Interview

"Unbequeme Wege"

Ist die Bio-Welt noch in Ordnung, seit Discounter in das Geschäft eingestiegen sind? Elke Röder beobachtet die Entwicklung des Bio-Marktes seit 18 Jahren aus der Sicht eines Branchenverbandes. // Martin Fütterer, Fotos: Christian Thomas

RöderImmer mehr Medien behaupten, Bio sei unsicher geworden. Elke Röder ist Geschäftsführerin des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren Handel und Herstellung e. V. (BNN). Sie sieht das Marktgeschehen differenzierter.

Die Medien behaupten, durch das starke Wachstum des Bio-Marktes sei die Qualität in Gefahr ...

Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Ware wird knapp. Neue Anbieter tauchen auf, die „Bio“ nicht aus Überzeugung machen oder gar von den Handelsketten gezwungen werden, einen Teil der Ware in Bio-Qualität zu liefern. Die halten sich tendenziell nur an die Mindestanforderungen und haben weniger Erfahrung, zweifelhafte Rohstoffquellen zu erkennen.

Gelten diese Gefahren vor allem für den Lebensmittelhandel und ist Bio im Fachhandel das bessere Bio?

Röder
BNN-Geschäftsführerin Elke Röder und Schrot&Korn-Redakteur Martin Fütterer

Im BNN-Monitoring werden seit vier Jahren Bio-Obst und Bio-Gemüse aus dem Naturkostfachhandel auf Pestizidrückstände untersucht. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart tut das für Bio-Produkte im allgemeinen Lebensmittelhandel. In unseren Proben finden sich etwas seltener Rückstände. Aber: Insgesamt sind die Probenzahl und die Abweichung zu klein, um daraus eine statistisch seriöse Aussage abzuleiten.

Warum untersuchen Sie als Verband überhaupt die Produkte ihrer Mitglieder, wenn Bio doch sowieso schon vom Gesetz her kontrolliert wird?

Als der BNN gegründet wurde, gab es noch keine EU-Öko-Verordnung und keine vorgeschriebene Kontrolle. Damals haben die Mitglieder den Begriff „kontrolliert biologischer Anbau“ geprägt. Man wollte, dass Bauern und Anbauverbände nicht nur behaupten sondern nachweisen, ökologisch zu wirtschaften. Heute gibt es ein Gesetz dafür, aber noch immer haben die meisten Unternehmen in der Naturkostbranche das Bedürfnis, auf diesem Gebiet mehr zu tun als vorgeschrieben ist.

Was wird mit dem Monitoring erreicht?

Über das BNN-Monitoring werden vor allem immer neue Ursachen für Kontaminationen gefunden und beseitigt. In den meisten Fällen stammte die Kontamination von Nachbarflächen oder war auf Fehler beim Verpacken der Ware, bei der Reinigung oder beim Transport zurückzuführen.

Was kostet das BNN-Monitoring?

Alles in allem kostet das Monitoring die teilnehmenden Firmen zusammen eine halbe Million Euro pro Jahr.

Sie ziehen die Proben im Großhandel. Der ist im normalen Lebensmittelhandel weitgehend abgeschafft, was eine Menge Kosten spart. Warum gibt es im Bio-Fachhandel noch Großhändler?

Großhändler werden benötigt, um relativ kleine Mengen bei den Erzeugern einzusammeln und in noch kleinere Mengen für die Einzelhändler aufzuteilen. Das ist unumgänglich so lange die Geschäfte nicht um ein Vielfaches größer sind. Die Struktur hat aber auch Vorteile.

Welche?

Der Großhandel für den Bio-Fachhandel ist mit zwei oder drei Ausnahmen komplett Mitglied in unserem Verband. Wir können Leistungen wie das BNN-Monitoring für alle erbringen, die sonst knapp 30 Großhändler und Fruchtimporteure oder 2500 Einzelhändler selbst erbringen müssten. So decken wir rund drei Viertel der Obst- und Gemüsepalette ab, die im Fachhandel verkauft wird.

In Ihrem Verband sind auch Hersteller organisiert. Was tun die denn über die Vorschriften hinaus?

Unabhängig von der Mitgliedschaft bei uns bieten viele unserer Mitglieder Produkte an, die ein Verbandszeichen wie Demeter oder Bioland tragen. Für den Rohstoff ist damit sichergestellt, dass im Anbau strengere Richtlinien eingehalten wurden, als das Gesetz verlangt. Vor allem darf der Rohstoff nicht aus Betrieben stammen, die sowohl bio als auch konventionell produzieren. 100-Prozent-Betriebe sind sicherer. Für die Verarbeitung haben die Verbände teilweise strengere Richtlinien, insbesondere bei den Zusatzstoffen. Auch wir geben hierzu Empfehlungen ab.

Was ist dabei die Herausforderung?

Wenn man auf Produktionshilfsstoffe verzichtet, kann man Schwankungen bei der Rohstoffqualität nicht mehr ausgleichen, indem man etwas hineinschüttet, was sie besser fließen, aussehen, schmecken lässt. Man muss seine Maschinen sehr viel besser kennen, einstellen, gegebenenfalls modifizieren oder neue entwickeln. Das ist auch der Grund, warum es Jahre gedauert hat, bis Bio-Produkte die heute hohe geschmackliche Qualität und Stabilität erreicht haben.

