Schrot&Korn Titel 10/2008 

Zurechtgerückt - Teil II

Und Bio ist doch besser

In der September-Ausgabe von Schrot&Korn haben wir schon einen Teil der Halbwahrheiten, die in verschiedenen Medien über Bio verbreitet werden, zurechtgerückt. Jetzt geht's weiter. // Leo Frühschütz

siehe: www.schrotundkorn.de/bio-fragen

Kann Bio die Welt ernähren? Ist die Freilandhaltung von Hühnern Tierquälerei? Woher kommt der Stickstoff für den biologischen Anbau? Antworten auf diese und weitere Fragen erhalten Sie in diesem Artikel.

Bio und frei laufend - ein Flächenproblem?

„Angenommen, alle Bauern der Welt würden auf Bio umstellen, ... die dann frei laufenden Nutztiere würden riesige Areale benötigen. Im Jahr 2007 lebten bereits über eine Milliarde Schweine auf der Welt. Frei laufend würden sie ungefähr die Fläche Australiens benötigen. Ihre Ausscheidungen würden in kurzer Zeit die Böden zu Sondermüll degradieren.“ (Miersch in Cicero, 7/2008)

Vermutlich hat Michael Miersch da etwas verwechselt. Die EU-Öko-Verordnung sieht pro Mastschwein einen Quadratmeter Auslauf vor. Das wäre bei einer Milliarde Tiere ein Platzbedarf von 1000 Quadratkilometern. Das entspräche einem kleinen deutschen Landkreis. Eventuell meint er die im Ökolandbau vorgeschriebene Flächenbindung. Die schreibt vor, dass ein Bauer nur so viele Tiere halten darf, dass seine Flächen ausreichen, die Tiere zu ernähren und ihren Dünger zu verwerten, ohne dass es zur Überdüngung kommt. Die EU-Öko-Verordnung erlaubt deshalb 14 Mastschweine je Hektar (10 000 m2), die Anbauverbände sogar nur 10. Für eine Milliarde Bio-Verbandsschweine wären daher eine Million Quadratkilometer notwendig. Das ist zwar nur ein Siebtel der Fläche Australiens, aber dennoch viel Platz. Doch diesen Platz brauchen auch konventionelle Schweinezüchter für ihre Futtermittel. Nur liegen die Soja-Felder dann in Argentinien oder den USA, während die Schweinegülle vor Ort anfällt und mangels Flächen die Böden überdüngt.

Biolandbau und Stickstoffdüngung

„Der Agrarwissenschaftler und Friedensnobelpreisträger Norman Borlaug errechnete, dass über fünf Milliarden Rinder notwendig wären, um den für den Getreideanbau notwendigen Stickstoff auf biologischem Wege zu erzeugen (derzeit umfasst die globale Rinderherde 1,3 Milliarden Tiere).“ (Miersch in Cicero, 7/2008)

Das ist falsch, denn ein Großteil des Stickstoffs kommt über den Anbau von Leguminosen als Zwischenfrucht in den Bioacker. Leguminosen sind Pflanzen, die der Luft Stickstoff entziehen und ihn im Boden pflanzenverfügbar ablagern. Dazu zählen zum Beispiel Bohnen, Erbsen, Lupinen und Klee. Wie gut das funktioniert, zeigen Bio-Getreidebauern, die ohne eigene Viehherde auskommen.

Bio weltweit und überall - das Ende der Natur?

„Da die Ernten geringer ausfallen, benötigt er (Biolandbau, Anm. d. Red.) mindestens ein Drittel mehr Fläche, um gleich viel zu produzieren. Angenommen, alle Bauern der Welt würden auf Bio umstellen, wäre dies das Ende der Wälder, der Steppen, der Feuchtgebiete.“ (Miersch in Cicero, 7/2008)

Die positiven Auswirkungen des Ökolandbaus auf die Bodenfruchtbarkeit, die Vielfalt von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen, die Qualität des Grundwassers sowie auf mögliche Klimaveränderungen sind durch viele wissenschaftliche Arbeiten belegt. Die wichtigsten hat das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) zusammengefasst: www.orgprints.org (Schlagwort „Mythos“)

Es ist richtig, dass der Ökolandbau in industrialisierten Ländern etwa 20 Prozent geringere Erträge je Flächeneinheit bringt als die konventionelle Landwirtschaft. Den Kleinbauern in Afrika, Asien oder Südamerika bringt eine Umstellung ihrer bisherigen traditionellen Erzeugung auf Ökolandbau jedoch deutliche Ertragssteigerungen. Wissenschaftler der Universität von Essex haben mit Kollegen aus aller Welt die Daten von insgesamt 286 Projekten mit nachhaltiger Landwirtschaft aus 57 Ländern analysiert. Nicht alle entsprachen den strengen Öko-Standards. Das Ergebnis war überraschend: Im Schnitt ernteten die Bauern nach der Umstellung 79 Prozent mehr.

Ivette Perfecto und Catherine Badgley, Professorinnen an der Universität von Michigan, haben die Daten von fast 300 Vergleichen zwischen Öko- bzw. nachhaltigem Landbau mit konventioneller Produktion ausgewertet und hochgerechnet. Ihre Zahlen zeigen, dass sich mit 100 Prozent Ökoanbau weltweit mindestens so viel Nahrung produzieren lässt wie derzeit. Vermutlich ist es sogar deutlich mehr, schätzen die beiden Wissenschaftlerinnen.

