Begegnen - Interview
Vielseitig engagiert
Sie ist eine von Deutschlands aktivsten Schauspielerinnen und findet doch Zeit, für die Aktion Bio-Brotbox Pausenbrote zu packen. Marion Kracht über Theater ohne Sprache, Prostituierte in Indien und gute Gründe, kein Fleisch zu essen. // Martin Fütterer, Fotos: Anna Weise

Seit sie fünf Jahre alt ist, steht Marion Kracht vor der Kamera und auf der Bühne. Neben ihrer Schauspielerei ist sie für das Kinderhilfswerk Plan-International, den Gehörlosenverband und die Bio-Brotbox aktiv.
Sie haben eine Theaterrolle in Gebärdensprache gespielt. Haben Sie Gehörlose in der Familie?
Nein, die Gebärdensprache habe ich 1998 für das Theaterstück „Gottes vergessene Kinder“ gelernt. Ich kann sie auch nicht besonders gut. Aber ich habe seither gelegentlich andere Rollen bekommen, in denen Gebärdensprache verlangt wurde.
Früher hieß es, dass Gehörlose unbedingt die Lautsprache lernen sollen, damit sie sich mit Hörenden verständigen können.
Ja, da wurden sogar Hände festgebunden oder das Essen verweigert, wenn das gehörlose Kind nicht mit gesprochenen Worten darum bat. Gleichzeitig hat man ihnen ihre eigene Sprache vorenthalten, das finde ich barbarisch.
Die Intelligenz entwickelt sich mit der Sprache und wenn man dann gezwungen ist, eine zu sprechen, die man aufgrund der Behinderung nur bruchstückhaft erlernen kann, gibt es erhebliche Entwicklungsdefizite.
Was war die besondere Herausforderung, diese Rollen zu spielen?
Alles ist reduziert auf Mimik, Gestik und eine Gebärdensprache, die das Publikum nicht versteht. Und doch musste ich ja die ganze Persönlichkeit rüberbringen.
Sie haben für die Rolle den Inthega-Theaterpreis bekommen, 2002 auch das Bundesverdienstkreuz.
Das war sowohl für die Rolle als auch für mein Engagement im Gehörlosenverband, zu dem man mich aufgrund der Rolle gebeten hat. Als der Anruf kam, ich würde diesen Preis bekommen, dachte ich, es sei ein Gag von „Versteckte Kamera“.
Leider mache ich da inzwischen gar nichts mehr, weil dieser Verband, sagen wir mal, nicht besonders gut organisiert ist.
Sie engagieren sich auch bei der Kinderhilfsorganisation Plan-International.
Ja, ich habe zwei Patenkinder und war anlässlich des internationalen Mädchentages, den diese Organisation ins Leben gerufen hat, jüngst in Indien.

Marion Kracht ...
... ist eine von Deutschlands meistbeschäftigten Schauspielerinnen und ist vor der Kamera ebenso zuhause wie auf der Theaterbühne. Für ihre Rollen lernte sie Segeln, Reiten, Tauchen, Tennis, Ski, Wasserski- und Motorradfahren. Neben Englisch und Italienisch spricht sie auch die Gebärdensprache. Für ihre Rollen und ihr soziales Engagement erhielt sie die silberne Kamera, den Inthega-Theaterpreis und das Bundesverdienstkreuz.
Was haben Sie erlebt?
Natürlich sehr viel, aber was mich nachhaltig erschüttert hat, ist zum Beispiel die Situation der Prostituierten. Offiziell ist Prostitution in Indien verboten, offiziell gibt es sie nicht, aber natürlich gibt es sie doch.
Die Frauen sind aufgrund ihrer Illegalität völlig rechtlos. Alle paar Wochen kommt die Polizei, nimmt einige mit und sperrt sie ein, weil sie ja gegen das Gesetz verstoßen. Sie nehmen ihnen das Geld ab und vergewaltigen sie. Die Polizei die Frauen.
Und die Töchter?
Die Tochter einer Prostituierten muss wieder Prostituierte werden, zumindest die Erstgeborene. In Plan-Projekten wird diesen Mädchen der Schulbesuch ermöglicht, sodass sie aus diesem Teufelskreis aussteigen und einen Beruf erlernen können.
Wie geht es den anderen Mädchen?
