Begegnen - Interview
Bio hat eine große Zukunft
Global denken und lokal handeln, das vereint „Lebensbaum“-Chef Ulrich Walter in seiner Person perfekt - nicht nur als Unternehmer, sondern auch mit seinem ehrenamtlichen Engagement in seiner Heimatgemeinde und beim WWF. // Martin Fütterer, Fotos: Thomas Langreder

Bioläden brauchen Lieferanten, die ihre Anliegen teilen. Das hat Ulrich Walter mit seinem Laden erfahren - und deshalb das Bio-Herstellungs- unternehmen Lebensbaum gegründet.
Herr Walter, Sie wurden ins Kuratorium des WWF Deutschland berufen und haben angenommen ...
Eigentlich bin ich dabei, die Zahl meiner Ehrenämter zu reduzieren, und da habe ich mich tatsächlich gefragt, ob ich nicht absagen soll. Aber die Berufung ist eine große Ehre und die Arbeit des WWF ist sehr wichtig, so habe ich zugesagt.
Das Ehrenamt beim WWF ist für mich das passende Gegenstück zu meinem Engagement in der Bürgerstiftung Agenda 21 in Diepholz, wo es um regionale Themen geht, und zur Zusammenarbeit mit dem Bundesdeutschen Arbeitskreis für umweltbewusstes Management (BAUM e.V.), wo es unter anderem um die Umsetzung von Umweltschutzmaßnahmen in Unternehmen geht.
Welche Aufgaben übernehmen Sie künftig in dem Kuratorium?
Das Kuratorium hat beim WWF keine Entscheidungsbefugnisse. Es besteht aus fast 200 Personen des öffentlichen Lebens und diese haben hauptsächlich die Funktion von Multiplikatoren, auch wenn sie sicherlich gelegentlich angehört werden. Ich darf mich wohl als eine Art Botschafter des WWF betrachten. Ich komme viel in der Welt herum. In diesem Zusammenhang werde ich zukünftig sicherlich hier und da auf WWF-Projekte treffen.
Der WWF ist eine globale Organisation, Sie engagieren sich seit Jahrzehnten auch in der Kommunalpolitik. Worauf kommt es dabei an?
Als ich in den 1970ern damit begann, mich an meinem Wohnort in die Politik einzumischen, war ich ein Heißsporn. Meine Heimatgemeinde Rehden ist ein Dorf, durch bäuerliche Landwirtschaft geprägt, und das bedeutet eben auch traditionell und konservativ.
Da hat mir vieles gestunken und das wollte ich ändern. Heute weiß ich, dass sich Dinge nicht so leicht ändern lassen, dass Konfrontation vielleicht Aufmerksamkeit schafft, aber auch Widerstand hervorruft, und dass man mit Allianzen mehr erreicht.
Welche Chancen liegen Ihrer Meinung nach in der Kommunalpolitik?
Wenn lokal kein Einfluss genommen wird, wird umgesetzt, was auf höherer Ebene entschieden wird: Im Kreis-, Land-, Bundestag, Europa. Das ist dann aber der individuellen Situation vor Ort immer weniger angemessen. Die Erfahrung, dass vor Ort nicht passt, was von oben vorgegeben wird, dass es pauschal, bürokratisch und von Parteiinteressen bestimmt ist, das fördert meiner Ansicht nach massiv die Politikverdrossenheit.
Inwiefern wird in Gemeinden über Umweltschutz entschieden?
Mehr als man denkt. Als Gemeinderat arbeitet man ja in verschiedenen regionalen Gremien, etwa im Wasserverband, beim Energieversorger. In Rehden und den umliegenden Gemeinden haben wir weder Wasserwerk noch Energieversorgung an Konzerne verkauft und können deswegen Einfluss auf Qualität, Investitionen und Umweltauflagen nehmen.

Ulrich Walter ...
... führt seit dreißig Jahren eines der erfolgreichsten Biounternehmen, die Ulrich Walter GmbH mit fast 100 Mitarbeitern und der bekannten Marke „Lebensbaum“ für Biotee, Kaffee, Kräuter und Gewürze. Er ist gelernter Kaufmann und Sozialpädagoge. Neben seiner Unternehmertätigkeit pflegt er viele Ehrenämter, unter anderem ist er im Vorstand des Bundesverbandes Naturkost/Naturwaren Herstellung und Handel e. V., seit 28 Jahren im Gemeinderat und seit 2009 auch im deutschen Kuratorium des WWF.
