Wohlfühlen - Qigong
Bewegung im Fluss
Als hätte jemand den Schalter des Lebens auf Zeitlupe gestellt: Die bedächtigen Körperübungen des Qigong bieten oft einen wohltuenden Ausgleich zu unserem stressbetonten Leben. // Sabine Kumm
Manch einer erinnert sich vielleicht an die Fernsehbilder im Sommer letzten Jahres: Während die Athleten im Pekinger „Vogelnest“ um olympisches Gold kämpften, übten die Einwohner der Stadt im Grün der Parkanlagen ihr traditionelles Qigong. Erkennbar an den weichen, fließenden Bewegungen, wie in einem betont langsamen Tanz nach einer festgelegten Choreografie, boten sie das Gegenbild zum angestrengten „Schneller, Höher, Weiter“ der Medaillenjagd.
Denn anders als im Hochleistungssport, der greif- und messbare Ergebnisse anstrebt, ist Qigong durch inneres Wachstum, meditative Elemente, Achtsamkeit und Konzentration auf die fließenden Bewegungsabläufe gekennzeichnet. Schon vor Tausenden von Jahren wurden die Übungen von buddhistischen, taoistischen und konfuzianischen Mönchen mit verschiedenen Schwerpunkten weiterentwickelt, zu denen darüber hinaus auch eine medizinische Form und die Richtung der Kampfsportarten gehören.
Vitalenergie stärken
Dabei meint „Qi“ niemals nur körperliche Kraft oder Beweglichkeit, sondern auch ihre geistig-seelische Entsprechung. „Qi“ lässt sich mit „Atem“ oder „Lebens-energie“ übersetzen, „Gong“ bezeichnet das beständige Üben. Diese „Energiearbeit“, der „Übungsweg für Körper und Seele“, ist wie Akupunktur und Ernährung Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und dient dazu, die Vitalenergie zu stärken.
Denn im chinesischen Verständnis ist Qi die Kraft, die die Welt und alle Wesen mit Leben erfüllt, eine Verdichtung dynamischer Energie, die in ständiger Wechselwirkung mit ihrer Umwelt steht. Das Qi fließt innerhalb bestimmter Leitungsbahnen, den sogenannten Meridianen, durch unseren Körper und lässt sich bei ausreichender Übung sammeln, lenken und sogar weitergeben.
Blockaden oder Störungen des Qi-Flusses gelten in der Traditionellen Chinesischen Medizin als Ursachen von Krankheiten und Beschwerden, können jedoch durch die harmonisierenden Bewegungen des passenden Qigong behoben werden oder treten gar nicht erst auf.
Qigong als begleitende Therapie
Bei uns wird Qigong zunehmend auch außerhalb der TCM-Kliniken zur begleitenden Therapie von Bluthochdruck, Asthma, Tinnitus, Arthritis, Herz-Kreislauf-Problemen, allen Arten von Schmerzzuständen, Augenproblemen und vielem mehr eingesetzt. Tägliche Übungseinheiten zu Hause oder mit der Gruppe im Park helfen bei Stress, Ärger, Verspannungen und Schlafproblemen und steigern schon nach kurzer Zeit auf ganzheitliche Weise das allgemeine Wohlbefinden.
Schon wer sich, nach Stunden angespannter Bildschirmarbeit, zu einer kurzen Runde „Wolkenschieben“ entschließt, kann bei entsprechender Vorstellungskraft spüren, wie sich die „dicke Luft“ verzieht. Dabei geht man zunächst in eine entspannte Grundstellung mit leicht gebeugten Knien und schulterbreit parallel stehenden Füßen. Die Hände werden vor dem Unterbauch gekreuzt.
Mit dem Einatmen hebt man das Gesicht und die gekreuzten Arme langsam nach oben und „wächst“ dem Himmel entgegen, indem man die Beine etwas streckt. Auf Kopfhöhe drehen die Handflächen sich nach außen, die Arme öffnen sich und schieben die imaginären dunklen Wolken einfach auf die Seite. Mit dem Ausatmen sinken die Arme seitlich nach unten, die Knie geben wieder etwas nach und die Hände kehren in ihre Ausgangsposition zurück. Bei mehrmaliger Wiederholung geht für den verspannten Rücken wahrhaftig die Sonne auf.
