Aufbauhilfe für Afghanistan
Rosen aus der Wüste
Für Afghanen bietet Opium oft die einzige Chance. Doch Opium finanziert die Gegner der Demokratie. Ein ehrgeiziges Projekt hält dagegen - mit Rosen für deutsche Naturkosmetik. // Martin Fütterer
Vom Flugzeug aus wirkt das Land wie eine riesige Baugrube in Grau und Braun. In den Falten der Gebirge verlaufen manchmal schmale Streifen von Grün. Schmale Streifen, einige Hundert Meter breit ist schon viel. Hier klammert sich das Leben an die wenigen Wasserläufe und das Grün erstreckt sich nur so weit, wie sich Wasser kanalisieren lässt. Dahinter beginnt die felsige Gebirgswüste. Karg, lebensfeindlich, nur gut, um sich dort als Taliban zu verschanzen. Hier, in der Provinz Nangarhar, leitet die Deutsche Welthungerhilfe Bauern an, Damaszener-Rosen für den deutschen Markt anzubauen. Aus den Blüten wird ätherisches Rosenöl destilliert. Und weil es aus biologischem Anbau ist, findet es seinen Weg in deutsche Bioläden.
1 Liter pro Hektar: 5 000 Euro
Die Wala GmbH verarbeitete die ganze Ausbeute von fünf Litern im Jahr 2007 für ihre Naturkosmetikmarke Dr. Hauschka. Dieses Jahr sind es schon 30 Liter und Wala könnte noch mehr gebrauchen. 266 Bauernfamilien leben bereits davon. Die Rosen auf den Feldern von Mohammad Wadam sind gut gepflegt. Der Bauer beschneidet die Stöcke kräftig und mit höchster Sorgfalt. Und während der Blütezeit im April wird regelmäßig morgens geerntet. Mohammad Wadam ist deshalb zuversichtlich: „Dieses Jahr werden wir schon dreimal mehr ernten als letztes Jahr - Inschallah, wenn Gott will.“ 2,5 Tonnen für seine Sippe liegen im Bereich des Möglichen.
Die Rosen sind ein Segen
Doch der Vorbehalt in Wadams Prognose ist nicht nur eine Redewendung. Nach einem harten Winter ließ ein trockener Frühlingswind den Schnee stärker verdunsten, der sonst als Schmelzwasser die Flüsse gespeist hätte. Eine Dürre könnte die Folge sein. Mohammad Wadam will trotzdem beim Geschäft mit den Rosen bleiben. „Der Weizenpreis steigt und fällt. Das macht die Sache unkalkulierbar. Aber die Rosen sind ein Segen.“ Der Bauer hat weniger Arbeit damit als etwa mit Mohn und braucht weniger Wasser. „Wenn die Welthungerhilfe weiter stabile Preise bezahlt“, schaut Wadam in die Zukunft, „werden wir dabeibleiben. Und vielleicht richten wir auch noch eine eigene Destille ein.“ Dass die Marktpreise noch lange stabil bleiben, ist hinreichend sicher, auch wenn die Welthungerhilfe am oberen Ende der Weltmarktpreise bezahlt. Speziell biologisch angebautes Rosenöl ist auf den Märk- ten Mangelware. Nicht nur Wala, auch andere Kosmetikunternehmen suchen nach dem Rohstoff. Bei allen Erfolgen ist das Projekt aber immer noch ein zartes Pflänzchen. Denn nicht überall klappt die Zusammenarbeit mit den afghanischen Bauern so gut wie bei Wadam. Andernorts hat man noch nicht begriffen, dass die Rosenstöcke durch regelmäßiges Schneiden mehr Triebe entwickeln und dadurch mehr Blüten zu gewinnen sind. So sind die Stöcke dort schon im zweiten Jahr so verwildert, dass man kaum hindurchgehen kann. An der Sammelstelle hat die Welthungerhilfe deswegen ein Transparent aufgehängt: Bauern, pflückt die Rosenblüten früh, sonst blast ihr euer Geld in den Wind! Projektleiter Norbert Burger, 62, muss die Augen auch zusammenkneifen, wenn er sieht, wie die Bauern mit dem Dung ihrer wenigen Rinder umgehen. Für den erfahrenen Demeter-Landwirt ist er wertvoller Dünger, für die afghanischen Bauern Brennstoff. „Von Kompostierung und Bodenfruchtbarkeit verstehen viele hier immer noch wenig. Sie sind den Kunstdünger gewöhnt, den gerade auch wir Hilfsorganisationen jahrzehntelang ins Land gebracht haben.“ Aber den Dünger können sie sich nicht länger leisten, deswegen ist der Biolandbau die einzige Alternative. Nur, sagt Burger: „Bioanbau besteht nicht einfach nur darin, dass man den Kunstdünger weglässt und ansonsten Gott vertraut.“ Doch in Anbetracht der Umstände sind das Burgers geringste Sorgen: „Noch sind wir hier in der Provinz Nangarhar kein direktes Angriffsziel. Aber in den Nightletters, den Flugblättern der Taliban, werden unsere Bauern vor einer Zusammenarbeit mit uns gewarnt und mit dem Tode bedroht.“
Prämie für Mohnfreiheit
Noch immer sehen sehr viele Bauern im Opiumanbau eine Alternative. Opium ist nahezu die einzige Pflanze, für die die afghanischen Bauern einigermaßen Geld bekommen. Aber Opium nährt den Krieg. Drei Viertel des Gewinns landen in den Taschen der Warlords und der Taliban, die die Demokratie bekämpfen. Umso wichtiger ist Unterstützung. Die UN zahlen jeder Provinz eine jährliche Prämie von 1,5 Millionen Dollar, wenn sie mohnfrei bleibt. Ab 2009 gibt es sogar 3 Millionen Dollar Prämie. Und die Deutsche Welthungerhilfe und Wala tragen ihren Teil dazu bei, dass das verwüstete Land Afghanistan wieder erblühen kann.
Das Land Afghanistan
Das Tal Dar-I-Nur, ist eines der ärmsten Länder der Welt. Rund 80 Prozent der rund 28 Millionen Einwohner gelten als arm. Das Land hat die höchste Kindersterblichkeit: Jedes 4. Kind stirbt vor dem 5. Lebensjahr. Vorbild für Afghanistan ist ein Projekt im Iran, wo der Opium- anbau vollständig und nachhaltig durch Rosenanbau verdrängt werden konnte.
Die Rose
Die Damaszener-Rose kann man bis 1 000 v. Chr. zurückverfolgen. Damals war die Sorte auf der griechischen Insel Samos bekannt. Besonders auffällig sind die gefüllten Blüten von weiß bis purpur und der unvergleichliche, schwere Duft.
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