Welchen Einfluss haben Sie auf die Landwirtschaft?
In den 70er-Jahren haben wir bereits die Flurbereinigung mit Umweltauflagen kombiniert. Heute ist das Standard, damals war es revolutionär. Für die Flächen im Gemeindeeigentum können wir auch den Gebrauch von Pestiziden reglementieren oder verbieten.
Ist die Gemeinde Rehden gentechnikfrei?
Auch das kann man kommunal entscheiden. Bei uns ist das allerdings kein Thema, denn in der traditionellen bäuerlichen Landwirtschaft, die in Rehden vorherrscht, denkt keiner daran, gentechnisch veränderte Pflanzen anzubauen.
Herr Walter, Sie sind ein Pionier der Bio-branche, mit welchen Vorstellungen sind Sie vor über dreißig Jahren angetreten?
einem Herstellungsunternehmen, sondern mit einem Bioladen. So ganz am Anfang hatte ich nicht unbedingt ein klares Bild. Von der kaufmännischen Erfahrung her war ich allerdings kein Anfänger, ich hatte meinen Beruf als Reedereikaufmann gelernt.
Ich habe dann meinem Berufsleben eine neue Richtung gegeben und als Sozialpädagoge gearbeitet. Nebenher habe ich den Bioladen geführt. Natürlich waren Naturschutz und gesunde Ernährung dabei wichtige Motive. Als Inhaber eines Biofachgeschäftes wurde mir dann recht schnell klar, dass so ein Laden auch Lieferanten braucht, die ihm verpflichtet sind. Das hat dann zur Gründung meines Herstellungsunternehmens für Tee, Kaffee und Gewürze geführt.
Warum brauchen Biofachgeschäfte spezielle Lieferanten?
Wir wollten damals ein Gegenmodell zur konventionellen Lebensmittelbranche sein und da passte es nicht, von konventionellen Lieferanten abhängig zu sein. Unsere Ideen und Visionen ließen sich mit denen nicht umsetzen. Nicht zuletzt waren das auch politisch angehauchte Ideen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Die einfache Idee, möglichst alle Lebensmittel in Bio anbieten zu können. Konventionelle Hersteller haben damals dafür einfach keinerlei Interesse gehabt. Wenn man Biotee oder -gewürze haben wollte, musste man die eben selbst herstellen - mit allem, was dazu gehört: Bauern, die das Gewünschte in Bio anbauen, eine hochwertige Verarbeitung ohne Chemietricks, umweltfreundliche Verpackungen und so weiter. Und natürlich sollten die Produkte fair, transparent und nachhaltig sein.
Welchen Handlungsbedarf sehen Sie heute noch bei Bio und Fair?
Bio und Fair sollten nichts Besonderes mehr sein, sondern normal. Bei Bio ist das schon ein Stück weit der Fall, bei Fair hat es noch so etwas Exklusives und Karitatives und das missfällt mir.
Uns allen sollte klar sein, dass man mit extrem günstigen Preisen nicht immer für alle Beteiligten alle Kriterien einhalten kann. Es spricht meiner Meinung nach nichts dagegen, dass jemand mal Überschüsse günstig auf den Markt wirft und dabei einen Zusatzertrag hat. Aber es spricht viel dagegen, dass jemand in der Not und dauerhaft billiger verkaufen muss, als er es sich leisten kann.
Wo sehen Sie Bio in der Zukunft?
Bio steht für mich im Einklang mit mittel- und langfristig notwendigen Bewusstseinsänderungen: Dass wir begrenzte Ressourcen haben und dass wir Wirtschaftserträge gerecht teilen müssen. Insofern hat Bio für mich eine große Zukunft - zwangsläufig.
Buchtipp
Ulrich Walter empfiehlt das Buch
Unfried, Peter:
Öko - Al Gore, der neue Kühlschrank
und ich. Dumont-Verlag, 2008, 240 Seiten, 14,90 Euro
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