Schrot&Korn Titel 12/2009 

Perspektiven - Alternatives Wohnen

Mehr als 4 Wände

Einsam im Eigenheim? Anonymer Haushalt im Hochhaus? Immer öfter wollen Menschen mehr als ein Dach über dem Kopf. Sie leben in Gemeinschaft. Zum Beispiel im „Wohnsinn“, Darmstadt, beim Altöttinger Mieterkonvent oder auf Hof Klostersee in Lübeck. Wir haben vorbeigeschaut. // Leo Frühschütz

Wohnsinn, Foto: Margret W.-Simon

Mehr Lebensräume: Zu „Wohnsinn“ gehören auch ein Café, eine Sauna, eine Werkstatt, ein Jugendraum, eine Dachterrasse, zwei Gästezimmer und ein Gästeapartment. (Foto: Margret W.-Simon)

Ein Druck auf den Knopf „Alternative Wohnprojekte“, und schon sind die Bilder da: Kommune, freie Liebe, ums Lagerfeuer tanzende Hippie-Mädchen, Regenbogen auf bröckelndem Putz. Dazu die verklärten Erinnerungen an die eigene Studenten-WG: Immer laut, lustig, lebendig und ein Tisch voll mit leeren Rotweinflaschen.

Darmstadt-Kranichstein, Ortstermin mit der Wirklichkeit: Von der Haltestelle der Straßenbahn aus fällt der Blick auf einen dreigeschossigen u-förmigen Wohnblock. Die beiden Ecken sind knallig rot und grün bemalt, die weißen Fassaden mit gelben, blauen und roten Rechtecken optisch unterbrochen. Sieht gut aus. Moderne Stadtarchitektur. Aber „alternativ“? Die übliche Ansammlung von Briefkästen und Klingelknöpfen am Eingang. Ich drücke auf „Ulrike Moser / Georg Brormann“. Ulrike arbeitet im bio verlag, der Schrot&Korn herausgibt. Von Anfang an, seit 2003, wohnt Ulrike hier, mit ihrem Partner und den beiden Kindern Franziska und Filippa. Sie führt mich durch die Anlage, die alles andere ist als ein normaler Wohnblock.

Exemplarisch zeigt das der „Mufu“. So nennen die Bewohner ihren Multifunktionsraum, ein kleines Café mit einer Küche und einem abtrennbaren Gruppenraum, in dem rund 80 Leute Platz haben. Die Fenster ziehen sich an zwei Seiten über zwei Geschosse, davor wuchern Palmen und andere Riesenzimmerpflanzen. „Am Dienstag und Donnerstag ist hier von 16 Uhr 30 bis 18 Uhr Café-Betrieb. Freitag Mittag gibt es Essen für alle, die kommen wollen, und einmal im Monat treffen wir uns zum Sonntagsfrühstück“, erklärt Ulrike. Sie übt hier jede Woche mit ihrem Blockflötenquartett. Man kann den Raum auch für Besprechungen nutzen oder für Feiern. Er gehört allen.

Von dieser Art Gemeinschaftsraum gibt es hier eine Menge: ein Kinderzimmer, einen Jugendraum, eine Werkstatt, eine Sauna, eine Dachterrasse, zwei Gäs-tezimmer und ein Gästeapartment. Dazu kommt das eher Übliche, ein Fahrradkeller und eine Waschküche. Um all diese Räume kümmern sich die Hausbewohner in Eigenregie, in Form von Arbeitsgruppen. „Die bestehen aus einem harten Kern von Menschen, die sich für den zu betreuenden Raum oder die zu erledigenden Aufgaben besonders interessieren. Dazu kommen dann immer noch einige, die bei Bedarf mithelfen.“

Kein Hausmeister, kein Verwalter. Das spart.

Den Garten im Innenhof haben sie gemeinsam angelegt, ihn betreut jetzt die AG Außengestaltung. Hausmeister und -verwalter gibt es nicht. Deren Aufgaben haben die AGs Hauserhaltung und Hausverwaltung übernommen. Das spart Nebenkosten und es schafft viele Berührungspunkte zwischen den insgesamt 39 Parteien der Hausgemeinschaft. Alle wichtigen Angelegenheiten werden einmal im Monat in der Hausversammlung, dem Plenum, beredet und beschlossen. Die laufenden Geschäfte führt ein Bewohnerrat mit fünf Mitgliedern, die das Plenum alle zwei Jahre wählt.

