Mein Bio: Theater im Hinterhof

Prickelnde Kooperation

Ökolimo und fairen Wein – Nina Zober hat die Bar ihres Buxtehuder „Theater im Hinterhof“ komplett auf Bio umgestellt und das Publikum ist durstiger denn je. // Sylvia Meise

Mein Bio„Wie, Biowein aus dem Weltladen?“ Die Macher des Buxtehuder Kulturlebens waren geradezu entsetzt über Nina Zobers Vorschlag, die brandneue Festivalreihe mit Wein aus ökologischem Anbau zu eröffnen. Doch die quirlige Sängerin und Initiatorin von „Europas Musikkulturen zu Gast in Buxtehude“ ließ sich nicht beirren. Das Festival nämlich präsentiert Musik von Minderheiten und sie findet bis heute: „Das war mit so viel Idealismus inszeniert, da hatte ich keine Lust, Cola und Konsorten ein Forum zu geben“.

Wie bei Loriot

Die Weinkenner und Chefs von Stadtmarketing und Altstadtverein aber winkten ab, sie hatten wohl Vorurteile gegenüber Biowein und sahen die 400 geladenen Gäste schon sauren Wein ausspucken. Nur für sie organisierte Zober deshalb eine Biowein-Probe. „Das lief dann echt schräg ab, ein bisschen wie bei Loriot“, gluckst sie im Rückblick auf das Ereignis. Nachdem die wichtigen Männer erst bierernst und skeptisch in die kleine Runde schauten, schraubten sich langsam aber stetig Augenbrauen und Mundwinkel in die Höhe: „Aaah‚ eine gute Blume“, gurrten sie plötzlich. Es durfte noch mehr sein, die Augen der Herren glänzten, die Damen waren erleichtert – kurz: der Wein war gebongt und der Ausschank später eine süffige Erfolgsgeschichte.

Nina Zober ist ausgebildete Sopranistin, und leitet das private „Theater im Hinterhof“ in Buxtehude.

Als Nina Zober nach dem Festival wieder in ihrem Theaterbüro saß, durchzuckte es sie plötzlich „Mensch, das passt doch auch zu uns“. Das war das Aus für das Nullachtfünfzehn-Getränkesortiment, das jeder Kiosk hat. – Sie beschloss, Neuland zu betreten und die Theaterbar komplett auf bio und fair umzustellen.

Der Weltladen nebenan war gleich für eine weitere Kooperation zu haben und lieferte Weine, Orangensaft sowie Chips – nun fehlte noch die prickelnde Erfrischung. Die Theaterchefin versuchte ein paar Firmen anzusprechen, darunter Bionade, die aber waren nicht interessiert. – „Ich habe mir ja gar nichts Großes vorgestellt, vielleicht, dass sie mir einen Kühlschrank hinstellen.“ Doch es gab nicht mal Antwort, seufzt sie enttäuscht. Eine Bühne mit Nischencharakter, 70 Plätze. – Das war denen wohl nicht attraktiv genug.

Unterstützung pur

Dann eben anders. Mit dem Leitspruch ihrer lettischen Großmutter im Ohr: „Gan jau viss bûs labi“ – wird schon alles gut werden – orderte sie bei ihrem Nachbarn, einem Biobauern, naturreinen Apfelsaft und ging für das noch immer fehlende Prickeln zum Naturkostladen am Hafen. Ob sie die Ökolimo auch kistenweise haben könnte, fragte sie den Ladner Frank Dippel, denn es standen nur Einzelflaschen im Regal. Der kennt das Theater, und entzückte Nina Zober mit den Worten: „Klar, nimm mit, ich unterstütze euch“ und gab obendrein noch zwanzig Prozent Rabatt.

Mein Bio
Wege zur Kleinkunst: Künstler stänkern gegen den Kommerz. Den Gästen gefällt's und sie spenden gerne großzügig.

So viel Entgegenkommen hatte sie nicht erwartet – jetzt war das Angebot komplett. Und das Publikum begeistert. Da war plötzlich so eine ganz andere Atmosphäre, erzählt sie. Die Gäste fragten, was das denn sei, Chili-Holunder, und wo denn der Wein herkomme, so was habe man ja noch nie getrunken – ratzfatz, waren die Flaschen leer. „Das ist Erlebnis-trinken“, lacht Nina Zober zufrieden. Der Naturkost- und der Weltladen wiederum können es noch immer kaum glauben, wenn sie ihre wöchentliche Ration Kisten und Kästen nachordert. Dabei darf sie nicht mal Getränke verkaufen. Viel zu viel Bürokratie wehrt sie ab und schüttelt den Wuschelkopf. Schankkonzession, Lebensmittelkontrolle – nein danke.

„Aber die Leute haben Durst, wollen was knabbern, natürlich muss ich was da haben.“ Als findiger Kompromiss steht auf der Bar die „Rampensau“, ein großes Sparschwein, allzeit bereit die Spenden für die Getränke des Abends aufzunehmen. So hat sie es früher schon gehalten, als es noch Zuckerbrause gab. „Aber jetzt geben mir die Leute viel mehr, werfen für zwei Gläser Wein zehn Euro ins Schwein, weil sie sagen, da unterstütze ich noch ein gutes Projekt.“ Warum sie dabei keinen Gewinn rausschlagen muss? Geld sei ihr nicht so wichtig und das Theater ein Herzenswunsch. Getragen wird es hauptsächlich von ihrer eigenen Schule für Gesang und Schauspielkunst und mitunterstützt von ihrem Ehemann und ihrer Familie.

Kämpfen für's Überleben

Sie kämpfe wie jeder kleine Kulturbetrieb ums Überleben. Eigentlich waren nur einmal pro Monat Veranstaltungen geplant, doch mittlerweile ist fast jedes Wochenende was los. „Wir haben tolle Künstler, die gegen alles, was Kommerz heißt, anstänkern“, beschreibt sie liebevoll das Programm. Sie ist überzeugt, dass es neue Wege braucht. Ihr Publikum offenbar auch, das zeigen großzügige Spenden.

Kampfgeist sei auch dabei. „Weil ich denke, das muss doch mal anders werden. All die Etablierten haben eine riesige Lobby. Die arbeiten ja auch in einem Kreislauf zusammen. Und ich denke, dass wir etwas tun müssen, um einen neuen Kreislauf zu schaffen – da müssen die Andersdenkenden zusammenhalten.“

Umgestellt

An der Theaterbar stehen seit Sommer die Zeichen auf Bio. Chefin Nina Zober fand, das passe viel besser zum Programm als die normalen Mainstream-Drinks. Mit Hingabe hat sie auch Skeptiker überzeugt – und wo es Hürden gab, half der Leitspruch ihrer lettischen Großmutter: Gan jau viss bûs labi! – Das wird schon!

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