Interview
„Neues ausprobieren!“
Der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf gilt als der Prototyp der „neuen Alten“. Er lebt seit 20 Jahren in einer Wohngemeinschaft, plädiert für ein Zusammenrücken der Generationen und er hat ein Buch geschrieben. // Martina Petersen / Fotos: Thomas Schloemann

Jung und Alt zusammenbringen – das möchte Henning Scherf, Ex-Bürgermeister und Autor des Buches „Grau ist bunt – Was im Alter möglich ist“.
Herr Scherf, Sie sind durch Ihr Buch „Grau ist bunt“ so etwas wie ein Botschafter der neuen, vitalen Alten geworden. Was verstehen Sie unter einer guten Altersvorsorge?
Wichtig ist, dass man eine Struktur mit vielen Menschen schafft, mit denen man nicht nur arbeitet, sondern mit denen man auch leben lernt. Damit kann man nicht früh genug anfangen. Und bitte: Nicht nur mit Gleichaltrigen! Meiner Meinung nach funktioniert es am besten mit Strukturen, die generationsübergreifend sind.
Sie haben sich vor 20 Jahren mit Freunden zusammengetan und sind mit ihnen in eine Bremer Stadtvilla gezogen. Was bedeutet Ihnen Ihre Hausgemeinschaft?
Die Großfamilie von früher gibt es ja nicht mehr, aber ich plädiere dafür, dass man sich so etwas Ähnliches bastelt. Ich nenne das meine Wahl-Familie: Menschen, denen ich vertraue und mit denen ich viel unternehme.
In Ihrem Wohnprojekt sind Sie mit hohen Ansprüchen angetreten: Sie haben sich untereinander das Versprechen gegeben, sich bei Krankheit zu unterstützen und beim Sterben zu begleiten.
Ja, zwei von uns sind gestorben und wir haben sie in unserer Mitte gepflegt. Wir haben uns diese gegenseitige Verpflichtung wirklich erarbeitet. Man macht ja nicht einfach einen Vertrag und hält ihn ein. Das ist wie in einer Ehe: Man weiß nicht, was das wirklich bedeutet. Wenn man die schönste Gemeinsamkeit nicht ständig mit neuen Ideen nachfüttert, dann wird sie schnell trist. Das erleben Millionen und so läuft es auch in der Wahl-Familie: Zu Anfang gibt es viele Hoffnungen und Wünsche und dann gibt es die Mühen der Ebene – wie wir es nennen. Eigentlich wird es genau da spannend, wo viele resignieren. Es ist Leben, das durchzustehen und sensibel aufeinander zuzugehen.
Ihre WG ist in dem Sinne privilegiert, dass sie bei Bedarf eine Haushaltshilfe oder eine Pflegekraft einstellen könnte.
Schon, aber wir haben auch jemanden unter uns, der nur 630 Euro Rente im Monat hat. Eigentümer sind die, die damals ein Haus verkaufen und dieses Geld ins Projekt stecken konnten. Drei sind Mieter. Das ist eine Sache unter Freunden.

Henning Scherf ...
... wurde 1938 in Bremen geboren. Er studierte Rechts- und Sozialwissenschaften und promovierte 1968 zum Dr. jur. Er trat mit 25 in die SPD ein und zog 1978 in die Bremer Bürgerschaft ein. Von 1995 bis 2005 hatte er das Amt des Bürgermeisters inne. Seit seiner Pensionierung engagiert sich Scherf u. a. im ökumenischen Lehrhaus Bremen und für die Stiftung „Pan y Arte“. Scherf lebt mit seiner Frau und zahlreichen Freunden seit 1988 in einer Wohngemeinschaft in Bremen.
Altersarmut scheint ein großes Thema zu werden. Schon heute zahlt nur noch jeder Zweite in die Sozialsysteme ein. Bis 2040 soll sich die Zahl der Pflegebedürftigen auf über vier Millionen verdoppeln. Lässt sich der große Kollaps überhaupt noch verhindern?
