Schrot&Korn Titel 2/2009 

Wohlfühlen: Interview

Tickt die innere Uhr noch richtig?

Dr. Dieter Kunz ist Chefarzt der Abteilung für Schlafmedizin des St. Hedwig-Krankenhauses in Berlin.

Dr. Dieter KunzJeder vierte Deutsche klagt über chronisch unerholsamen Schlaf. Welchen Einfluss hat künstliches Licht?

Unsere innere Uhr ist erheblich gestört, weil sie vom Kunstlicht das Signal „Helligkeit“ zum falschen Zeitpunkt bekommt. Die Weltgesundheitsorganisation hat Nachtschichtarbeit 2007 auf die Liste der Karzinogene gesetzt, weil durch das Licht nachts die Produktion des Schlafhormons Melatonin unterdrückt wird und hierdurch Krebs entstehen kann. Unsere Studie hat gezeigt, dass abends bereits 10 bis 20 Minuten bei heller Beleuchtung im Bad ausreichen, um uns wach zu machen.

Wie unterscheidet sich die Wirkung verschiedener Leuchten?

Die Unterdrückung von Melatonin liegt am Blauanteil des sichtbaren Lichts, der in allen Lampen, die wir im Alltag einsetzen, vorhanden ist. Bei kaltweißem Licht ist dieser Anteil höher, bei warmweißem Licht ist er schwächer ausgeprägt.

Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als abends bei Kerzenlicht die Zähne zu putzen?

Zum heutigen Zeitpunkt würde ich sagen, reines Rotlicht wäre das Beste. Aber das ist so wenig praktikabel wie das Kerzenlicht. Deshalb dimmen Sie am besten das normale Licht, sodass darüber der Blauanteil verringert wird.

Was raten Sie Menschen, die abends gern im Bett lesen?

Aus Sicht des Schlafmediziners würde ich davon abraten. Aber für viele Menschen ist das Lesen am Abend ein Ritual. Das sollte jeder abwägen.

Erleichtern Lichtwecker, die einen Sonnenaufgang simulieren, das Aufstehen?

Kontrollierte Studien belegen, dass es funktioniert und mehr ist als bloße Spielerei. Nämlich knallharte Neurobiologie.

Wie sieht das optimale Licht der Zukunft aus?

Es wäre klug, den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus nachzustellen. Derzeit wird untersucht, ob in der Schule helles Licht mit hohem Blauanteil die Wachheit und Leistungsfähigkeit der Schüler fördert.

Wo wäre dynamisches Licht noch sinnvoll?

In Pflegeheimen, wo die Menschen fast ausschließlich unter Kunstlicht leben, brauchen wir es unbedingt. Wir wissen, dass drei Viertel der Menschen hier an Alzheimerdemenz und mehr als die Hälfte an nächtlichen Verwirrtheitszuständen leiden, weil sie ihren Tag-Nacht-Rhythmus verloren haben. Studien zeigen, dass allein durch den gezielten Einsatz von Licht hier eine erhebliche Verbesserung zu erreichen ist. So sollten wir Stück für Stück sämtliche Beleuchtung, die wir heute haben, auswechseln. Damit werden wir zudem auch weniger Lichtstärke benötigen.

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