Spezial: Nahziele
Natur pur um die Ecke
Urlaub machen, abschalten: Für die Umwelt bedeutet das oft wegen des Reiseverkehrs Stress pur. Dabei bietet die Natur oft grandiose Reiseziele auch ganz in der Nähe. // Ursula Quass

Mit Käfersack und Pack: Kinder müssen Wandern erst lernen, finden dann aber durchaus Spaß daran.
Ob Faulenzen an der Nordsee, Elbradeln oder Bergsteigen in den Alpen: Allein hierzulande bleibt kaum ein Urlaubswunsch unerfüllt. Die Statistik belegt: Die Deutschen verbringen die Ferien am liebsten in der Heimat. Über 30 Prozent macht der Marktanteil von Ferien im eigenen Land aus, wie aus der „Reiseanalyse 2008“ hervorgeht. Sie wurde von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen in Kooperation mit dem Institut für Tourismus und Bäderforschung in Nordeuropa erstellt.
Etwa ein weiteres Drittel der Reisen führt ans Mittelmeer, das letzte Drittel in die übrige Welt. Wie stark dabei das Klima belastet wird, hängt laut der Umweltschutzorganisation WWF in erster Linie von dem für die An- und Abreise gewählten Verkehrsmittel, aber auch von Beherbergung, Verpflegung und Aktivitäten am Urlaubsort ab. Klimakiller Nummer eins ist dabei das Flugzeug: Bei einem Flug von Deutschland nach Mallorca wird das Klima ebenso sehr geschädigt wie durch ein Jahr Auto fahren, wie der Verkehrsclub Deutschland berechnet hat. Während das Flugzeug in Zeiten von Billigfliegern kontinuierlich an Marktanteilen gewinnt, verliert das umweltfreundliche Verkehrsmittel Bahn in der Gunst der Urlauber. 36,4 Prozent aller Urlauber stiegen laut der Reiseanalyse im vergangenen Jahr ins Flugzeug, in den Zug nur 4,9 Prozent.
Und je weiter das Urlaubsziel entfernt liegt, desto mehr öffnet sich die Schere noch: Wurde jede achte Reise (12 Prozent) ins Inland noch per Zug angesteuert, war es ins Ausland nicht einmal mehr jede fünfzigste (1,7 Prozent). Dabei steht der Nutzen einer Reise oft nicht im Verhältnis zu den Kosten, ist Rolf Pfeifer, Geschäftsführer beim Forum anders reisen, einem Verband von rund 150 auf nachhaltigen Tourismus spezialisierten kleinen und mittleren Reiseunternehmen, überzeugt. „Warum muss man all-inclusive in die Dominikanische Republik fliegen, wenn man Sonne, Strand und Palmen auch in Italien oder Kroatien haben kann?“, appelliert er an das Verantwortungsbewusstsein der Reisenden und bringt das Konzept der an Nachhaltigkeit orientierten Reiseveranstalter auf den Punkt: „Man muss das Reiseerlebnis in Bezug stellen zu dem Schaden, der angerichtet wird.“
Flüge erst ab 700 Kilometern
Um die Umweltschäden möglichst gering zu halten, haben sich die im Forum anders reisen zusammengeschlossenen Anbieter, aber auch der Wanderreisen-Anbieter Demeter, klare Ziele gesetzt: Umweltverträgliche Verkehrsmittel werden bevorzugt, Flüge erst ab einer Mindestentfernung von 700 Kilometern zum Zielort angeboten. Als weitere Selbstbeschränkung gilt: Die Mindestaufenthaltsdauer bei Flugreisen beträgt 7, bei Flugreisen über 2 000 Kilometer 14 Tage.
Noch strenger sind die ökologischen Ansprüche beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): Er setzt bei den vom ihm angebotenen Reisen ausschließlich auf die Verkehrsmittel Bahn, Bus oder Schiff. Das Fliegen überlässt der BUND lieber den Vögeln - und bringt seine Reisenden dennoch bis zum Baikalsee oder ins Hochgebirge der Seidenstraße. Probleme, Reisende trotz dieser Selbstbeschränkungen für sich zu gewinnen, haben die Anbieter nicht. „Auch das Bahnfahren ist für viele ein wunderbares Urlaubserlebnis“, hat Annika Pusch, Bereichsleiterin Reisen beim BUND, festgestellt. Ähnlich die Erfahrung beim Forum anders reisen: „Die Kunden suchen explizit ein anderes Reisen.“
Auch insgesamt habe die CO2-Problematik die Menschen sicher erreicht - wenn auch ohne die notwendigen Konsequenzen. „Es gibt keine Verhaltensänderung. Es ist nicht so, dass die Leute weniger fliegen.“ Ein Befund, der sich auch in der Statistik widerspiegelt: Mit einem Anteil von einem Prozent sind nachhaltige Reisen nach wie vor ein absoluter Nischenmarkt. Auf Kunden, die nicht von sich aus von diesem Alternativkonzept überzeugt sind, einzuwirken, ist nach Ansicht Pfeifers schwierig: „Die Reiseveranstalter sind abhängig von den Kunden und gezwungen, verkaufsfähige Produkte anzubieten.“ Eine Veränderung werde sich erst über die Kerosinpreise ergeben, glaubt er - auch ohne ein Eingreifen der Politik: „Der Ölpreis geht ohnehin hoch.“
Immer mehr kompensieren
Immerhin: Das Bewusstsein für die Klimaproblematik wächst. Immer mehr Kunden leisten Klimakompensationszahlungen und auch Reiseriesen wie Tui und Thomas Cook bieten ihren Kunden zunehmend die Möglichkeit an, eine Klimaspende zu leisten. Die Idee dahinter ist einfach: Man überweist zum Ausgleich, dass man das Klima mit seinem Flug geschädigt hat, Geld an ein Projekt, das den CO2-Ausstoß auf der Erde verringert - von Energiesparmaßnahmen an Schulen in Deutschland bis zur Stromerzeugung aus Ernteresten in Indien.