„Es läuft erstaunlich gut“, freut sich Bernd Müller über diese funktionierende Selbstverwaltung. Er ist einer der geis-tigen Väter des Wohnprojekts, dessen Anfänge in den 90er-Jahren liegen. Nach einer kirchlichen Veranstaltung zum Thema „Anders Wohnen“ taten sich einige Interessierte zusammen. Es dauerte Jahre, bis man sich auf gemeinsame Ziele verständigt hatte, und noch länger, bis ein Bauplatz gefunden war.

1998 schließlich gründeten sie die Genossenschaft Wohnsinn. „Wir waren eher gesetzte Leute, die an ihre Zukunft gedacht haben; die ein Umfeld schaffen wollten, in dem man auch alt werden möchte“, erinnert sich Bernd Müller. Alt und Jung unter einem Dach, sozial gemischt und groß genug, „dass einzelne Reibereien nicht den ganzen Laden beeinträchtigen, also keine Kleingruppendynamik“. Ehrenamtlich haben sie Planung, Finanzierung und Bau gestemmt, nach Mitbewohnern gesucht und sind schließlich 2003 eingezogen. „Wir hatten das Glück, dass da eine Crew war von fünf, sechs Leuten, die ein gewisses organisatorisches Talent hatte und keine Angst vor Finanzen.“

Das Ganze energetisch durchdacht

Hauptberuflich ist Bernd Müller Energieberater. Deshalb ist Wohnsinn auch ein ökologisches Projekt. Die ganze Anlage ist ein Passivhaus, ist also so gedämmt und energetisch durchdacht gebaut, dass sie fast ohne Heizung auskommt. Eine kontrollierte Lüftung mit Wärmetauschern sorgt für wohltemperierte Räume. Das warme Wasser liefern die Stadtwerke per Fernwärme. Das Regenwasser läuft in eine Zisterne und wird im Garten verwendet. In der AG Car-sharing teilen sich 15 Familien drei Autos. Ulrike und Georg sind eine davon.

Die beiden waren 2001 zu Wohnsinn gestoßen. Die Genossenschaft stand kurz vor dem Baubeginn und suchte Interessenten für die Wohnungen. Ulrike und Georg suchten einen Platz für ihr Leben als zukünftige Familie. „Wir wollten beide in einer großen Gemeinschaft leben, mit vielen gemeinsamen Aktivitäten, aber auch mit Rückzugsmöglichkeiten“, beschreibt Georg ihre damaligen Wünsche. Er hatte die meiste Zeit seines Studiums mit 10 bis 15 Kommilitonen zusammengelebt. Ulrike schwärmt heute noch von ihrer Studenten-WG. Eine kurze Zeit zusammen in einer herkömmlichen Mietwohnung stärkte noch ihren Wunsch nach einer Gemeinschaft.

Die ist bei Wohnsinn entstanden. Etwa je ein Drittel der Bewohner sind über 55-Jährige, 25- bis 55-Jährige und Kinder. Die Anlage ist barrierefrei gebaut und verfügt über sechs Rolli-gerechte Wohnungen. Zu den Bewohnern gehören Paare mit und ohne Kinder, Alleinstehende und Alleinerziehende, Menschen verschiedener Nationalitäten mit mehr oder weniger Geld in der Tasche. 13 der 39 Wohnungen sind Sozialwohnungen.

Die anderen haben ihre Wohnungen gekauft, in Form eines Dauerwohnrechts. Das kann vererbt oder weitergegeben werden, doch juristisch gesehen bleibt die Genossenschaft Eigentümerin und der neue Besitzer muss Mitglied der Genossenschaft werden. „Damit wollen wir verhindern, dass im Laufe der Jahrzehnte die Gemeinschaft in lauter eigenständige Eigentumswohnungen zerfällt“, erläutert Bernd Müller.

