Interview

"Bio ist eine innere Haltung"

Er ist der Präsident von 4500 Bioland-Bauern und der meist zitierte Bio-Lobbyist in Deutschland. Für die Autoindustrie könnte er nicht arbeiten. Denn nur Überzeugungstäter finden zwischen Hunderten von Industrielobbyisten Gehör. // Martin Fütterer; Fotos: Nicole Lang

DoschThomas Dosch ist einer der aktivsten Lobbyisten für „Bio“ in Deutschland. Sein Wirkungsfeld ist nicht nur die Bundesregierung in Berlin sondern auch die Europäische Kommission in Brüssel.

Wo werden die wesentlichen politischen Entscheidungen über Bio getroffen?

In Bund, Ländern, Europäischer Union und World Trade Organisation gleichermaßen. Es ist nicht immer leicht, herauszufinden, wer für was die Verantwortung trägt, weil alles miteinander verknüpft ist und jede Institution auf die andere verweist. Also muss man überall präsent sein.

Sie sind so jemand, der überall präsent ist. Steht da ein Bio-Lobbyist gegen tausend Industrie-Lobbyisten?

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Vom Landwirt zum Bioland-Präsidenten
Thomas Dosch ist gelernter Bauer, studierte Pflanzenbau in Witzenhausen und Agrarökonomie in London. Später arbeitete er als Geschäftsführer eines bayerischen Bio-Dachverbandes und als wirtschaftspolitischer Berater in Afrika und Asien. 1999 wurde er zum Präsidenten von Bioland gewählt, dem größten ökologischen Anbauverband in Deutschland. Der 46-Jährige lebt mit Frau und Tochter in einem Dorf in der Nähe von Mainz.

Die Durchsetzungskraft eines Lobbyisten hängt davon ab, wen er hinter sich hat. Bei mir sind das die 4500 Bioland-Betriebe, aber auch die Kunden, die zu „Bio“ stehen. Dazu tragen Händler, Verarbeiter, Verbraucher, aber auch Umweltorganisationen und viele andere bei. Mit diesem Hintergrund hören Politiker zu. Als Einzelperson spielt man keine Rolle – egal wie gut die vorgetragenen Argumente sein mögen.

Spielt nicht auch Geld eine Rolle? Die Industrie steckt Millionen in den Lobbyismus – nicht ohne Erfolg. Da kann „Bio“ kaum mithalten.

Deswegen sind wir ja auch nicht immer so erfolgreich, wie wir es in Anbetracht des gesellschaftlichen Wertes von Bio sein müssten. Bei unseren parlamentarischen Abenden wird man Frau Christiansen, Frau Illner und andere Meinungsmacher nicht ohne Weiteres antreffen. Bei den Empfängen von Großunternehmen sind sie alle da: Geldadel, Politikadel und Medienadel. In Berlin bemühen sich 2000 Verbände um die Aufmerksamkeit der Regierung, in Brüssel gibt es doppelt so viele Lobbyisten wie Mitarbeiter bei der europäischen Kommission.

Wie dringen Sie da durch?

Durch authentische, echte Überzeugung. Ich könnte nicht heute für Bio arbeiten und morgen für die Autoindustrie. Es gibt Profi-Lobbyisten, die haben Naturwissenschaften und Philosophie studiert, sprechen fünf Sprachen und denen ist es wurscht, was sie vertreten.

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Thomas Dosch, der Präsident des Bioland-
Verbands, im Gespräch mit Martin Fütterer.

Ist die jüngste, positive Änderung am Gentechnikgesetz ein Erfolg der Bio-Lobby?

Mir fällt es schwer, da von Erfolg zu reden. Aber immerhin haben wir den Durchmarsch der Gentechnikindustrie bisher verhindert. Wir haben kaum Gentechnikanbau in Deutschland, wenig in Europa und der Deutsche Bauernverband rät seinen Mitgliedern vom Anbau von gentechnisch veränderter Pflanzen ab, weil es gelungen ist, die Haftung wenn schon nicht klarer zu regeln, dann wenigstens so unklar zu lassen, dass ein hinreichendes Restrisiko für die Gentechnikanwender besteht, am Ende doch zu haften. Die Politik kommt nicht an uns vorbei. Mit „uns“ meine ich ein breites Bündnis von Anbauverbänden, Umwelt- und Verbraucherorganisationen, kirchlichen Gruppen und vielen anderen.

Wenn dieses Gesetz verabschiedet wird, gibt es dann noch Handlungsbedarf?

Ja, viele Fragen bleiben offen und das Gesetz wird eine Grundkontamination aller Lebensmittel mit Spuren von Gentechnik nicht verhindern. Für uns Bios wird die Herausforderung sein, den Verbrauchern zu erklären, dass wir die Gentechnik genauso wie Pestizide nicht anwenden und nicht in die Umwelt bringen – aber schlimmstenfalls nicht verhindern können, dass unsere Produkte zumindest in Spuren verunreinigt werden.

