Wohlfühlen: Tanzen - Interview
„Erdschwere hinter sich lassen“
Beate Berger ist Journalistin, Buchautorin und begeisterte Tangotänzerin
Was ist für Sie das Besondere am Tanzen?
Beim Tanzen geht es um Gefühle, darum, die Erdschwere hinter sich zu lassen. Das ist auch das Geheimnisvolle am Tanzen, denn es berührt Bereiche, für die es sonst keinen Ausdruck gibt.
Hängt das mit der Bewegung zusammen, mit der Musik, mit dem Partner?
Mit allem zusammen. Man kann jedoch auch beim Solotanz sehr glücklich sein, fragen Sie einmal die großen Tänzer.
Was hat Tanzen mit Körperlichkeit zu tun?
Dem Menschen, mit dem wir tanzen, kommen wir nahe, bei manchen Tanzarten sogar extrem nahe. Wir berühren sein Gesicht, spüren seinen Atem, wir wissen, wie seine Haut duftet, sein Haar. Wir spüren seinen Pulsschlag. Die Energie, mit der er tanzt, vermittelt uns eine Vorstellung von seinem Temperament und von seinen Sehnsüchten. Seine Blockierungen geben uns Hinweise auf seine Verletzungen, seine Ängste. Und eines wissen wir bereits nach wenigen Schritten ziemlich genau: ob wir uns riechen können oder nicht.
Zum Thema Tanztrends: Tango und Salsa werden sich halten?
Bestimmt, denn diesen beiden Tänzen haben wir es hierzulande zu verdanken, dass Tanz wieder eine Rolle spielt, dass es wieder Tanzräume gibt. Und zwar jenseits der Disko, die ja den Jugendlichen vorbehalten ist. Auch im Ballroom-Bereich tut sich einiges, allerdings in meinen Augen nicht das Richtige.
Was läuft Ihrer Meinung nach falsch?
Man versucht sich jung und flott zu geben, statt die großen Qualitäten des Standardtanzens hervorzuheben, die ja auch in der strengen Disziplin liegen. Standardtanz ist eine hohe Kunst. Die meisten halten ihn jedoch für ein banales Freizeitvergnügen. Die Tanzschulen hätten sicherlich mehr davon, wenn sie den Leuten vermitteln könnten, dass sie dort etwas ganz Kostbares lernen. Und nicht nur ein paar Schritte für die nächste Party.
Das scheint nicht gerade zeitgemäß.
Meiner Ansicht nach sind da Korrekturen nötig, um den Standardtänzen ein besseres, weniger verstaubtes Image zu verschaffen. Auch da hilft der Blick zurück: Der Wiener Walzer zum Beispiel, der im 18. und 19. Jahrhundert ein revolutionärer Tanz gewesen ist, der das strikte Reglement des Adels hinweggefegt hat und mit der Demokratisierung unserer Gesellschaft einherging. Das haben wir heute längst vergessen, und der Walzer steht eher für Spießigkeit denn für Revolte.
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