Ortswechsel: nach Freiburg. Hier weiß Jochen Schmidt, wie man Immobilien dauerhaft in gemeinnütziges Eigentum überführt und günstig vermietet. Schmidt ist einer der ehrenamtlichen Geschäftsführer des „Mietshäuser Syndikats“. Das Syndikat entstand Anfang der 90er-Jahre aus einer Initiative heraus, die zehn Jahre lang – erfolgreich – gegen die Versilberung eines alten Gießereigeländes gekämpft hatte. Es besteht aus einem Verein sowie einer GmbH als wirtschaftlichem Arm. Das Syndikat berät Projektinitiativen bundesweit, unterstützt sie in der politischen Auseinandersetzung und hat ein Finanzierungsmodell für den Hauskauf erarbeitet. „Wir gründen eine Hausbesitz-GmbH, an der sich das Syndikat und der jeweilige Hausverein beteiligen. Die Satzung ist so geregelt, dass beide bei Hausverkauf, Satzungsänderungen und Ergebnisverwendung ein Vetorecht haben“, erklärt Jochen Schmidt. Alle anderen Entscheidungen, etwa wer einzieht oder wie hoch die Miete ist, entscheidet der Hausverein.

Bei der Finanzierung des Kaufs setzt das Syndikat auf Direktkredite durch Unterstützer des jeweiligen Projekts. Nur die dann noch bestehende Lücke soll durch Bankkredite gefüllt werden. „Lieber 1 000 Freundinnen im Rücken als eine Bank im Nacken“, lautet das Motto. Und es funktioniert. Das rein ehrenamtlich arbeitende Syndikat ist derzeit an 49 Immobilien beteiligt, in denen rund 1 200 Menschen selbstbestimmt leben. Ein weiteres Dutzend Projekte arbeitet auf den Hauskauf hin, „und es kommen immer mehr Anfragen rein“, sagt Jochen Schmidt (für Kontakt: siehe Adressteil, letzte Seite dieses Artikels).

Zu den Beteiligungen gehören viele einstmals besetzte Häuser von Berlin bis Tübingen, aber auch renovierte Gutshöfe, und denkmalgeschützte Stadthäuser. Gemeinsam ist allen Projekten, dass die jeweiligen Hausvereine demokratisch strukturiert sein müssen. Jeder Beteilig-te, sprich Mieter, muss mitstimmen können, darauf legt das Syndikat Wert. Zwei bis drei Mal im Jahr treffen sich Syndikalisten und Vertreter der Projekte. „Weil die Projekte so unterschiedlich sind, ist die Mischung der Leute unglaublich vielfältig. Da ist vom Punk bis zum Steuerberater mit Krawatte alles dabei“, schwärmt Jochen Schmidt.

Das jüngste Projekt: Altöttinger Mieterkonvent

Die Mitglieder dieses Vereins in dem stockkatholischen oberbayerischen Wallfahrtsort haben im August 2009 zwei alte Häuser mit zwölf ehemaligen Werkswohnungen gekauft, in denen sie schon bisher zur Miete lebten. Nun wollen sie die Gebäude renovieren und im Keller und im Speicher Gemeinschaftsräume einrichten: ein kleines Kino, eine Bar und einen Bandproberaum. Die Gartenparzellen sollen einem großen Gemeinschaftsgarten Platz machen, mit Grillstelle und Schwimmteich. Wie alle Projektteilnehmer zahlen auch die Altöttinger einen Solidarbeitrag an das Syndikat. 10 Cent je Quadratmeter sind es direkt nach dem Hauskauf, 25 Cent bei Projekten, die finanziell schon auf der sicheren Seite stehen. Mit diesem Geld finanzieren die Syndikalisten neue Beteiligungen – um noch mehr Wohnraum vor Spekulanten zu retten.

Altöttinger Mieterkonvent, Foto: Ron Ronsen

Ortswechsel: nach Lübeck

Auch Gerlinde Ariberti findet es nicht richtig, „dass die Zukunft von Grund und Boden von der Entscheidung Einzelner abhängt“. Deshalb haben sie und ihr Mann den geerbten Hof Klostersee 1997 einem gemeinnützigen Verein übertragen. Sie bewirtschaften den Demeter-Betrieb nahe Lübeck nun als Pächter, allerdings nicht alleine. Vier Familien sowie Praktikanten und Azubis kümmern sich um 60 Milchkühe plus Nachzucht, 140 Hektar Land, Käserei, Backstube und Hofladen sowie mehrere Ferienwohnungen. Jeder hat seinen festen Aufgabenbereich und seine eigenen vier Wände: „Eine gewisse Privatsphäre ist unabdingbar“, hat Gerlinde Ariberti festgestellt.

Derartige Hofgemeinschaften trifft man auf Demeter-Betrieben öfter an. Ebenso das Modell, die Zukunft des Hofes zu sichern, indem man auf das bäuerliche Eigentum verzichtet. Meist stellen sich diese Eigentümer-Vereine auch die Aufgabe, den Hof stärker in die Gesellschaft einzubinden. Sie laden Schulklassen ein, organisieren Veranstaltungen und Feste. Einige Demeter-Hofgemeinschaften leben mit behinderten Menschen zusammen und integrieren sie in die tägliche Arbeit.

