Interview
Die Krise als Chance
Wir haben die Wahl zwischen verschiedenen Zukunftsszenarien, sagt Professor Franz Josef Radermacher, der sich für eine gerechtere Globalisierung einsetzt. Die gegenwärtige Finanzkrise bietet auch Chancen - wenn wir aus ihr lernen. // Martin Fütterer, Fotos: Steffen Sturm

Wenn der ökologische Kollaps vermieden werden soll, läuft es auf Ökodiktatur oder Ökosoziale Marktwirtschaft hinaus, hat Professor Franz Josef Radermacher mit seinem Team berechnet.
Herr Professor, Sie und Ihre Kollegen haben die Finanzkrise vorausgesagt. Was zeigt sie uns?
Die Krise zeigt klugen Köpfen, dass das Weltfinanzsystem schlecht reguliert ist. Solange Steuern und Gesetze in den Wirtschaftsräumen der Welt nicht fair und aufeinander bezogen geregelt sind, wird Geld auf der Suche nach der größtmöglichen Rendite oft dort investiert werden, wo die laschesten Gesetze und die niedrigsten Steuern gelten. Also in Plünderung statt in den Aufbau sinnvoller Unternehmungen und gesellschaftlicher Infrastrukturen.
Gibt es Ansätze für eine Vereinheitlichung?
Bisher wurde das auf offizieller Ebene immer verhindert, vorrangig von Großbritannien und den USA. Neuerdings scheint es zumindest eine inoffizielle Front gegen Steuerparadiese zu geben, siehe Liechtenstein. Ein einheitliches Steuersystem funktioniert natürlich nur auf der Grundlage von Steuerehrlichkeit. Die Krise wird hoffentlich mehr Vereinheitlichung auf internationaler Ebene bringen. Die aktuelle Diskussion über ein neues Weltwährungssystem Bretton Woods II weist in die richtige Richtung.
Vertreter des Club of Rome und der Global Marshall Plan-Initiative, der Sie angehören, sagen voraus, dass wir die Wahl haben zwischen drei Zukunftsszenarien.
Ja. Erstens: Der Kollaps der Ökosysteme. Zweitens: Die Brasilianisierung - die Herrschaft weniger Reicher über eine verarmte, ungebildete und machtlose Masse, die zu einem Leben mit minimalem Ressourcenverbrauch verdonnert wird, also eine Ökodiktatur. Und drittens: Eine Ökosoziale Marktwirtschaft, in der durch sozialen Ausgleich, gute Regierungsausübung und nachhaltiges Wirtschaften eine lebenswerte Welt für bis zu 10 Milliarden Menschen möglich ist.
Wohin zeigt die gegenwärtige Krise?
Nicht die Krise, sondern die Art, wie wir sie bewältigen, wird darüber entscheiden, welches Szenario wir erleben werden. Diese Krise ist auch eine Chance: Noch nie haben so viele Menschen begriffen, dass das marktfundamentalistische System nicht funktioniert.

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher
Er ist Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler sowie Professor für Informatik in Ulm. Besonders bekannt geworden ist er durch sein Engagement in der Global Marshall Plan-Initiative, die sich seit 2003 für eine gerechtere Globalisierung einsetzt. Förderer dieser Idee sind der ehemalige Vizepräsident der USA, Al Gore, sowie der ehemalige EU-Landwirtschaftskommissar Franz Fischler. Franz Josef Radermacher ist Präsident des Bundesverbands für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft. Motto: Wirtschaft, das sind wir alle.
Alle rufen nun nach neuen Regeln, ist das Wasser auf Ihre Mühlen?
Ja, aber dieser Ruf ist oft nur vorgeschoben, die Intentionen mancher Rufer sind andere, als sie erscheinen. Auch ist Bretton Woods II zu wenig. Unsere Kanzlerin Merkel sollte jetzt, wie schon zuvor, eine weltweite ökosoziale Marktregulierung fordern.
Wo sitzen denn die Gegner?
Jeder von uns ist in der Versuchung, den Eigennutz über den Gemeinnutz zu stellen, selbst dann, wenn damit das Gemeinwesen über kurz oder lang ruiniert wird. Je größere Ressourcen Menschen kontrollieren, desto mehr Möglichkeiten haben sie, ihre eigenen Interessen zu bedienen, selbst wenn sie parallel dazu spenden und fördern. Einige Investmentbanker hatten eine Schlüsselfunktion inne. Versprechen von zwanzig Prozent Rendite sind auf Dauer nur mit Mitteln zu erzielen, die für das Gemeinwohl schädlich sind.