Da kommen in der Tat Riesenprobleme auf uns zu, aber ich glaube nicht, dass Geld das Hauptproblem ist. Die Frage ist viel mehr, ob wir fähig sein werden, zusammen mit anderen etwas auf die Beine zu stellen. Ich kenne ein Projekt in Bremen-Blumenthal, wo in 60 meist türkischstämmigen Familien die Männer durch die Pleite der Vulkan-Werft auf einen Schlag arbeitslos geworden sind. Die Männer waren Anfang 50 und haben keine Jobs mehr gekriegt. Diese Menschen machen uns mit ihren winzigen Renten beispielhaft vor, wie man sich gegenseitig helfen kann.
Wie denn konkret?
Die haben im Kleingartenverein ihre Häuser selbst gezimmert, bauen Gemüse an und kochen füreinander. Jetzt bauen sie mithilfe einer Wohnungsbaugesellschaft ein Pflegezentrum, das sie selbst betreiben wollen, um ihre Alten bei sich behalten zu können. Bei uns wird alles aufs Materielle reduziert. Beim Thema Gesundheit denken alle nur noch an Krankenhaus und Kosten. Uns wurde mit Erfolg weisgemacht, dass man im Alter nur überlebt, wenn man ein dickes Bankkonto hat.
Die materielle Seite wollen Sie über eine steuerfinanzierte Grundsicherung regeln.
Die Grundsicherung ist die sozialpolitische Antwort auf Artikel eins des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das Bundesverfassungsgericht leitet daraus ab, dass es einen Anspruch auf Existenzsicherung gibt. Das ist die Basis allen öffentlichen Handelns.
Es wird aber auch viele Leute geben, die ihr Leben lang arbeiten müssen. Die Rente mit 67 ist erst ein Vorgeschmack, oder?
Der klassische Ruhestand hat ausgedient und deshalb brauchen wir eine neue Kultur der Arbeit. Wir sind in die falsche Richtung gegangen und ich habe dazu beigetragen. Als SPD-Mann und Gewerkschafter habe ich Stereotype in die Welt gesetzt – etwa, dass jeder so früh wie möglich einen festen, sicheren Job haben sollte, den er dann bis zu seinem Lebensende ausüben wird. Doch das funktioniert so nicht mehr. Heute muss man den Leuten Lust darauf machen, immer Neues auszuprobieren, sich ein Leben lang zu qualifizieren. Die Stereotype müssen aufgebrochen werden, damit wir in der globalisierten Welt zurechtkommen.
Sie fordern einen neuen Generationenvertrag. Wie soll der aussehen?
Klassisch ist die materielle Lösung: Jede Generation finanziert die vorangegangene im Alter. Doch das gerät bekanntlich immer mehr in Schieflage. Die große Herausforderung liegt darin, die Generationen zusammenzubringen. Man muss zum Beispiel den berufstätigen Eltern zeigen, dass sie sich diese schwierige Lebensphase viel entlastender organisieren können, wenn sie sich eine generations-übergreifende Struktur zurechtlegen. Sie sollten nicht automatisch denken: Oh Gott, wenn Oma bei uns lebt, dann quakt die in alles rein.
Genauso appellieren Sie an die Alten, dass sie sich öffnen und eine partnerschaftliche Rolle erlernen müssen.
Klar, die können sich nicht wie ein alter Grimmbär hinsetzen und ihren Stiefel durchziehen. Wenn ich es selber gut haben will, dann muss ich mich bis ins hohe Alter mit den immer neuen, veränderten Lebensstilen der nachwachsenden Generationen vertraut machen. Über 50 Prozent der 60- bis 69-Jährigen machen ehrenamtliche Arbeit – also haben wir es nicht mit geizigen, bösartigen Alten zu tun, die sich ins Fäustchen lachen, wenn es den anderen schlecht geht. Die Mehrheit will abgeben.
Bisher ist es noch eine Minderheit, die sich an so etwas wie Ihre Hausgemeinschaft herantraut. Wie kann man mehr Menschen Mut machen?
In jeder größeren Stadt gibt es heute Initiativen, die mit Wohnungsgesellschaften kooperieren, um Quartiere lebendiger zu gestalten. Man muss nur den Schritt aus der Tür machen und laut sagen: „Ich bin so einer, der gern mit anderen zusammenleben möchte.“ Das ist nicht schwer.
Buchtipp
Scherf, Henning: Grau ist bunt – Was im Alter möglich ist.
Herder-Verlag, 2008, 192 Seiten, 19,90 Euro.
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