Interview
Greenpeace baut um
Die Umweltorganisation will ihre internationalen Anstrengungen weiter verstärken. Dafür werden Gelder umgeschichtet. Ein schwieriger Balance-Akt für Geschäftsführerin Brigitte Behrens. // Martin Fütterer, Fotos: Suse Walczak
Industrieschornsteine erklettern andere, Brigitte Behrens
managt eine Organisation von 217 Mitarbeitern. Das eine
funktioniert nicht ohne das andere.
Greenpeace Deutschland spart dieses Jahr 2,2 Millionen Euro bei den Personalkosten ein. Wird das Geld knapp?
Die Einnahmen stagnieren und die Kosten steigen, aber das ist nicht der Hauptgrund. Wir richten uns strategisch neu aus. Die internationale Arbeit soll einen größeren Stellenwert bekommen. Wir schichten also Mittel um.
Warum ist die internationale Arbeit wichtiger geworden?
Die Industrienationen tragen den Großteil der Verantwortung für viele Umweltprobleme, aber die Brennpunkte der Umweltzerstörung sind nicht mehr unbedingt in den reichen Ländern zu finden. Abholzung der Regenwälder in Südamerika, die Verschmutzung und Überfischung der Meere, der Klimawandel, massive Umweltverschmutzung in China ... Die verschiedenen nationalen Greenpeace-Organisationen haben deswegen gemeinsam beschlossen, die Arbeit entsprechend umzustrukturieren. Diese Beschlüsse setzen wir nun um.

Brigitte Behrens und Redakteur Martin Fütterer
im Greenpeace-Büro in Hamburg.
Wird Greenpeace Deutschland also den Kampf gegen Gentechnik in Deutschland zurückfahren?
Nein, Gentechnik ist weiterhin national wie international einer der Schwerpunkte unserer Arbeit. Da brauchen sich die Deutschen keine Sorgen zumachen und auch nicht unsere Partner in anderen Umweltorganisationen. Wir sind uns durchaus bewusst, dass zum Beispiel unsere zahlreichen Studien zu diesem Thema eine wichtige Argumentationshilfe gegen Gentechnik sind und unsere Aktionen viele Menschen mobilisieren. Aktuell haben wir auf unserer Internetseite eine Deutschlandkarte veröffentlicht, auf der alle Flächen verzeichnet sind, auf denen Gen-Mais angebaut werden soll. Die Zahl der angemeldeten Flächen hat auch dieses Jahr wieder zugenommen.
Wie gehen denn die Mitarbeiter von Greenpeace mit den Kürzungen um?
Natürlich sind die Kürzungen bitter, aber die Mitarbeiter sind sehr tapfer. Erst, wenn die Verhandlungen mit dem Betriebsrat abgeschlossen sind, steht fest, wen es wie treffen wird. Das belastet alle. Wir von der Geschäftsführung haben vorgeschlagen, die Lasten auf viele Schultern zu verteilen, das heißt, nicht nur Stellen zu streichen und befristete Stellen auslaufen zu lassen, sondern auch drei Prozent Gehaltskürzungen für alle vorzunehmen. Wir haben keine sehr hohen Grundgehälter, aber recht gute freiwillige soziale Leistungen, zum Beispiel das Greenpeace Kindergeld. Und auch hier haben wir Kürzungen vorgeschlagen.
Greenpeace Deutschland will 8 Millionen Euro für ein neues Schiff beisteuern, ist das in so einer Situation angemessen?
Es handelt sich dabei um einen Ersatz für unsere betagte Rainbow Warrior II. Die ist inzwischen 20 Jahre im Dienst und war damals schon nicht neu. Die Mittel dafür haben wir langfristig angespart, das bezahlen wir nicht aus dem laufenden Etat, insofern spielt das für die Umstrukturierung keine Rolle.
Wozu braucht man denn so ein Schiff?
Ganz praktisch für unsere Aktionen auf den Weltmeeren, dort, wo sonst niemand hinkommt. Wobei die Rainbow Warrior hauptsächlich auf dem Pazifik unterwegs ist. Im Pazifik ist die Rainbow Warrior ein regelrechter Lichtblick für die Menschen, wenn sie irgendwo auftaucht, da ist sie auch ein Symbol. Wir brauchen sie außerdem als schwimmende Basis für Veranstaltungen und Pressetermine. Wenn man die Anschaffungskosten ins Verhältnis setzt zu einem Gesamtetat von mehr als 170 Millionen Euro pro Jahr für Greenpeace International und einen Einsatz von 25 Jahren rechnet, dann ist das auch kein wirklich großer Posten.
