Schrot&Korn Titel 1/2009

Wohlfühlen: Augenschule

Entspannt sehen

Po, Beine, Rücken - an allem wird gearbeitet, nur an den Augen nicht. Dabei lassen sich mit entsprechender Übung manche Sehprobleme mindern, andere gar verhindern. // Sylvia Meise

Wohlfühlen: Augenschule„Bloß nicht starren! Es ist der Beginn der Fehlsichtigkeit“, warnt Sehtrainer Wolfgang Hätscher-Rosenbauer und fordert die Kursteilnehmer auf, sich richtig gehen zu lassen, lauthals zu gähnen, sich zu rekeln und zu strecken und nochmals zu gähnen. Das befeuchtet die Augen und ist somit die erste „Übung“, die man beim Erfinder der „Augenschule“ lernen kann.

Jeder, der zu ihm kommt, hat eine eigene Augengeschichte: grüner Star, Weitsichtigkeit, Alterskurzsichtigkeit. Wolfgang Hätscher-Rosenbauer hält seine Kurse auch in Firmen, daher sind oftmals Vielleser oder Bildschirmarbeiter dabei. Sie sind besonders betroffen von Sehstresssymptomen wie brennende, trockene Augen oder dem Verschwimmen von Buchstaben und Bildern. Mit Augenübungen gegensteuern? „Selbsthilfe ist möglich“, ist Wolfgang Hätscher-Rosenbauer überzeugt. Dass eine Verbesserung oder zumindest die Verzögerung eines Augenproblems möglich ist, bestätigen verschiedene Studien (siehe unten und Interview).

Selbst etwas tun

Zum Augentrainer wurde der ehemalige Sozialpädagoge durch eigene Erfahrungen: Vor knapp dreißig Jahren wurde er extrem kurzsichtig und brauchte von Jahr zu Jahr eine stärkere Brille mit schließlich acht Dioptrien. Kleine Kompottschalen sind das, deshalb trug er Kontaktlinsen. Weil er „selbst etwas dagegen tun wollte“, stieß er auf ein Buch des New Yorker Augenarztes William Bates, der Anfang des 20. Jahrhunderts die „Sehschule“ entwickelte. Dessen langwierige, täglich anzuwendende Übungsfolgen lagen Wolfgang Hätscher-Rosenbauer jedoch gar nicht. Ein Sabbatjahr in Asien änderte alles. „Auf Ceylon vertrug ich plötzlich meine Kontaktlinsen nicht mehr.“

Das A und O guter Sicht

Strahlende Augen sind Hingucker - weniger attraktiv fühlt man sich, wenn sie schmerzen, glasig und gerötet sind. Meist die Folge von übermäßiger Anspannung durch seelischen Stress oder stundenlanges Arbeiten am Bildschirm. Doch schon mit ein paar Übungen lässt sich gegensteuern: Denn die Augen lassen sich wie der Rest des Körpers durch Muskelübungen geschmeidig halten.

Baden in Farben

Der Zufall bescherte ihm ein Gästezimmer mit Blick in den Hof einer Batik-Manufaktur. „Ich saß dort auf dem Balkon und badete meine Augen in den Farben der Tücher.“ Und sicher auch in der entspannenden Urlaubsatmosphäre. Dazu fielen ihm auch einige der Bates’schen Übungen wieder ein. All das zeigte Wirkung. Zurück zu Hause war seine Fehlsichtigkeit nicht verschwunden, aber doch um drei Dioptrien zurückgegangen - „und das halte ich bis heute“. Atem- und Entspannungsübungen wie Akupressur, Farbtherapie und gezieltes Augenmuskeltraining, das sich problemlos in den Alltag einbauen lässt, sind die Grundlagen seiner „Augenschule“.

Nicht um die Abschaffung der Brille geht es, sondern um Entspannung und bewusste Wahrnehmung einerseits und eine Harmonisierung der Blickbewegungen andererseits. Ebenso wie man lernen könne, schwere Lasten zu heben und den Rücken geschmeidig zu halten, sei „organgerechtes Sehen“ erlernbar. Für die sechs kräftigen Muskeln, die die Augen bewegen, gilt eben wie für alle andern: sie brauchen An- und Entspannung. Konkret: das Wechselspiel von nah und fern, hell und dunkel. Dazu gibt es sogar ein Übungsgerät, die „Rasterbrille“. Sie funktioniert wie eine Lochkamera und regt das Auge zu mehr Blickbewegungen an.

