Schrot&Korn Titel 09/2008 

Zurechtgerückt

Und Bio ist doch besser

Wenn Michael Miersch, Dirk Maxeiner oder Udo Pollmer in Zeitungen oder Fernsehsendungen auftauchen, dann werden viele Halbwahrheiten über Bioanbau und Biolebensmittel verbreitet. Höchste Zeit, diese zurechtzurücken. // Leo Frühschütz

siehe: www.schrotundkorn.de/bio-fragen

Ist Bio wirklich nicht gesünder? Sind Pestizide tatsächlich harmlos? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt’s in diesem Artikel. Noch ausführlicher gehen wir auf die Behauptungen im Internet ein. Unter www.schrotundkorn.de/bio-fragen haben wir unsere Rechercheergebnisse außerdem mit den zugrunde liegenden Studien und weiteren Hintergrundinformationen verlinkt. Damit unsere Behauptung „Und Bio ist doch besser“ auch wirklich auf festen Füßen steht.

Pestizide – harmlos oder gesundheitsschädlich?

„Nach Ansicht führender Toxikologen sind die minimalen Pestizidmengen, die Endverbraucher aufnehmen, ungefährlich.“ (Miersch in Cicero 7/2008)

Die Aussage entspricht der amtlichen Sicht: Für Pestizide gibt es gesetzlich festgelegte Höchstmengen. Was darunter liegt, gilt als harmlos und gelegentliche Überschreitungen stellten keine akute Gefahr dar. Gegen diese Position spricht jedoch einiges:

  • In epidemiologischen Studien zeigen sich sehr wohl Wirkungen von Pestizidanwendungen, zum Beispiel ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krebserkrankungen und Parkinson oder eine verzögerte Entwicklung bei Kindern. Das bestätigt auch eine Auswertung von 124 Studien durch kanadische Wissenschaftler. Aus diesem Grund will die Europäische Union die Zulassungsregeln für Pestizide verschärfen und krebserregende oder erbgutschädigende Wirkstoffe verbieten.
  • Von den weltweit über 1  350 Pestizidwirkstoffen können selbst gute Labore höchstens die Hälfte nachweisen und davon auch nur diejenigen, die löslich sind. Fest in das Pflanzengewebe eingebaute Rückstände lassen sich nicht messen. Wirken können sie trotzdem.
  • Grundlage der Grenzwerte sind vor allem Tierversuche, die nur bedingt auf den Menschen übertragbar sind.
  • Die Wechselwirkungen der Pestizide untereinander und deren Abbauprodukte sind bislang kaum untersucht. Wenig erforscht ist auch die Langzeitwirkung ständig aufgenommener kleiner Pestizidmengen. Bedenklich ist dies vor allem bei Pestiziden, die auch hormonell wirken.

Ist Bio gesünder?

„Bis heute gibt es keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Bioprodukte gesünder seien. Der Ruf ist Gefühlssache ohne Faktenbasis.“ (Miersch in Cicero 7/2008)

Die erste Hälfte der Aussage stimmt. Ein solcher Beweis wäre auch schwer zu erbringen. Denn dazu müsste man über Jahrzehnte hinweg eine möglichst große Gruppe 100-prozentiger Bio-Esser mit einer Gruppe vergleichen, die sich konventionell ernährt. Alle Teilnehmer müssten zudem ein Leben lang ihrer Ernährung treu bleiben. Eine solche Studie wird es wohl nie geben.

Es gibt jedoch sehr wohl eine Faktenbasis, die darauf hinweist, dass Bioprodukte gesünder sind. Ökologische und konventionelle Lebensmittel wurden bereits in Hunderten von Forschungsarbeiten verglichen. Das Ergebnis:

  • Pflanzliche Bioprodukte enthalten deutlich weniger Pes-tizide und Nitrate. Sie weisen höhere Gehalte an gesundheitsfördernden sekundären Pflanzeninhaltsstoffen und tendenziell auch mehr Vitamin C auf. Zahlreiche dieser Arbeiten stammen aus dem europäischen Forschungsprogramm QLIF. So enthielten zum Beispiel einer Studie aus Polen zufolge Bio-Äpfel doppelt so viele Flavonoide und 80 Prozent mehr Vitamin C als konventionelle.
  • Eine Untersuchung aus 2007 mit Tausenden von Milchproben aus fünf europäischen Regionen (ebenfalls im Rahmen von QLIF) ergab: Biomilch enthält 15 bis 80 Prozent mehr fettlösliche Vitamine A und E sowie 40 bis 90 Prozent mehr an mehrfach ungesättigten Fettsäuren wie Omega-3-Fettsäuren und konjugierte Linolsäure (CLA).
  • Es gibt einige Fütterungsversuche bei Tieren, die zeigen, dass Ökofutter bestimmte Parameter des Immunsystems positiv beeinflusst. Eine entsprechende Studie mit Menschen ist derzeit in Arbeit.
  • Zudem ist für die Herstellung von Biolebensmitteln nur ein Zehntel der in konventionellen Produkten erlaubten Zusatzstoffe zugelassen. Der Verzicht auf synthetische Farb- und Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker und andere problematische Zusätze verringert das Risiko von Unverträglichkeiten wie Pseudoallergien.