Auch an ältere Menschen ist gedacht. Auf Hof Klostersee haben sie vor einigen Jahren die alte Scheune ausgebaut und sieben Mietwohnungen entsprechend eingerichtet. Die älteren Mitbewohner können sich, wenn sie wollen, in den Hofalltag einbringen. „Sie machen Hofführungen, pflegen Kräuterreihen und Blumenbeet, versorgen die Ziegen, dokumentieren das Hofleben“, listet Gerlinde Ariberti die Aktivitäten auf. „Da entsteht für alle mehr Lebensqualität.“

Noch sind die derzeit neun Senioren auf dem Hof rüstig. „Wir können hier keine Pflege leisten, werden uns aber bemühen, im Einzelfall Lösungen zu finden.“ Bisher habe sich mit ambulantem Pflegedienst und der Hilfe der Senioren untereinander alles abdecken lassen. Doch zum Jahresende wird eine Bewohnerin den Hof verlassen. Sie hat sich letztlich für ein Heim entschieden.

Hof Klostersee, Foto: Rainer Aichele

Mehr Lebensqualität durch Senioren: Auf Hof Klostersee bringen sich ältere Mitbewohner etwa durch Hofführungen und Gartenarbeiten ein.

 

Ortswechsel: zurück nach Darmstadt

Womöglich wird auch Christa Olbrich einmal den Wohnsinn verlassen müssen. Auch das Darmstädter Wohnprojekt ist auf Pflegefälle derzeit nicht eingerichtet. Doch noch genießt die mit 72 Jahren älteste Bewohnerin den von ihr selbst mitgeschaffenen Lebensraum. „Ich fühle mich hier aufgehoben, es ist immer jemand da, der einem helfen kann.“

Man müsse sich die Beziehungen aber erarbeiten, fügt sie hinzu. „Wer sich abkapselt, kann auch hier vereinsamen.“ Ihre Kinder wohnen weit weg und so ist für sie die Gemeinschaft ein bisschen Familienersatz. „Als ich vor zwei Jahren krank war und ins Krankenhaus musste, habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich wirklich zu Wohnsinn dazugehöre.“ Im letzten Jahr haben die „Wohnsinnler“ eine Nachbarin, die sich nicht mehr selbst versorgen konnte, ein halbes Jahr vor dem Pflegeheim bewahrt. Dann waren die Kräfte der Engagierten erschöpft. Seither arbeitet eine AG „Alt werden“ an Konzepten für zukünftige Fälle.

Wie lebt es sich nun so in der Darmstädter Wohnanlage? Christa sitzt mit einigen anderen „Wohnsinnlern“ im Innenhof-Garten am Grillplatz; sie erzählen: von den Alltagsproblemen, die es auch hier gibt. Vom leisen Ärger über die wenigen Mitbewohner, die sich bei Gemeinschaftsaufgaben rar machen. Von Entscheidungen, die sich auch mal endlos hinziehen können. Doch das sei nichts im Vergleich zu den Vorteilen, sagen sie alle. „Man kann hier unheimlich viel machen, es ist ein großes Lernfeld. Jeder, der sich engagiert hat, ist mit den Aufgaben gewachsen“, sagt Willi. Und Birgit ergänzt: „Aber man muss sich einbringen, die Freiräume aktiv nutzen. Das hier ist kein Kuschelprojekt.“

2007 und 2008 hat die Genossenschaft an das bestehende Gebäude angebaut. So ist „Wohnsinn Zwei“ mit 34 Wohneinheiten entstanden. Diese neue Hausgemeinschaft verwaltet sich ebenfalls selbst, komplett unabhängig von „Wohnsinn Eins“. Neben Wohnsinn baut ein befreundeter Verein in Kooperation mit der städtischen Wohnungsgesellschaft sein Projekt „WohnArt 3“. Im Flyer dazu heißt es: „Wir wollen individuell in einer Nachbarschaft leben, wo gegenseitige Hilfe und Unterstützung zur Selbstverständlichkeit werden.

Leo Frühschütz,

Leo Frühschütz der Autor dieser Reportage, war erstaunt über das große Engagement von Projektgründern und Syndikalisten.

 

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