Sie sind unerwünscht. In manchen Regionen ist das Verhältnis Jungen zu Mädchen zehn zu eins. Sie werden abgetrieben oder nach der Geburt getötet.
Die Ursache ist der Brautpreis, der zwar seit Gandhi ungesetzlich ist, aber dennoch erwartet wird, und eine arme Familie ruinieren kann. Selbst die Mütter wollen möglichst nur Söhne.
Warum?
Als Frauen müssen sie alles im Haushalt erledigen und die einzige Chance auf Entlastung ist eine Schwiegertochter, die ihr dann zu Diensten sein muss. Wenn eine Familie nur Töchter hat, dann „wässert sie die Felder der anderen“, wie man in Indien sagt.
In Indien wurden Sie zur Vegetarierin.
Ja, das war 1990. Wenn Sie sehen, unter welchen hygienischen Bedingungen in Indien Fleisch angeboten wird, dann wollen Sie einfach keines essen: Ungekühlt, von Straßenstaub und Fliegen bedeckt – nee, lieber nicht.
Sie sind dann aber dabei geblieben.
Ja, das hatte ökonomische, soziale und gesundheitliche Gründe. Ich will nicht mehr unterstützen, dass Tiere den Menschen die Nahrung wegessen. Ich will nicht mehr unterstützen, dass man mir ungefragt Jod, Antibiotika und Gensoja unterjubelt, nämlich im Tierfutter.
Und die Tierethik?
Ich war mal Hochseefischen und hab da so einen größeren Fisch gefangen. Wie die den behandelt haben, noch nicht mal getötet, sondern lebend in eine Box geworfen. Da schüttelt’s mich heute noch.
Allerdings: Manchmal esse ich doch Fisch. Allerdings darf das mein jüngerer Sohn Tizian nicht mitbekommen. Wenn ich in seiner Gegenwart Fisch esse, dann sagt er: Wenn du so einen Fisch totmachst, dann bist du nicht mehr meine Mama!
Ist das der Sohn, der jetzt das Bio-Schulfrühstück bekommt, die Biobrot-Box?
Ja, da war er ganz stolz, dass ich das offiziell unterstützt und stundenlang Boxen gepackt habe, damit Schulkinder ein Bio-Pausenbrot bekommen. Als Vegetarier kommt man zwangsläufig irgendwann zu Bio, bei mir war das schon vor achtzehn oder neunzehn Jahren, als man dafür noch verlacht wurde.
Mich hat gesunde Ernährung interessiert und der Geschmack überzeugt und der schonende Umgang mit der Natur war mir wichtig. Als ich gefragt wurde, ob ich Patin für die Bio-Brotbox-Aktion sein will, habe ich gerne „ja“ gesagt.
Wie hat sich Bio in Ihren Augen im Laufe der Jahre verändert?
Zum Guten und zum Schlechten. Gut ist, dass man nicht mehr als Müslifresser angesehen wird und die Produkte ansehnlicher geworden sind. Gut finde ich, dass es Bio-Supermärkte gibt, die eine große Auswahl bieten.
Weniger gut finde ich, dass es Produkte wie Äpfel nicht mehr nur aus Deutschland gibt, sondern auch aus Australien. Bei einer Mango verstehe ich das, die gibt es hier nun mal nicht. Aber Äpfel?
Was ist derzeit ihr liebstes Filmprojekt?
Vielleicht die Hebamme Antonia in „Liebe, Babies ...“ im ZDF. Das ist eine mutige, unkonventionelle Frau, die für ihre werdenden Mütter auch unorthodoxe Wege geht und zum Beispiel Homöopathie mit Schulmedizin kombiniert.
Der Hebammenberuf hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr gewandelt ...
Ja, allerdings. In den 1960ern wurden die Hebammen von den Herren in Weiß völlig entmachtet und Geburten wie Operationen durchgezogen.
Heute ist die Hebamme bei einer Geburt wieder die Chefin und der Arzt wirklich nur für den Notfall zuständig. So sollte es auch sein und so spiele ich das auch gerne.
Buchtipp
Marion Kracht empfiehlt das Buch
Stumme Stimmen
des Neurologen Oliver Sacks. Rowohlt-Verlag, 2008, 252 Seiten, 8,95 Euro
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