Nach Expertenansicht hat die industrialisierte Landwirtschaft mit ihrem hohen Bedarf an Kunstdünger und synthetischen Spritzmitteln keine Zukunft. Der Weltagrarrat, ein Expertengremium der UNO, hat im Frühjahr 2008 einen ausführlichen Bericht vorgelegt. Darin kommen die 400 Fachleute zu dem Schluss, die moderne Landwirtschaft habe einen „signifikanten Anstieg“ in der Nahrungsmittelproduktion mit sich gebracht. „Aber die Vorteile sind ungleich verteilt und haben einen zunehmend unannehmbaren Preis, den Kleinbauern, Arbeiter, ländliche Gegenden und die Umwelt bezahlen müssen.“ Die Experten fordern eine ganzheitliche Betrachtung der Landwirtschaft. Im Mittelpunkt sollten dabei die Bedürfnisse der Kleinbauern in den verschiedenen Ökosystemen stehen. Ein solcher Weg ist der Ökolandbau.

Mist als Gemüsedünger - eine Gefahr?

„Naturdünger, also Mist, Kompost oder Gülle, kann riskante Keime transportieren. ... Die Salatpflanze kann beispielsweise über die Wurzeln aus dem Dünger Ehec-Bakterien aufnehmen. Die hat das Rind darin hinterlassen.“ (Pollmer in Cicero, 7/2008)

Infektionen mit Ehec sind sehr selten. Das Jahrbuch der meldepflichtigen Infektionskrankheiten des Robert-Koch-Instituts verzeichnet für 2007 insgesamt 26 Ausbrüche mit 67 Erkrankten. Davon waren 5 Ausbrüche mit 17 Erkrankten lebensmittelbedingt. In zwei der fünf Fälle konnte Milch als Ursache festgestellt werden, die anderen drei blieben ungeklärt. Von allen aufgeführten 1400 Ausbrüchen von Lebensmittelinfektionen (Salmonellen, Norovirus etc.) waren lediglich in vier Fällen Gemüse oder Gemüseprodukte die Ursache.

Dass Gemüse so selten Salmonellen, Ehec und andere Erreger überträgt, liegt daran, dass tierischer Dünger vor der Aussaat ausgebracht und in den Boden eingearbeitet wird. Eine Kopfdüngung, also Mist oder Gülle auf die wachsende Pflanze zu schütten, ist völlig unüblich.

Dass Salat Ehec-Erreger über die Wurzeln aufnehmen kann, haben amerikanische Wissenschaftler 2002 im Labor gezeigt, wo sie Salatpflanzen in stark mit Ehec kontaminierten Böden aufzogen und sie mit Ehec-verseuchtem Wasser gossen. Am Schluss ihrer Studie schrieben sie, dass nicht hinreichend erforscht sei, welchen Einfluss die Anbaupraxis auf den Höfen auf eine mögliche Belastung von Salaten mit Ehec habe. Die Realität untersuchten Wissenschaftler der Universität Bonn. Sie verglichen die mikrobielle Belastung von Salat bei verschiedenen Düngerarten. Zwischen Mineraldünger und frischem Mist gab es keine nennenswerten Unterschiede.

Ist Freilandhaltung von Hühnern Tierquälerei?

„Hennen, die unter freiem Himmel leben, werden häufiger krank und sterben im Durchschnitt jünger." (Miersch in Cicero, 7/2008)

Miersch bezieht sich auf die sogenannte EpiLeg-Studie, die die Tierärztliche Hochschule (TiHo) von 2002 bis 2004 mit dem Landesverband der niedersächsischen Geflügelwirtschaft und dem Bundesverband Deutsches Ei erstellte. Mit den Ergebnissen der Studie argumentierte die an der Erstellung beteiligte Käfigeier-Lobby gegen das Verbot der Käfighaltung. Die damalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast bezeichnete die Studie als „eine Fragebogenaktion unter Hennenhaltern“. Die Internationale Gesellschaft zur Nutztierhaltung (IGN) schrieb: „Erfahrungen aus anderen Ländern mit früher begonnenem Umstellungsprozess zeigen, dass Krankheitshäufigkeit und Mortalität in Legehennenhaltungen nicht vom Haltungssystem abhängen, sondern von der Auswahl der geeigneten Zuchtlinie, der tiergerechten, an das spätere Haltungssystem angepassten Aufzucht und dem richtigen, tierbezogenen Management im Legebetrieb.“

Richtig ist, dass Hühner in der Freilandhaltung vielfältigeren Einflüssen ausgesetzt sind, vom Wetter bis zu möglichen Parasiten. Das Problem: Die einschlägigen Hühnerrassen wurden über Jahrzehnte auf Käfighaltung hin gezüchtet, sind dadurch wenig robust und freilandtauglich und daher für eine ökologische Haltung nur bedingt geeignet. Auch ist die ökologische Haltung anspruchsvoller als die konventionelle. In den Anfangsjahren fehlte es an begleitender Unterstützung und Forschung. Daher stellte die erste große Bestandsaufnahme der Öko-Hühnerhaltung in Deutschland reichlich Verbesserungsbedarf fest. Daran wird seither intensiv geforscht.

Quellen und Studien

Weitere Informationen finden Sie unter

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