Starres Sehen wie vor dem Bildschirm minimiert die Häufigkeit solcher Bewegungen und lässt dadurch das Bild unscharf werden. Wie das? Jedes Objekt, das uns vor die Linse kommt, wird vom Gehirn zu einem Bild zusammengesetzt. Je mehr Informationen es erhält, umso schärfer das Bild. Die Rasterbrille verblüfft, man kann damit sogar als Kurzsichtige lesen. Eine andere Übung ist „die Blickstafette“, bei der man zunächst einen Punkt direkt vor der Nase fixiert und sich dann weiter vorarbeitet: zum nächststehenden Stuhl, dem Baum vorm Fenster, dem Nachbarhaus. „Augenyoga“ gehört ebenfalls zum Repertoire, dabei zieht man im Uhrzeigersinn mit den Blicken ein Speichenrad nach.

Grundelement des Augentrainings ist das Abschirmen oder „Palmieren“ der Augen (siehe Kasten oben). Es geht auf Bates zurück und verschafft den Augen die absolute Ruhepause. Eine Wohltat, Balsam für Auge und Seele, die sich gleich mit ausruht. Dass Augen und Psyche eng verknüpft sind, wissen Dichter schon lange. Als Beispiel der schöne Satz von Antoine de Saint-Exupéry, „man sieht nur mit dem Herzen gut“.

Am Sehen sind Gefühle beteiligt

Neurologen und Psychologen haben in Experimenten bestätigt: man sieht nur, was man sehen will, und daran sind immer auch Gefühle beteiligt. Anspannung und Druck verteilen sich im ganzen Körper und schwächen ihn. Meist atmet man dann auch flacher und behindert so den Stoffwechsel. Wer psychisch unter Druck steht, spürt dies eben auch über Kopf- oder Augenschmerzen.

Das Augentraining empfiehlt daher neben Entspannungsübungen: Bewegung im Freien und - eine gute Ernährung. Augen brauchen vor allem Provitamin A, Vitamine A, D und der B-Gruppe, Stress verbraucht viel Vitamin C und begünstigt zudem die Entstehung aggressiver, freier Radikaler. Dagegen wappnet man sich mit Sonnenblumenkernen sowie viel frischem Obst und Gemüse. Rote Beeren fördern die Durchblutung und stützen das Bindegewebe. Ein Klassiker und echter Augenschmaus ist das frisch gepresste Glas Möhren-Apfelsaft mit einem Tropfen Öl und einem Schuss Zitrone.

Entspannung für die Augen

Palmieren

Von englisch „palm“, Handballen: Hände aneinander reiben, bis sie warm sind, dann so auf die geschlossenen Augen legen, dass sich die Finger auf der Stirn kreuzen und die Handballen auf den Wangenknochen aufliegen. Darunter muss es ganz dunkel sein. Entweder im Liegen oder am Tisch, die Ellenbogen aufstützen und den Nacken weich machen. Dauer: 1 bis 20 Minuten.

Schweifen

Mit dem Blick in weichen Bewegungen die Umgebung abtasten, im Gegensatz zum zackigen Fokussieren. Man kann auch Achten verfolgen, indem man mit dem Finger vor der Nase eine liegende Acht zeichnet. Erst nur mit den Augen folgen, dann mit dem ganzen Kopf, eventuell mit dem Körper mitschwingen.

Farbbad

Intensives Anschauen einer Farbfläche. Ist das Auge nach einigen Minuten von der Farbe gesättigt, lässt man es auf einer grauen Farb­fläche ausruhen. Dort sieht man dann ein komplementär gefärbtes, inneres Nachbild - die Augen regenerieren sich. Auch das Sonnenbad - bei geschlossenen Augen! - harmonisiert die Lichtempfindlichkeit der Netzhaut.

Augendusche

Wohltuend bei angestrengten Augen oder geschwollenen Lidern ist die tägliche Wasserkur, die auf Sebastian Kneipp beruht. Dazu schwappt man sich mit beiden Händen stufenweise temperiertes Wasser auf die geschlossenen Augen. Morgens beginnend mit lauwarmem, endend mit kaltem Wasser, abends umgekehrt.

Kollegen tun den Augen gut

Wer abgeschottet ist und seinen Arbeitsraum nur mit Akten teilt, ist verspannter und hat müdere Augen als diejenigen, bei denen öfter mal die Kollegen vorbeiwuseln - das zeigte die Studie „Arbeit und Sehen“, die im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Technik Sehschulungen begleitete. Die Erklärung: Nur wenn sich im Blickfeld etwas bewegt, schaut man unwillkürlich immer mal über die Schulter und löst so wohltuend den nackenstarren Blick vom Bildschirm.

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