Wie ist es denn überhaupt um die Qualität von Bio bestellt. Schließlich gibt es Bio jetzt auch im Discounter …

Die EG-Bio-Verordnung gilt auch für die Bio-Ware im Discounter. Diese stellt aber nur den Brüsseler Minimumstandard dar. Der Unterschied wird in Zukunft darin liegen, ob jemand nur einen Markt mit anonymem Billig-Bio nach EU-Standard erschließen will oder ob Bio-Produkte nach höheren Qualitätsstandards mit regionalem Anspruch erzeugt und verarbeitet werden. Bio ist für mich eine innere Haltung, ein Anliegen, mit Menschen, Tieren und dem Boden, auf dem wir mit beiden Beinen stehen, anders umzugehen. Ohne diese Haltung wird die Welt „bodenlos“ und erträgt uns Menschen nicht mehr.

Also Bio und Bio-Plus?

Nehmen wir einen billigen Bio-Apfelsaft, hergestellt aus osteuropäischem Apfelsaft-Konzentrat und in Tetrapak abgefüllt ...

... ist der Bio-Anbau in Osteuropa nicht qualifiziert?

Die Frage von gut und schlecht ist keine Frage von Inland oder Ausland. Aber es ist ein anderer Saft als der von einer Bioland-Streuobstwiese aus der lokalen Kelterei. Bei Wein ist jedem klar, dass es mehr Unterschiede gibt als den zwischen Rotwein und Weißwein. Vor allem aber ist es wichtig, dass Bio-Landwirtschaft in unseren Regionen betrieben wird: Die Art der Landwirtschaft bestimmt, in welcher Landschaft wir leben. Und mit unserem Konsum bestimmen wir das mit.

Dosch

Nicht die Person sucht sich das Amt, sondern das Amt die Person. Man musste Thomas Dosch mehrfach bitten, Präsident der Bioland-Bauern zu werden.

Und wie gehen die Discounter da vor?

Es gibt zu wenig Bio-Ware, dennoch üben die Discounter einen starken Preisdruck aus. Sie verweisen dann auf das preisgünstigere Ausland. Außerdem zwingen sie konventionelle Lieferanten dazu, einen Teil ihrer Produkte in Bio zu liefern, sonst verlieren die auch den Vertrag für die konventionelle Ware. Diese Betriebe kommen dann zu uns und wollen einen Teil des Betriebes umstellen. Solche Discount-Lieferanten sind auf Masse spezialisiert und da soll dann neben der konventionellen Käfighaltung für Hühner ein Bio-Stall hin. Das passt hinten und vorne nicht zusammen.

Nehmen Sie solche Betriebe überhaupt im Bioland-Verband auf?

Nein, wie bei allen deutschen Anbauverbänden sind Teilumstellungen bei uns nicht möglich.

Kommen Bio-Betriebe denn wirtschaftlich zurecht?

Im Durchschnitt hat ein deutscher Bauer ein Brutto-Monatseinkommen von 2000 Euro. Davon muss er nicht nur leben, sondern auch investieren und dafür erheblich mehr als 40 Wochenstunden arbeiten.

Warum macht er das dann? Muss man als Bauer ein in wirtschaftlichen Dingen halbblinder Idealist sein?

Jeder muss wissen, was ihm im Leben wichtig ist. Es gibt die materielle Absicherung. Und alles, was darüber hinaus zu Lebensqualität gehört. Landschaft, Lebensqualität, Umwelt, Tradition, Gemeinschaft, Nachbarschaft. Da muss jeder entscheiden, was es ihm wert ist: Der Verbraucher an der Ladenkasse und der Bauer, wenn er, statt Urlaub auf Mallorca zu machen, über seine Äcker spaziert und die Zufriedenheit mit seiner Arbeit spürt.

Haben Bio-Bauern ein Recht auf höhere Preise?

Jedenfalls brauchen wir sie um existieren zu können. Und: Ich war in Rüsselsheim, damals ging es den Opel-Arbeitern nicht gut. Es fiel mir schwer zu sagen: Wir Bio-Bauern tun Gutes, wir brauchen höhere Preise, und Lebensmittel sind viel zu billig. Wir müssen auch mit Menschen in solchen Situationen gemeinsame Werte entdecken.

Welche Werte sind das?

Der Opel-Arbeiter will nicht nur Geld verdienen, damit er es auf dem Konto hat, sondern er will, dass seine Familie gut lebt. Doch was heißt „gut leben“ für ihn? Vielleicht auch das Essen und die Landschaft vor der Haustür. Der Bauer ist nicht der einzige, der Interessen hat. Er kann nicht einfach fordern: Bei mir muss die Kasse stimmen, der Rest ist mir egal. Die Frage ist: Wie schaffen wir es miteinander und nicht gegeneinander.

Der größte deutsche Anbauverband

bioland4500 Bauern und 740 Verarbeiter sind im Bioland-Verband organisiert. Bis auf die Südtiroler, vor allem Apfelerzeuger, sind alle in Deutschland. Das Siegel Bioland ist bei Verbrauchern das bekannteste Bio-Siegel, bekannter als selbst das mit Millionen beworbene staatliche Bio-Siegel. www.bioland.de

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