Öko-Schuhe

Mehr als schick und bequem

Gute Schuhe dürfen nicht drücken. Weder Zehen noch Umwelt. Auch sollen die Schuster davon leben können. Wie das alles auf eine Kuhhaut passt? // Leo Frühschütz

Im Mittelalter glaubten die Menschen, dass der Teufel über ihre Sünden Buch führt und sie auf ein Pergament aus Kuhhaut schreibt. War die Liste der schlechten Taten besonders lang, passte sie auf keine Kuhhaut mehr. Daher der Spruch. Macht man aus einer Kuhhaut Leder und daraus Schuhe, könnte das zu einem langen Sündenregister führen. Da stünden die Haltungsbedingungen der Tiere und das Chrom für die Gerbung ebenso darauf wie die Arbeitsbedingungen in chinesischen oder indischen Fabriken, die billig für hiesige Märkte produzieren.

Umgekehrt würde ein Öko-Schuh draus: Artgerecht gehaltene Tiere, pflanzengegerbtes Leder, eine 1 a-Kläranlage hinter der Gerberei und faire Löhne für diejenigen, die das Leder über den Leisten schlagen. Für einen solchen Schuh müsste man meilenweit laufen oder viele Kataloge blättern. Denn kaum ein Öko-, Natur- oder Bequemschuh hält all diese Kriterien ein. Ein aussagekräftiges Logo gibt es nicht. Man muss selbst rausfinden, ob der Schuh drückt.

Pflanzlich oder chromgegerbt

Die Häute für das Leder – meist von Rindern – stammen von konventionellen Tieren. Die Häute von Bio-Tieren getrennt zu erfassen, ist logistisch nicht machbar. Die Mengen sind zu klein, sie müssten bis zur Verarbeitung aufwendig konserviert werden. „Bei uns passen 250 Häute in ein Fass“, beschreibt Johann Peter Schomisch, Geschäftsführer der Ecopell GmbH, die Größenordnung. Ecopell ist Deutschlands größter Hersteller von pflanzengegerbtem Leder und produziert nach eigenen, strengen Richtlinien. Die Häute stammen aus deutschen Schlachthöfen, werden nur mit Eis konserviert. Die Tenside zum Reinigen müssen ökologisch abbaubar sein. Chromsalze kommen nicht in die Gerbfässer. Auf pflanzliche Gerbstoffe, die durch Raubbau an der Natur gewonnen werden, verzichtet die Firma. Analysen auf Schadstoffe stellt sie ins Netz: www.bioleder.de.

Billigschuhe aus Asien

Doch Schuhe aus pflanzengegerbtem Leder sind noch seltener geworden als früher. Manche Naturschuhmarken haben wieder umgestellt auf chromgegerbtes Leder. Das ist billiger und widerstandsfähiger als pflanzengegerbtes. Der Fachhandel hat die Pflanzengegerbten weitgehend ignoriert. Eine steigende Nachfrage der Kunden, die Händler und Hersteller hätte überzeugen können, gab es bisher nicht. Das mag auch daran liegen, dass Schuhe heute keine Anschaffungen mehr für ein halbes Leben sind. An die 400 Millionen Schuhe kaufen die Deutschen jedes Jahr. Das sind fünf Paar für jeden. Bevorzugt greifen sie dabei zu Billigware. Knapp die Hälfte der Schuhe stammt aus China, ein Großteil aus anderen asiatischen Ländern wie Indien oder Vietnam, die es mit Umweltschutz und Arbeiterrechten nicht so genau nehmen. Keine fünf Euro zahlt ein Importeur im Schnitt für ein Paar Schuhe aus China.

Gegenüber einem solchen Billigimport hat ein in der EU gefertigter Schuh, selbst wenn er aus Chromleder ist, den Vorteil, dass für die Arbeiter soziale Mindeststandards gelten und für die Gerbereien die EU-weiten Umweltvorschriften. Wobei diese in Italien und Spanien, die in der EU am meisten Leder gerben, womöglich nicht immer so streng gehandhabt werden. Hersteller von Öko-Schuhen produzieren in der EU, oft in Ländern mit niedrigerem Lohnniveau wie Portugal oder Ungarn. Ob chromgegerbte Natur-Schuhe frei von Chrom VI-Verunreinigungen sind, muss der Kunde Hersteller und Händler fragen. Analysen hat keiner von ihnen veröffentlicht.

Für welchen Schuh man sich entscheidet, hängt davon ab, wie wichtig einem die einzelnen Kriterien sind. Bequeme und modische Öko-Schuhe gibt es in allen Varianten. Und wer über einen Preis jenseits der 100 Euro erschrickt, sollte die Zahl durch zehn teilen. So viele Jahre hält ein wirklich guter Schuh ohne Weiteres. Auch dann, wenn er nicht im Schrank verstaubt, sondern regelmäßig getragen und gepflegt wird.

Lederfreie Schuhe

Menschen, die aus Überzeugung kein Fleisch essen, wollen oft auch keine Schuhe aus den Häuten der Tiere tragen. Garantiert lederfreie Schuhe bieten mehrere, auf vegane Produkte spezialisierte Versender an. Die Schuhe aus Kunstleder stammen von britischen Firmen wie Ethical Wares und Vegetarian Shoes, aber auch von Birkenstock.

Schuhe mit Schwermetall

95 Prozent aller Schuhe sind aus chromgegerbtem Leder. Mehr als die Hälfte dieser Leder sind mit krebserregendem, allergieauslösendem Chrom VI verunreinigt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt, Lederwaren des täglichen Bedarfs zu verbieten, wenn sich darin Chrom VI nachweisen lässt. Umgesetzt wurde diese Empfehlung bisher jedoch nicht. Auch viele Naturschuhhersteller verwenden chromgegerbtes Leder. Nachweise, dass das Leder frei von Chrom VI ist, sind nicht vorgeschrieben und werden auch nicht unaufgefordert erbracht. Hier herrscht sicherlich noch Nachholbedarf. Einige Öko-Schuhhersteller verwenden jedoch pflanzengegerbtes Leder zumindest für das Innenfutter.

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