Krankheiten, vor allem für solche, die sie bisher nicht kannten und gegen die sie sich nicht wehren können. Die bekannteste ist die 1977 nach Deutschland eingeschleppte Varroa-Milbe. Viele Bienenforscher, aber auch die Hersteller von Pestiziden, sehen in der Milbe die wesentliche Ursache des Bienensterbens. Thomas Radetzki weist darauf hin, dass die Bienenvölker vor zwanzig Jahren noch deutlich mehr Milbenbefall verkraftet hätten als derzeit. Dass sie dem Parasit nun verstärkt zum Opfer fallen, ist für ihn ein Zeichen: „Die Widerstandskraft der Bienen ist geschwunden.“

Kulturpflanzen bedroht

Auch die wild lebenden Bienen und Hummeln werden immer weniger. In einem EU-Forschungsprojekt namens „Alarm“ haben Wissenschaftler aus mehreren Ländern nachgewiesen, dass in den letzten 25 Jahren sowohl die Vielfalt der wildlebenden Bienen als auch der von ihnen bestäubten Blütenpflanzen deutlich zurückging. Auch Kulturpflanzen könnten vom Rückgang der Vielfalt bei den Bestäubern bedroht sein. Alexandra Klein, Agrarökologin an der Universität Göttingen, hat mit Kollegen aus aller Welt Daten aus über 200 Ländern zu einer umfassenden Studie zusammengetragen. „Unsere Ergebnisse beweisen zum ersten Mal auf globaler Ebene, dass sehr viele Kulturpflanzen weniger und qualitativ schlechtere Früchte und Samen produzieren, wenn Bestäuber ausgeschlossen werden“, lautet ihre erschütternde Bilanz.

Zwar sind von den 115 wichtigsten Nutzpflanzen auf der Erde nur 13 ausschließlich auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Dazu gehören Kakao, Maracuja oder Kiwi. Die anderen Pflanzen können sich auch durch Wind- oder Selbstbestäubung fortpflanzen. Doch leidet dabei oft die Qualität der Früchte. Bei Bestäubung durch Insekten liegen die Frucht- und Samenmengen je nach Pflanze zwischen fünf und 90 Prozent höher. Lediglich einige wichtige Getreidearten wie Reis, Mais oder Weizen sind ausschließlich windbestäubend und kommen ohne tierische Bestäuber zurecht.

Bienen als Bestäuber

Das Wissenschaftlerteam konnte auch zeigen, dass die Intensivierung der Landwirtschaft bestäubenden Insekten die Lebensgrundlage entzieht. Was dies zur Folge hat, darüber hat sich bereits Physiker Albert Einstein Gedanken gemacht: „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, dann hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, keine Menschen mehr...“ Ob es vier Jahre sind, darüber lässt sich streiten. Über die herausragende ökologische Bedeutung der Bienen als Bestäuber allerdings nicht. Um die Bestäubung der Obstbäume, Erdbeeren, Rapspflanzen und der rund 3.000 in Deutschland blühenden Wildpflanzenarten zu sichern, bräuchte es mehr Honigbienen. Und mehr Imker, die sich um die Bienen kümmern. Doch die Bienenhaltung wird durch das Bienensterben und die zunehmende staatliche Bürokratie (siehe Interview auf Seite 44) leider immer unrentabler.

Gefahr durch billige Importe

Rund 500 hauptberufliche Imker gibt es noch in Deutschland sowie einige tausend, die im Nebenberuf Bienen halten. Sie betreuen die meisten Bienenvölker und erzeugen den größten Teil der 20.000 Tonnen deutschen Honigs, die jedes Jahr auf den Markt kommen. Doch dort stehen bereits günstige Honige aus Übersee in den Regalen. Bei maximal 20 Prozent liegt der Marktanteil von deutschem Honig. Das gilt auch für Bio-Honig. Trotz des Niedergangs der Imkerei könnte die Nachfrage der Händler und der Verbraucher größer sein, sagt Albrecht Pausch, Fachausschusssprecher der rund 150 Bioland-Imker. „Es gibt umstellungswillige Imker, doch denen ist das finanzielle Risiko zu hoch.“ Denn Bio-Imker dürfen beispielsweise nur Bienenstöcke aus Naturmaterialien verwenden. Deshalb erfordert die Umstellung hohe Anfangsinvestitionen, die sich nur rechnen, wenn der Absatz langfristig gesichert ist. Die Firma Allos gehört zu den wichtigsten Honiglieferanten der Bioläden. Ebenso Klaus Hoyer mit seinem Alpenbienenhof. Hoyer hat festgestellt, dass Bio-Kunden durchaus bereit sind, für Honig ordentlich Geld auszugeben. Doch würden diese eher zu ausländischen Spezialitäten wie Orangenblütenhonig aus Sizilien greifen. „Da hat es ein deutscher Rapshonig nicht leicht.“ Doch für eine vielfältige Pflanzenwelt braucht es Bienen. „Ohne Bienen erzielen Obstbäume nur 20 Prozent der Erträge“, warnt Margret Irmer, Honig-Einkäuferin bei Allos. „In England sind in den letzten Jahren 60 bis 70 Prozent der Wildpflanzen ausgestorben. Die Bienen brauchen in Deutschland eine starke Lobby.“

Thomas Radetzki lässt sich nicht entmutigen. Mellifera hat zusammen mit Naturschutzorganisationen und Bio-Verbänden das Netzwerk Blühende Landschaft gegründet. Es setzt sich für mehr Artenvielfalt in der Agrarlandschaft, in Gärten und in städtischen Parks ein (siehe Adressen). Der Verein ist auch der Träger der Aktion „BeeGood“, die Paten für Bienenvölker sucht (siehe Beitrag auf Seite 42). Vor allem aber betreibt Mellifera seit 20 Jahren die Lehr- und Versuchsimkerei Fischermühle. Der Betrieb mit seinen 120 Bienenvölkern ist eine der Brutzellen der ökologischen Bienenhaltung in Deutschland. Er veranstaltet Einstiegsseminare für werdende Bio-Imker und lädt zu Fortbildungen ein. „Die Sensibilität der Menschen wächst, was das Bienensterben und die Bedeutung der Bienen angeht“, fasst Thomas Radetzki seine Erfahrungen zusammen. Und er appelliert an die Bio-Kunden, beim Kauf daran zu denken: „Wir können Honig importieren, aber keine Bestäubung.“

Heilen mit Honig

Die Apitherapie macht sich die heilenden Eigenschaften von Bienenprodukten zunutze. Die wichtigste ist die keimtötende Wirkung von Honig und Propolis, dem Kittharz der Bienen. Honigpflaster helfen bei kleinen Wunden ebenso wie bei offenen Stellen. Bienengift ist ein wirkungs- volles Mittel gegen rheumatische Beschwerden.

So lebt die Bio-Biene

Entspricht ein Honig den EU-Richtlinien für ökologische Erzeugung, ist damit unter anderem Folgendes verbunden:

  • Chemisch-synthetische Stoffe kommen nur im Ausnahmefall zum Einsatz.
  • Das Weidegebiet der Bienen muss überwiegend mit Wildpflanzen oder ökologisch angebauten Pflanzen bewachsen sein.
  • Wenn Bio-Imker den Honig aus den Waben gewinnen, müssen sie den Bienen selbst noch genügend Futter lassen.
  • Zuckerwasser einzusetzen ist tabu.

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