Kupfer im Biolandbau

„Beim Obst- oder Gemüsebau wird mehr gespritzt als auf konventionellen Flächen, noch dazu mit schädlicheren Chemikalien. … Bioäpfel werden zwölf- bis achtzehnmal mit Kupfer und Schwefel gespritzt. ... Kupfer ist ein Schwermetall, das wir nie wieder aus den Böden kriegen. Es schädigt massiv das Bodenleben ... “ (Pollmer auf www.cicero.de)

Das Schwermetall Kupfer ist (anders als Quecksilber oder Kadmium) ein essenzielles Spurenelement und wirkt erst in höheren Dosierungen giftig. Es ist neben Schwefel das einzige Mittel, das Ökobauern gegen Pilzerkrankungen wie Mehltau einsetzen dürfen. Auch konventionelle Bauern verwenden es immer noch, wenn synthetische Fungizide versagen oder um Resistenzen bei Schädlingen vorzubeugen.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes verbraucht der Ökolandbau in Deutschland 20 Tonnen Kupfer im Jahr, die konventionelle Landwirtschaft 300 Tonnen. Eingesetzt wird Kupfer insbesondere beim Anbau von Hopfen, Weintrauben, Kartoffeln und Obst. Aus der konventionellen Landwirtschaft, wo Kupfer früher in Mengen von 35 bis 40 Kilogramm je Hektar (kg/ha) eingesetzt wurde, ist bekannt, dass sich das Schwermetall im Boden anreichern und negativ auf das Bodenleben, insbesondere auf Regenwürmer, auswirken kann. Deshalb ist der Einsatz von Kupfer für Ökobauern streng limitiert.

Obstbauern (auch ökologische) dürfen Kupfer generell nur vor der Blüte einsetzen. Je nach Blütezeit und Wetter sind das zwei oder drei, selten mehr Spritzungen. Biobauern dürfen laut EU-Öko-Verordnung insgesamt pro Jahr maximal 6 kg/ha Kupfer ausbringen. Die deutschen Anbauverbände haben diese Menge auf 3 kg/ha (Hopfen 4 kg/ha) halbiert. Dadurch ist sichergestellt, dass es nicht zu einer kurzfristigen Anreicherung im Boden kommt. (Lesen Sie hierzu auch das Interview)

Zur Abschätzung: Natürliche Böden enthalten zwischen 2 und 40 mg/kg Kupfer, im Schnitt also etwa 20 mg/kg. Der oberste Meter Boden enthält auf einem Hektar Fläche im Schnitt rund 280 kg Kupfer (Bodengewicht 1400 kg/m3). Davon wird ein kleiner Teil über das Erntegut ausgetragen. Das Ziel des Ökolandbaus ist es, nicht mehr Kupfer einzusetzen, als von den Pflanzen verbraucht wird, um das Gleichgewicht zu wahren. Aus diesem Grund arbeiten Institute und Praktiker seit Jahren daran, den Kupfereinsatz zu verringern oder ganz unnötig zu machen. Zu den größten Erfolgen zählt die Zucht pilzresis-tenter Rebsorten wie „Regent“. Hilfreich sind aber auch einfache Maßnahmen wie das Vorkeimen von Kartoffeln, die dadurch schneller wachsen und weniger stark von der Krautfäule betroffen werden.

Sind Biohühner stärker mit Salmonellen belastet?

„Freilandhühner leiden verstärkt unter Salmonellen.“ (Miersch in Cicero 7/2008)

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat 2005 563 Legehennenherden auf Salmonellen untersuchen lassen und konnte den Erreger in 29 Prozent der Herden nachweisen. Von den Käfighaltungen wurden 33,5 Prozent positiv getestet, von den Öko-Freilandherden 26,2 Prozent. Die konventionelle Freilandhaltung schnitt noch etwas besser ab.

Kleine Erzeuger mit weniger als 3 000 Hennen hatten nur zu 15,8 Prozent Salmonellen im Bestand. Dagegen wurden die Labore bei zwei Drittel aller Großbetriebe mit mehr als 30 000 Legehennen fündig. Auch bei ähnlichen Studien des BfR mit Masthühnern und Mastputen schnitten die Kleinbetriebe wesentlich besser ab. Allerdings wurde dabei nicht nach Haltungsformen differenziert.

Dass sich die niedrigere Salmonellenrate bei Freilandhühnern auch auf die mikrobielle Qualität ihrer Eier positiv auswirkt, kann man bisher nur vermuten. Der Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (Fibl) Urs Niggli schreibt dazu: „Untersuchungen zum Vorkommen von Salmonellen auf der Eischale und in Eiern in Abhängigkeit vom Produktionsverfahren sind bisher nicht bekannt.“

Fortsetzung folgt

In der nächsten Schrot&Korn nehmen wir Stellung zu den Fragen „Tödliche Erkrankungen durch Mist als Gemüsedünger?“ und „Braucht Bioanbau mehr Fläche und zerstört deshalb die Natur?“. Sie möchten die Antworten schon früher, am besten sofort? Dann schauen Sie doch einfach mal bei uns im Internet vorbei: www.schrotundkorn.de/bio-fragen

FlemmerDruckfrisch

Am 24. September erscheint das Buch Bio-Lebensmittel – Warum sie wirklich gesünder sind von Dr. Andrea Flemmer, Humboldt Verlag, 160 Seiten, 9,90 Euro.

Quellen und Studien

Weitere Informationen finden Sie unter

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