Bestehen denn auch Chancen, dass die Einnahmen in Deutschland oder weltweit wieder steigen?
Das ist schwer zu sagen. In Deutschland ist die Zahl der Fördermitglieder mit festem Jahresbeitrag weiter gestiegen, aber der durchschnittliche Jahresbeitrag gesunken. Vielleicht wird das mit der positiveren wirtschaftlichen Stimmung wieder anders. Man muss aber wissen, dass sogar manche reichen Länder als Spender komplett ausfallen. Die internationale Verantwortung werden wir als Greenpeace Deutschland nicht los.
Greenpeace-Protest
anlässlich des
G8-Umweltminister-
treffens 2007
in Potsdam. Acht
Schwimmer halten die
gleiche Forderung in der
jeweiligen Sprache der
teilnehmenden Länder hoch.© greenpeace/ Langrock
Welche Länder sind das?
In Japan spendet man viel, aber niemand würde einer internationalen Organisation mit amerikanischem Namen etwas spenden, die nicht in der Nachbarschaft verankert ist. In China entsteht eine reiche Mittelschicht, aber das Spenden für den Umweltschutz haben sie noch nicht für sich entdeckt.
Bekommen Sie eigentlich auch Geld von Unternehmen?
Wir möchten nicht in die Lage kommen, eines Tages vor der Entscheidung zu stehen: Entweder kritisieren wir bestimmte Unternehmen und müssen auf deren Spenden verzichten oder wir verzichten auf die Kritik und bekommen das Geld weiter. Alle Spenden ab 5000 Euro werden daher genau geprüft. Kommen sie von Unternehmen, gehen sie zurück.
Mehr Spenden durch eine bessere wirtschaftliche Lage – ist Wirtschaftswachstum die Lösung aller Probleme?
Greenpeace hat mehrere Studien dazu vorgelegt, wie eine nachhaltige, ressourcenschonende Wirtschaft funktionieren kann. Solange Wachstum mit steigender Übernutzung der natürlichen Ressourcen einhergeht, ist es sicher keine Lösung, sondern eine Sackgasse und Gefahr.
Können wir die Schwellenländer davon abhalten, so viel zu verbrauchen wie wir?
Sicher nicht, wenn wir uns nicht selbst einschränken.
Sie glauben, dass wir von unserem Wohlstandsniveau heruntermüssen?
Ja, und ich glaube auch, dass das nicht weiter schlimm ist. Wir haben deutlich mehr als wir brauchen.
Politiker antworten hier zurückhaltender. Kann eine Regierung noch gewählt werden, wenn sie nicht wachsenden Wohlstand verspricht?
Ich würde mir wünschen, dass Politiker nicht immer nur bis zur nächsten Wahl schauen, sondern langfristigere Konzepte verfolgen.
Denken Sie, dass Politiker Sie beneiden? Seit 1989 in der Geschäftsführung, seit 1999 alleinige Geschäftsführerin – all das, ohne gewählt werden zu müssen …
Naja, wenn ich meine Arbeit nicht gut mache, dann wird mich der Aufsichtsrat von Greenpeace sicherlich nicht dazu auffordern, diese fortzusetzen. Aber es ist natürlich schon richtig: Ich muss nicht alle vier oder fünf Jahre im Wahlkampf-Bus über die Lande ziehen.
Regenbogen-Managerin
Brigitte Behrens, Jahrgang 1951, ist nicht der Typ, der Walfangschiffen vor dem Bug herumkurvt. Doch bleiben auch für sie solche Aktionen ein unverzichtbarer Bestandteil von Greenpeace. Sie selbst hat vor allem Organisation im Blut: 1976 Mitgründerin einer Frauenkneipe in Hamburg, 1979 Soziologie-Diplom über die Organisation von Frauengruppen, 1986 Assistentin der Greenpeace Geschäftsführung, 1988 postgraduierten Lehrgang für das Management von Non-Profit- Organisationen, 1989 stellvertretende Geschäftsführerin, seit 1999 allein verantwortliche Geschäftsführerin von Greenpeace. Seit 2002 wird sie dabei von Stellvertreter und Kampagnengeschäftsführer Roland Hipp unterstützt.
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