Folgen der Landwirtschaft

Ostsee droht Dünger-Tod

Die EU -Agrarpolitik trägt laut WWF entscheidend zu Algenblüten in der Ostsee bei. Die Regierungen der Anrainerstaaten treffen sich diesen Monat, um über die Zukunft des Meeres zu entscheiden. Auch die Verbraucher sind gefragt.

Jeder EU-Bürger an der Ostsee zahlt pro Jahr 72 Euro in den Brüsseler Agrartopf – und fördere damit ein System, das die Überdüngung in der konventionellen Landwirtschaft belohnt. „Die Ostsee hat sich mit Unterstützung aus Brüssel von einem Meer in ein trübes, überdüngtes Gewässer vor dem Kollaps entwickelt“, so Jochen Lamp, Leiter des World Wide Fund For Nature (WWF)-Ostseebüros in Stralsund. Ein Sechstel des Meeres, eine Fläche von 70 000 Quadratkilometern, habe sich in sogenannte Todeszonen verwandelt. Wegen des Sauerstoffmangels sei hier kein Leben mehr möglich. Zwar sind die Badestrände in diesem Sommer von Algenblüten verschont geblieben. Das Ausbleiben der Algen liege jedoch am Wetter. „Algenteppiche an der Küste sind nur das sichtbare Zeichen einer Katastrophe, die sich auf dem Meer ungehindert fortsetzt“, so Jochen Lamp. Das Ostseewasser enthalte heute acht Mal mehr Phosphor und vier Mal mehr Stickstoff als vor hundert Jahren. Jährlich kämen eine Million Tonnen Stickstoff und 35 000 Tonnen Phosphor hinzu. Trotz früherer Schutzprogramme nehme die Belastung seit zehn Jahren wieder zu. Die industrielle Landwirtschaft verursache den Nährstoff-Overkill. Preiswerter Kunstdünger verleite die Bauern dazu, ihre Felder kräftig zu überdüngen. Hinzu komme die Gülle aus der Massentierhaltung. Die industrielle Landwirtschaft im Ostseeraum werde aus Brüssel mit 10,4 Milliarden Euro jährlich gepäppelt.

Schweine nach Osteuropa

Die Situation spitzt sich laut WWF weiter zu. Allein in Polen und den baltischen Staaten soll der Düngerverbrauch in den kommenden zehn Jahren um bis zu einem Drittel steigen. Hühner- und Schweinemasten würden von West- nach Osteuropa verlagert, wo geringere Umweltauf lagen gelten. Auch durch unzureichende Kläranlagen, Phosphate in Waschmitteln und ungeklärte Schiffsabwässer werde die Ostsee zur Kloake. Der WWF fordert ein Ostsee-Rettungsprogramm und hat dazu eine Kampagne rund um die Ostsee gestartet. EU-Gelder sollten nur noch f ließen, wenn Landwirte die Überdüngung eindämmen. Im November treffen sich zudem die Regierungen der Ostseestaaten im Rahmen des Helcom-Abkommens. „Derzeit blockiert die Mehrheit jedoch einen wirkungsvollen Umwelt-Aktionsplan. Sollte die Konferenz scheitern, wäre das der Todesstoß für die Ostsee“, warnt Jochen Lamp. Solch ein Todesstoß ist freilich nicht als abruptes Ende zu verstehen. Nach Einschätzung von Christiane Feucht, Biologin beim WWF, würde es vermutlich noch hundert Jahre dauern – eine genaue Prognose ist nicht möglich – bis die Ostsee letztlich umkippt. Sprich: das gesamte Meer eine einzige Todeszone ist, die das Ende allen Fischlebens und der Fischerei bedeutet (siehe Interview unten). Christiane Feucht untermauert die Dramatik der Situation, indem sie auf die Trägheit des Systems hinweist: „Könnte man heute alle schädlichen Einf lüsse stoppen, hätte man dennoch für die kommenden Jahrzehnte mit Algenblüten und dem Ausweiten der Todeszonen zu rechnen.“ rb

Interview

Der Verbraucher hat die Wahl

Christiane Feucht ist Biologin und WWF -Referentin für Ostsee-Meeresschutz

FeuchtDie Rede ist von Todeszonen. Was genau muss man sich da vorstellen?

Die Überdüngung fördert das Wachstum von Algen. Diese sterben ab und sinken auf den Meeresboden. Dort werden sie von Kleinstlebewesen unter Verbrauch von Sauerstoff abgebaut. Da immer mehr tote Algen absinken, ist schließlich aller Sauerstoff aufgebraucht. Leben ist in diesen Bereichen dann nicht mehr möglich. Zudem entstehen durch den anaeroben Abbau von Bakterien toxische Stoffe.

Und diese Bereiche können sich dann nicht wiederbeleben?

Doch, schon. Der Wasseraustausch ist abhängig von den Zuf lüssen an Süßwasser über die Flüsse und dem Einstrom aus der Nordsee. Das Nordseewasser hat höhere Salz- und Sauerstoffgehalte und schiebt sich dann unter das leichtere Ostseewasser. Aber das ist leider ein ganz seltenes Ereignis. Der Wasserkörper der Ostsee wird nur etwa alle 30 Jahre ausgetauscht.

Der Haupteintrag der Düngestoffe kommt durch die Landwirtschaft. Wie groß ist der Anteil von Waschmitteln?

Gering. Außerdem hat sich die Waschmittelindustrie in Deutschland selbst ein Phosphat-Verbot auferlegt. Ansonsten rate ich zu Bio-Waschmitteln, weil sie besser abbaubar sind.

Und hat der Verbraucher sonst gar keine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen?

Natürlich. Über die Wahl der gekauften Lebensmittel. Der schlimmste Faktor ist die Gülle aus der Massentierhaltung. Da entstehen wahnsinnige Mengen. Bei der Bio-Fleisch-Produktion ist das nicht der Fall. Bio ist immer besser. Und vor allem „bio“ aus der Region. rb

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