Bio in Südafrika
Kompost statt Pestizide
80 Jahre Pestizide haben die Böden auf Südafrikas Farmen kaputt gemacht. Einige Farmer gehen nun mittels Öko-Landbau einen neuen Weg. Am Kompost kommt dabei keiner vorbei. // Text und Fotos: Martin Fütterer
Mike Prevost surrt herum wie eine Fliege überm Mist. Mit wedelnden Armen erklärt er das Herzstück seiner Farm Lorraine: den Komposthaufen, ein wahres Prachtstück. Eineinhalb Meter hoch ist dieser geschichtet. Mit drei „Schornsteinen“ aus Bambusrohr, sorgfältig mit Stroh abgedeckt. „Durch die Schornsteine wird der Kompost mit Sauerstoff belüftet. Denn wir wollen nur aerobe Bakterien züchten, keine anaeroben. Das wäre sonst Fäulnis statt Kompost. Unten haben wir eine luftdurchlässige Matratze aus Ästen, damit das schwere CO2 nach unten entweichen kann“, erläutert Mike den Gasaustausch.

Barbara von Wechmar erforscht seit Jahrzehnten, welche
Mikroorganismen den besten Kompost ergeben. - Mike Prevost
(Bild Mitte) zeigt stolz seinen Kompost. Originell und effizient:
Die Belüftungskamine aus Schilfrohr. Seine Farm Lorraine
liegt idyllisch an einem See (Bild rechts).
„Kompostiert wird alles, was wir auftreiben können: Baumschnitt, Stroh, Traubentrester, geschreddertes Holz, Laub. Dazwischen kommt Vulkansteinmehl, Tonerde, Kalk und Lehm.“ Stolz zeigt er auf einen Eimer mit grünbrauner Brühe. „Das ist der Kompoststarter“, erklärt Mike. Darin sind Mikroorganismen in konzentrierter Form enthalten, die sonst auch natürlicherweise in den eingebrachten Abfällen enthalten sind. Sie tragen wesentlich dazu bei, die Kompostbestandteile zu zersetzen. Zugesetzter Stickstoff nährt die Mikroorganismen. Unter solchen für sie günstigen Lebensbedingungen können sie sich explosionsartig vermehren. Zusammen mit Würmern und Insektenlarven zerlegen sie das Kompostmaterial in seine Bestandteile, die später wieder Pflanzen als Nahrung dienen. Und sie leisten noch mehr: Sie zerlegen Krankheitskeime und Gifte – darunter auch Pestizidrückstände – und machen sie so unschädlich. Mit dem Kompost wird am Ende nicht nur einfach Dünger auf den Acker gebracht, sondern eine hoch konzentrierte Mischung aus Nahrungsstoffen und lebenden Mikroben. Diese vermehren und etablieren sich auf dem Acker und bilden schließlich die Grundlage für ein stabiles und gesundes Ökosystem.
Pestizide unerschwinglich
Mike ist einer der ersten Bio-Farmer in Südafrika. Seit gut zehn Jahren bewirtschaftet er seine Obstfarm „organic“. Mit 30 Hektar Plantagen auf einer Gesamtfläche von 50 Hektar ist die Lorraine-Farm für südafrikanische Verhältnisse eher klein. Sie liegt malerisch im Elgin Valley, 90 Kilometer von Kapstadt entfernt, und ist seit 1960 in Familienbesitz. Während man frischen Apfelsaft ausschenkt, schaut Mike über die Ränder seiner Brille und erläutert die Gründe für „going organic“.
80 Jahre Pestizid-Einsatz haben die Mikroben im Boden praktisch vernichtet. „Ich setzte immer größere Mengen Pestizide ein, bis ich sie mir nicht mehr leisten konnte“, sagt Mike. Auf der Suche nach einer Lösung stieß er auf die Pflanzen-Virologin Barbara von Wechmar und lernte bei ihr die Kunst der Mikrobenzucht kennen – konkret: das Kompostieren. Heute versucht er nicht länger, Schädlinge mit Gift auszurotten, sondern bemüht sich um ein reichhaltiges Ökosystem, in dem die Pflanzen widerstandsfähig sind und Schädlinge viele Feinde haben. Grundlage dafür ist vor allem eine reichhaltige Bodenfauna in gesunder Erde.
Sönke Hobbensiefken von der internationalen Bio-Kontrollorganisation Ecocert erläutert: „Wenn man Mikes Äpfel genau untersucht, findet man kleine Stellen, wo Schädlinge versucht haben, ihre Eier in die Äpfel zu legen, aus denen später Maden schlüpfen würden. Aber offensichtlich haben die Apfelbäume, herausgefordert durch das ökologische Umfeld, angefangen, eine dickere Schale und Schutzstoffe zu bilden, an denen die Insekten scheitern.“ So kann Mike heute perfekte Bio-Äpfel ernten. Die meisten Kunden akzeptieren die kleinen Macken auf der Schale. Viele sehen darin sogar den Beleg für „Bio“.
Die Umstellung war für die Lorraine-Farm eine harte Zeit. Es dauerte zwei Jahre, bis man „Bio“ ernten konnte. Die Erträge gingen zunächst um 50 Prozent zurück. Inzwischen haben sie wieder 75 Prozent des ursprünglichen Niveaus erreicht. Und mehr ist nicht zu erwarten. Rentabel ist die Bio-Produktion durch die eingesparten Pestizide und den Mehrpreis, den Mike Prevost für seine Äpfel auf den bio-hungrigen Märkten in Europa und Japan erzielt. Dabei profitiert er deutlich vom Bio-Boom in Deutschland. Um knapp 20 Prozent sind die Preise in den letzten beiden Jahren gestiegen.