Nicht alle Reichen sind Piraten.
Richtig, viele sind Philanthropen. Es würde sehr helfen, wenn einige von ihnen laut vernehmbar eine weltweite ökosoziale Marktregulierung verlangen würden.
Wer kann sie beeinflussen?
An die Superreichen kommt niemand heran. Sie nicht und ich auch nicht. Die sind abgeschirmt von einem Tross von Spezialisten und leben in einer eigenen Welt. Es gibt eine riesige Konkurrenz seriöser Anliegen, aber auch von Betrügern, um jede Minute einer solchen Person.
Kann die Demokratie etwas ändern?
In Europa ja, in den USA vielleicht. Dort beobachten wir, in den Worten des früheren US-Vizepräsidenten Al Gore, eine Krise der Demokratie, denn die Regierung ist weitgehend in den Händen von Superreichen und ihrem Support-Umfeld. Die Überschwemmungen in New Orleans und die Finanzmarktkrise beginnen aber, Wirkung zu zeigen.
Was ist mit den Medien?
Auch diese, vor allem die internationalen Nachrichtenagenturen, befinden sich zunehmend im Eigentum der Interessengruppe, die von den bisherigen Strukturen profitiert. Über die Medien werden Vorstellungen und Glaubenssätze in die Hirne geprägt, die wiederum Basis für Regeln und Gesetze sind.
Ungeregelter Markt als Heilsbringer, Steuern runter und Staat weg?
Genau, Marktfundamentalismus ist nicht weniger ideologisch als der sich wissenschaftlich gebende Kommunismus. Unregulierter Kapitalismus und Marktwirtschaft werden gleichgesetzt, obwohl das Ziel des Kapitalismus das Monopol ist, also die Abschaffung von Wettbewerb, also das Gegenteil von Markt. Freie, ungeregelte Marktwirtschaft, allerdings mit weitgehenden Besitzgarantien und Steuergeschenken für Superreiche, wird gleichgesetzt mit dem eigentlichen Erfolgsmodell, der sozialen Marktwirtschaft, in der Steuern und sozialer Ausgleich dazu dienen, das System zu verbessern und so die Voraussetzungen für wachsenden Wohlstand - für alle - erst zu schaffen. Die Durchsetzung freier Märkte dient stattdessen dem Szenario der Beförderung der Brasilianisierung, das ich für am wahrscheinlichsten halte.
Ist die Brasilianisierung eine Dauerlösung oder wird sie zu Revolten führen?
Im Endzustand ist sie dauerhaft: Wenn die Masse der Bevölkerung durch Fehlinformation, Verweigerung von Bildung, Medien- und Drogenkonsum verdummt ist, in Schach gehalten von einer gut bezahlten Schergenkaste. Aber noch ist es ja nicht so weit. Noch nie gab es so viele gut ausgebildete, informierte Menschen wie heute. Wir müssen und können uns unserer Haut wehren. Al Gore glaubt hier an das Internet - allerdings gibt es auch da Bestrebungen, es unter den Einfluss finanzstarker Akteure zu bringen.
Unterm Strich heißt das, wir alle müssen unseren Lebensstil ändern?
Ja, wir werden in der reichen Welt pro Kopf nicht mehr so viele Steaks essen und weniger fliegen. Um die für das Jahr 2050 erwarteten 10 Milliarden Menschen zu ernähren, werden wir den Wohlstand weltweit verzehnfachen müssen, dürfen dabei aber nicht mehr Ressourcen verbrauchen als heute. Wir brauchen technischen Fortschritt und eine Dematerialisierung des Konsums.
Wie hat man sich das vorzustellen?
Von dem, was viel Material verbraucht, werden wir uns weniger, von dem, was wenig Material verbraucht, mehr leisten können: Coaching, Kunst und Spiritualität. Ich habe eine Tür gesehen, an der ein Künstler ein Jahr gearbeitet hat. Eigentlich unbezahlbar und unglaublich schön.Aber es wird dafür nicht mehr Material verbraucht als für eine Standardtür.
Buchtipp
Radermacher, Franz Josef; Beyers, Bert: Welt mit Zukunft - Überleben im 21. Jahrhundert.
Murmann Verlag, 2008, 224 Seiten, 16 Euro
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