Bio-Produkte werden heute mehr und mehr auf Großanlagen produziert und Medien werfen Bio „Industrialisierung“ vor.

Man kann Lebensmittel tot-industrialisieren, wenn man sie Verarbeitungsprozessen unterwirft, die Inhaltsstoffe zerstören. Das kann man im Kochtopf aber auch. Oder man kann Industrialisierung einsetzen, um hohe Hygienestandards und eine gleichmäßig hohe und schonende Produktqualität zu garantieren –von den niedrigeren Kosten ganz abgesehen. Das ist mit Maschinen insgesamt leichter als in Handarbeit, wenn sie entsprechend eingesetzt werden. Bio ist im besten Falle auch technologisch innovativ und keine Rückkehr zur höchst schwankenden Qualität der Handarbeit.

In den letzten Jahren scheinen mir Hersteller vor allem darin innovativ zu sein, auch noch das letzte konventionelle Produkt in Bio nachzubauen.

Wenn man dabei auf die besagten Zusatzstoffe verzichtet, erfordert das tatsächlich eine Menge Innovation. Und der Erfolg spricht dafür.

Beliefern Ihre Hersteller nicht auch den konventionellen Handel?

Manche produzieren im Lohnauftrag für die Bio-Handelsmarken des Lebensmitteleinzelhandels, die bessere Auslastung kommt auch dem Preisniveau im Fachhandel zugute.

Aber – sind das dann nicht doch einfach die gleichen Produkte wie im Fachhandel, nur in anderer Verpackung?

RöderElke Röder, Jahrgang 1958, ist Diplom Agraringenieurin, hat einen Magister in Phytomedizin und praktische Erfahrungen im Bio-Landbau. Seit 1989 führt sie die Geschäfte des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren Handel und Herstellung e. V.

Im Einzelfall ist das vielleicht schon der Fall. Aber insgesamt gehen wir davon aus, dass allein der Preisdruck zu anderen Rezepturen führt – und: Der Bio-Neu- und Gelegenheitskunde bei Edeka oder Aldi erwartet mit einiger Sicherheit geschmacklich etwas anderes als der Stammkunde im Bioladen.

Müssen Bio-Produkte eigentlich aus Gewächshäusern, Kühllagern oder Übersee stammen?

Naturkostläden haben wahrlich große Anstrengungen unternommen, Verbraucher für saisonal und regional zu begeistern. Das wurde ihnen nicht selten als Bevormundung und Missionierung übel genommen. Von so einem Sortiment könnte kaum ein Laden existieren.

Jahrelang hat man der Bio-Szene vorgeworfen, mit ihrer Weltanschauung und ihren Werten würde sie den Erfolg von Bio blockieren. Jetzt, wo Bio erfolgreich ist, wirft man der Bio-Szene vor, sie hätte ihre Werte verraten.

Das sehe ich nicht so. Und: Es könnte sein, dass wir in der Szene oder Branche Werten noch mehr Beachtung schenken sollten. Wenn ich entscheide, handwerkliche Herstellung war nur die Form, die schonende, werterhaltende Verarbeitung ist die Essenz, dann kann ich eine moderne Produktionsmaschine kaufen und meinem Wert treu bleiben. Wenn ich dann aber sage: Die Maschine zwingt mich jetzt zu dieser oder jener Produktionsweise, dann wird es gefährlich. Dann ist die Frage: Wie kann ich die Maschine so nutzen oder einstellen, verändern, dass sie meinen Werten dient? Das ist der unbequemere Weg. Ich denke: Unbequeme Wege zu gehen – darin haben die Unternehmen der „Szene“ vermutlich um einiges mehr Übung als die Quereinsteiger aus der konventionellen Branche.

BNN ...

Röder

... der Bundesverband Naturkost Naturwaren Handel und Herstellung e. V. ist die Interessensvertretung der Herstellungs- und Handelsunternehmen der Naturkostbranche. Mitglied sind 60 Großhändler und Verarbeiter aus Deutschland, Frankreich, Griechenland, den Niederlanden, Österreich und Spanien.

Der Verband verabschiedet besondere Qualitätsrichtlinien für den Naturkostfachhandel, zum Beispiel Orientierungswerte für Pestizidrückstände bei Bio-Produkten und den Beschluss zur Volldeklaration sämtlicher Lebensmittelbestandteile. Das „Monitoring-System für Obst und Gemüse im Naturkostfachhandel“ ergänzt die etablierten Prozesskontrollen im Ökolandbau und hilft, Schwachstellen in der Qualitätssicherung aufzudecken und abzustellen. www.bnn-monitoring.de

Mehr als das Gesetz verlangt

Aromen, Pestizide, Weichmacher, Volldeklaration – BNN-Mitglieder tun mehr als das Bio-Gesetz verlangt. Die Richtlinien gibt es bei www.n-bnn.de „BNN-Dokumente“.

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