Ein Vorgeschmack kommender „Erleuchtungen“, die sich beim Besuch eines Kurses mit achtsamen Korrekturmöglichkeiten durch einen „Meister“ einstellen können. Welcher Kurs und welcher Meister der richtige ist, muss jeder selbst für sich herausfinden. Denn das „eine“ Qigong gibt es nicht - die Bezeichnung (bei uns auch: „Qi Gong“ oder „Chi Gong“) entstand in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Sammelbegriff für die jahrtausendealten chinesischen Atem-, Gymnastik- und Meditationsübungen.
Alles fließt
Heute praktiziert man davon noch etwa 100 Qigong-Arten, deren Übergänge fließend sind. Die rund 3 000 relativ kurzen Bewegungseinheiten sind auch für Anfänger, ältere oder kranke Menschen gut geeignet. Manche bestehen aus bewusstem Ein- und Ausatmen, einer bestimmten Art des Stehens, Sitzens oder Gehens, Schüttelübungen und Armeschwingen, andere aus komplexeren Bewegungsabfolgen, wie zum Beispiel dem bekannten „Kranich“.
Wer am Ende in das Gefühl eintauchen kann, losgelöst von aller sportlich-irdischen Anstrengung mühelos über dem „Vogelnest“ zu kreisen, der hat sein Qigong gefunden.
Qigong am Montag
Keine Lust auf Arbeit? Stellen Sie sich vor, ein großes Lächeln breitet sich aus dem Herzen heraus wie eine glückliche Erinnerung nach und nach in Ihnen aus. Die Augenbrauen ziehen sich auseinander, Zornesfalten verschwinden. Das Lächeln steigert Ihr Wohlbefinden, alles geht leichter von der Hand und nach und nach werden auch die Menschen, mit denen Sie zu tun haben, damit angesteckt.
Für jeden etwas
Ob nur auf Atmung und Vorstellungskraft konzentriert oder in harmonisierender Bewegung: Qigong-Schulen bieten ein reiches Repertoire an Übungen
Stärkung
Das „Spiel der fünf Tiere Qigong“ wurde vor rund zweitausend Jahren entwickelt. In ihm sind die Bewegungen und Eigenheiten von Hirsch, Affe, Bär, Kranich und Tiger enthalten, wobei jedem Tier ein Organ zugeordnet ist.
Ausgleich
Das „Rückwärts Gehen Qigong“ wirkt ausgleichend auf Bewegung, Haltung und Wahrnehmung. Es hilft besonders bei Problemen mit Rücken, Hüfte, Knien und bei Gleichgewichtsstörungen. Durch das Ruhen der Augen werden alle anderen Sinne geschärft.
Haltung
Die Übungen des „Chan Mi Qigong“ sind für „Sitzarbeiter“ besonders gut geeignet. Gelenke und Wirbelsäule werden schlangenartig bewegt, gelockert und gestärkt. Die Kopfhaltung begünstigt eine optimale Durchblutung für das Gehirn.
Anleitung
Es gibt Qigong-Formen, die heilende Laute enthalten, zur jeweiligen Jahreszeit passen oder bereits den chinesischen Kaisern als Anti-Aging-Maßnahmen dienten. Wichtiger noch als die jeweilige Schule ist allerdings die Anleitung durch einen kompetenten Meister.
Taijiquan und Qigong
„Wer Tai chi regelmäßig übt, erlangt die Geschmeidigkeit eines Kindes, die Gesundheit eines Holzfällers und die Gelassenheit eines Weisen“, lautet eine chinesische Weisheit. Gemeint ist „Taijiquan“ (auch: „Tai Chi Chuan“), das „Schattenboxen“. Trainiert werden bei dieser Unterart des Qigong längere und komplexere Bewegungsabläufe, sogenannte „Formen“, bei denen die Freude an der Bewegung im Vordergrund steht.
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