Brennpunkt: Artenkiller EU-Landwirtschaft

Stiller Alarm bei den Feldvögeln

Auf den Äckern zwitschert es kaum noch – der Bestand an Feldvögeln geht dramatisch zurück. Das zeigt das unlängst veröffentlichte europäische Brutvogelmonitoring. // Stephan Börnecke, FR*

Feldlerche, Kiebitz, Feldsperling: Der Frühling ist stumm geworden, zumindest in der Agrarlandschaft. In den vergangenen 25 Jahren hat aufgrund der Intensivierung der Landbewirtschaftung die Individuen-Zahl der auf Feld und Wiesen lebenden Vogelarten um 44 Prozent abgenommen.

Dies zeigt das jetzt veröffentlichte europäische Brutvogelmonitoring. Maßgebliche Ornithologen haben zusammen mit der Dachorganisation Bird-Life International die Entwicklung der Vogelarten seit 1980 untersucht. Ihr Ergebnis lautet: Die EU-Landwirtschaft ist der Artenkiller Nummer 1, und die europäische Agrarpolitik fördert diesen Prozess weiter.

Die Daten belegen den Rückgang einst weit verbreiteter Vogelarten in bislang unbekanntem Ausmaß. „Die Fakten springen uns ins Gesicht“, klagt der Ornithologe Richard Gregory von der britischen Vogelschutzorganisation RSPB: „Viele Farmland-Birds sowie deren Lebensräume sind ernsthaft bedroht.“ Der Rückgang der Vogelzahlen „ist ein klarer Beweis“ für sich ständig verschlechternde Umweltbedingungen in der Agrarlandschaft, die überall in Europa, vor allem aber in den alten EU-Ländern zu beobachten seien. Die Gefahr, wie Bird-Life International sie vorhersagt, liegt in einer Wiederholung dieses Prozesses in den neuen Mitgliedsländern, in denen sich derzeit noch die größten Konzentrationen der Feld- und Wiesenvögel befinden.

Von Subventionen abwenden

Die an der Zählung beteiligten Organisationen fordern die Abkehr von der Subventionspolitik. Sie habe zur beträchtlichen Intensivierung der Landwirtschaft geführt – und dazu, dass Wildkräutersamen und Insekten als Vogelnahrung drastisch abnahmen.

Diese Politik habe außerdem den Verlust von Nistplätzen verursacht. „Wir brauchen eine komplette Reform der EU-Agrarpolitik, die extensivere Landnutzungsformen unterstützt und damit für den Erhalt der Biodiversität sorgt“, sagt der agrarpolitische Sprecher von Bird-Life International, Ariel Brunner. Für einzelne Vogelarten ist der endgültige Absturz programmiert: So nahm der Bestand der Feldspatzen binnen 25 Jahren europaweit um 45 Prozent ab, Feldlerche und Hänflinge halbierten die Population, der Singflug des Wiesenpiepers wurde bei einer Abnahme von 57 Prozent zum Sinkflug. Einer der traurigen Spitzenreiter ist der Wendehals, der mit einer ausgeräumten Landschaft nicht klar kommt: Von ihm blieb gerade ein Viertel der Population übrig. Der EU-Trend spiegelt sich in den deutschen Zahlen: Bachstelzen werden pro Jahr zwei Prozent weniger, Mehlschwalben fünf und Kiebitze sogar acht Prozent.

Jedes Jahr nimmt allein die Zahl der heimischen Feldlerchen nach Angaben des brandenburgischen Ornithologen Martin Flade um 70000 ab. Auch wenn bei zwei Millionen Brutpaaren ein Aussterben dieser Art vorläufig nicht zu befürchten ist: „Die Lage ist alarmierend“, sagt der Vogelforscher.

*Frankfurter Rundschau

Feldlerchen stehen auf Öko-Felder

Ein britisches Forscherteam um D.G. Hole* ist der Frage nachgegangen, ob Öko-Landbau Artenreichtum bei Pflanzen und Tieren fördert und hat dafür zahlreiche Studien ausgewertet. In Bezug auf die Vogelwelt präsentiert Hole folgende Ergebnisse. Fünf Studien haben die Zusammensetzung von Vogelarten auf Öko-Felder untersucht. Alle fünf Studien belegen, dass im Öko-Landbau entweder mehr Arten vorkommen oder insgesamt mehr Vögel oder beides. In Nordamerika wiesen zwei Forschergruppen bei Artenreichtum und Gesamtvorkommen auf Öko-Feldern einen 2-fachen bzw. 2,6-fachen Wert nach. In ihrer Zusammenfassung führen die Forscher eine Reihe von Gründen auf, warum Öko-Landbau die Vielfalt der Vögel und generell Artendiversität unterstützt: Mehr Pflanzenarten und wirbellose Tiere in Öko-Flächen bescheren den Vögeln besseres Futter. Weiterhin profitierten Vögel auch von den Arbeitsabläufen des Öko-Landbaus: So wirken sich zum Beispiel ökolandbauspezifische Rotationszyklen positiv auf Feldlerchen aus. Begleitendes Hecken- und Feldgrenzen-Management begünstigt das Vorkommen von Goldammer, Hänfling und Feldsperling. Ferner profitiert die Vogelwelt vom Verbot chemischer Pestizide und anorganischer Dünger. rb

*Quelle: D.G. Hole et al.: Does organic farming benefit biodiversity? Biological Conservation 122 (2005), S. 113-130.

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