Die Kompost-Päpstin
Barbara von Wechmar ist 71 und im Unruhestand. Die pensionierte Dozentin der Universität Kapstadt empfängt in ihrem Haus täglich Farmer aus ganz Afrika, die sich von ihr Rat bezüglich Bodenfruchtbarkeit erhoffen. „Es ist überall dasselbe: Die Farmer können sich die Pestizide nicht mehr leisten und wollen einfach auch wieder unabhängig von den Agrarkonzernen sein, die hier in Afrika nicht nur den Markt, sondern auch die Forschung und die Ausbildung dominieren.“ Oft seien die Farmer seit vielen Generationen auf ihren Ländereien und merkten, dass mit ihren Böden etwas nicht stimmt und dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. „Denen sage ich: Lasst das Gift weg, macht Kompost, gebt den Mikroorganismen ein gutes Zuhause und ihr werdet sehen, dass sich vieles von alleine regelt.“ In jahrzehntelanger Kleinarbeit erforschte sie Bodenlebewesen und suchte nach den Mikrobenstämmen, die in der Lage sind, Zitrusschalen, Eukalyptusholz, Stroh, Sägemehl oder sogar Wolle zu Kompost zu zerlegen. Mit ihrem ausgereiften Kompostsystem lassen sich selbst auf konventionellen Betrieben bis zu zwei Drittel Pestizide und Kunstdünger einsparen. Bei Bio-Betrieben ist Kompost die Grundlage des Erfolges.
„Alien Plants“ sind die Lösung
Auf den Farmen von heute gibt es oft gar nicht genug Material für den immensen (Nachhol-) Bedarf an Kompost. Man entdeckte die sogenannten „Alien Plants“, Pflanzenarten, die ursprünglich zur Verschönerung der Farmgärten oder für die Forstwirtschaft aus Australien eingeführt wurden und sich zur Plage ausgewachsen hatten – vor allem Eukalyptus- und Port-Jackson-Bäume. Beide nehmen den anderen Pflanzen das Wasser weg und trocknen im Umkreis von bis zu zehn Metern den Boden so aus, dass Flüsse nahezu versiegen. Denn insbesondere Port Jackson wuchert wie Unkraut und nimmt ganze Täler für sich ein. Barbara von Wechmar fand eine Möglichkeit, die Pflanzen zu kompostieren.
Konventionelle Farmer hatten jahrelang versucht, die Port Jackson-Bäume durch Brandrodung auszurotten. Aber das feuert Port Jackson buchstäblich an, denn die Samen werden durch die Hitze zum Keimen erst stimuliert. Hierzu Mike: „Nach einer Brandrodung hat man erst mal den Eindruck: Oh ja, das Grün kommt zurück. Dann aber entdeckt man, dass das Millionen von Port-Jackson-Schösslinge sind ...“ Die Öko-Farmer gehen das Problem deshalb anders an: mit Axt und Mistgabel. Sie holzen die Bäume ab, schreddern das Holz und werfen es auf den Kompost, wo es bald die Grundlage für weiteren Öko-Anbau bildet.
Alien Plants in Kompost umzuwandeln, schafft Gewinner auf vielen Seiten: Bio-Farmen und auch konventionelle Umdenker sind Selbstversorger für den Rohstoff. Das Roden und Aufbereiten schafft Arbeitsplätze, die vor allem der schwarzen Bevölkerung zugutekommen. Und Südafrikas Charakter-Vegetation, der „Finebush“, die der Mittelmeer-Macchia ähnelt, hat eine Chance, nicht weiter zurückgedrängt zu werden.
Apfel mit Absender
Die niederländische Stiftung Nature&More, die diese Reportage unterstützt hat, macht die Herstellungsbetriebe transparent: Auf den Produkten der angeschlossenen Erzeuger findet sich ein Aufkleber mit einem Nummerncode, der auf der Webseite www.natureandmore.com eingegeben werden kann und zu den Informationen über den Anbau- betrieb führt. Gegründet wurde Nature&More vom niederländischen Bio-Früchte-Importeur Eosta. Der niederländische Staat unterstützt die Stiftung. Weltweit sind bisher rund 40 Erzeugerbetriebe erfasst. Neben Eosta sind die Bio-Firmen Lebensbaum, Voelkel, Spielberger und Naturata unter den Lizenznehmern.
Bio in Südafrika
Einst war er fast ein Symbol für Ausbeutung und Rassismus: Der beinahe künstlich grüne Apfel der Sorte Granny Smith aus Südafrika. Heute sind die Farmer in Südafrika noch immer fast ausschließlich weiß und die Landarbeiter schwarz. Und doch hat sich vieles grundlegend geändert. Dazu gehört, dass der Bio-Anbau eingeführt wurde, oft verbunden mit sozialen Projekten für die Landarbeiter, denen auch Beteiligungen an den weißen Farmen ermöglicht werden. Auf den deutschen Markt gelangen vor allem Äpfel, Zitrusfrüchte und Wein. Unter anderem wegen der günstigeren Klimabilanz hat Europas größter Importeur von Bio-Obst und Bio-Gemüse aus Übersee, die niederländische Firma Eosta, überall auf der Welt Kompostprojekte für Bio- und konventionelle Betriebe gegründet. Wird organischer Kompost verwendet, lässt sich CO2-intensiver Chemiedünger vermeiden.
www.soilandmore.com
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