Die Preise wie auch die Qualität der angebotenen Emissionsrechner differieren jedoch gewaltig, wie Wissenschaftler der Tufts-University im US-Bundesstaat Massachusetts herausgefunden haben. So kommt beispielsweise die deutsche Organisation Atmosfair bei der Berechnung der Emissionen für den Flug Boston-Frankfurt-Boston auf 4,14 Tonnen. Sie zu kompensieren hätte zum Zeitpunkt der Erhebung Ende 2006 knapp über 100 US-Dollar gekostet. Der Schweizer Anbieter Myclimate kommt dagegen nur auf 2,49 Tonnen an Belastung und damit auf rund 68 Dollar an Ausgleichszahlungen. Terrapass aus den USA kalkuliert für dieselbe Strecke eine Emissionsmenge von 1,43 Tonnen und belastet das Konto des schuldbewussten Fluggasts mit rund 30 Dollar.
Abgase oben schlimmer
Die Gründe für die Preisunterschiede sind den Faktoren geschuldet, die in die Berechnungen einfließen. Prinzipiell gilt: Je mehr auf Details wie Flugklasse, Flugzeugtyp oder die übliche Auslastung auf der Strecke geschaut wird, desto realistischer wird eine Kompensation. So berücksichtigt beispielsweise der mit der Bestnote ausgezeichnete Anbieter Atmosfair die Tatsache, dass Abgase in der Höhe klimaschädlicher wirken als am Boden.
Laut dem zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimafragen, dem ranghöchs-ten Wissenschaftsgremium in Sachen Klimaschutz weltweit, sind die Emissionen von Flugzeugen zwei- bis viermal so schlimm wie die entsprechenden Emissionen am Boden. Atmosfair rechnet mit einem gemittelten Faktor von 3, bei anderen Anbietern fällt der Höhenaspekt überhaupt nicht ins Gewicht. Dann aber werde die CO2-Belastung unterschätzt, sind sich die Forscher sicher. Wie gut ein Anbieter im Tufts-Ranking abschneidet, hängt auch davon ab, wie viel der Spenden in der Verwaltung versickert. Zudem wird die Tauglichkeit der Klimaschutzprojekte unter die Lupe genommen.
Wer hier punkten will, muss das geförderte Land, seine Infrastruktur und Einwohner im Auge haben. Insgesamt als „exzellent“ bewerten die Autoren des Rankings nur 4 von 13 untersuchten Einrichtungen: darunter Atmosfair aus Berlin. „Sehr gut“ schneiden Myclimate aus Zürich und NativeEnergy aus den USA ab.
Raus aus dem Jet!
Ein Freibrief zum Fliegen ist selbst der Erwerb eines Zertifikats eines Topanbieters dennoch nicht. „Die Absicht von Atmosfair ist, Bewusstsein zu schaffen. Wir wollen den Leuten nicht ihr schlechtes Gewissen nehmen, sondern sie aus dem Flugzeug rauskriegen“, betont Forum-anders-reisen Geschäftsführer Pfeifer, dessen Verband neben der Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch hinter der gemeinnützigen GmbH steckt. „Sie können mit Atmosfair nicht das Problem lindern: Das ist wie bei einem kranken Zahn. Selbst wenn der ausgebohrt wird und eine Füllung reinkommt, ist der Zahn immer noch krank.
Das Beste fürs Klima ist immer noch, gar nicht zu fliegen.“ Abstriche muss deshalb niemand machen: Feine Destinationen warten schon in den Nachbarländern darauf, entdeckt zu werden. Und die Rechnerei erspart man sich bei einer Anreise ohne Flieger auch.
Nachhaltig mit Siegel
Was bleibt im Land, wenn die Touristen weg sind? Wie viel Emissionen verursacht eine Urlaubsreise? Das Forum anders reisen arbeitet daran, das messbar zu machen. Ziel ist die Einführung des weltweit ersten Qualitätssiegels, das Veranstalter klar nachvollziehbar als nachhaltig ausweist.
Mit ein paar Klicks zur persönlichen Umweltbilanz
Reisen spielen eine wichtige Rolle für die persönliche CO2-Bilanz, sind aber längst nicht alles. Das Umweltbundesamt bietet mit einem Gratisrechner die Möglichkeit, die Auswirkungen des persönlichen Lebensstils über ein ganzes Jahr zu berechnen - von der Art der Heizung bis zum Anteil von Ökoprodukten. Die Ergebnisse werden detailliert aufgeschlüsselt und mit denen des Durchschnittsdeutschen verglichen. Jede Menge Tipps spornen an, die persönliche Bilanz noch zu verbessern.
http://uba.klima-aktiv.deKlimaspuren
Die Auswirkungen auf das Klima, die Urlauber verursachen, sind laut WWF meist viel zu hoch. Anhand von sieben Beispielreisen lässt sich nachvollziehen, wo die Spur zum Brandmal wird. Der_touristische_ Klima-Fussabdruck.pdf unter www.wwf.de
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