Schrot&Korn Titel 01/2010 

Begegnen - Interview

Protest mit Alternative

Er war Hausbesetzer, Herausgeber einer linksradikalen Zeitschrift, Mitgründer der Taz, Greenpeace-Kampagnenleiter, EU-Abgeordneter. Heute schützt Benedikt Haerlin mit „Save Our Seeds“ Saatgut gegen gentechnische Verunreinigung.

Benedikt Haerlin

Sie waren bis 1982 Herausgeber der linksradikalen Zeitschrift „Radikal“, heute kämpfen Sie für die Reinheit von Saatgut. Wo ist da der rote Faden?

Eine einfache Antwort wäre: Beides hat mit Radix, der Wurzel, zu tun.

Und eine weniger einfache Antwort?

Es begann im „deutschen Herbst“ 1977. Damals veranstalteten wir den „Tunix-Kongress“ in Berlin und gründeten das „Netzwerk Selbsthilfe“. Wir wollten nicht nur gegen den bösen Staat anrennen, sondern eine alternative Ökonomie aufbauen. Ich hatte einen kleinen Fotosatzbetrieb in Kreuzberg, der für Stadtteilzeitungen arbeitete. Die „Radikal“ war eine Plattform, auf der sich die organisatorischen Reste der 68er-Bewegung, selbstverwaltete Betriebe, Stadtteilgruppen und Bürgerinitiativen artikulieren und, wie wir hofften, zusammenfinden konnten. Die waren sich ja nicht alle grün. Auch heute, beim Thema Agrargentechnik, will ich nicht nur protestieren, sondern an Alternativen arbeiten. Die Initiative „Save Our Seeds“ verbringt zwar auch viel Zeit mit „Nein“-Sagen zu Gesetzesvorhaben und Unternehmensabsichten, aber unsere Zukunftsstiftung fördert hauptsächlich die Entwicklung von neuem Saatgut speziell für den Bio- Anbau.

Was sagt eigentlich ein ehemaliger Hausbesetzer zur Frage des geistigen Eigentums an Pflanzengenen?

Besser instandbesetzen als kaputtbesitzen. Die Immobilienspekulanten kauften damals ganze Straßenzüge und ließen die Gebäude verfallen, während der Wohnraum knapp war. Der Kiez ging kaputt dabei. Schließlich bekamen die Spekulanten eine Abrissgenehmigung, bauten hässliche Neubauten und machten den Wohnraum teurer. Wir fanden, Besitz bedeutet auch Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit. Damit gewannen wir viele Sympathien auch im bürgerlichen Lager.

Benedikt Haerlin Benedikt Haerlin ...
... ist Initiator von Save Our Seeds. Über 200 000 Privatpersonen und 300 Organisationen in Europa mit insgesamt gut 25 Millionen Mitgliedern unterstützen bereits deren Petition für die Freiheit des Saatguts von jeglicher Gentechnik. Die Initiative wird von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft koordiniert. Sie fördert die Züchtung von biologischem Saatgut und Innovationen im ökologischen Landbau. www.saveourseeds.org

Benutzen die Saatgutkonzerne Patente zum „Kaputtbesitzen“?

Viele Patente sind nicht dazu da, Erkenntnisse oder Erfindungen zu nutzen, sondern ihre Nutzung durch andere auszuschließen. Patente auf Pflanzen führen dazu, dass Bauern ihr eigenes Saatgut nicht mehr nutzen können oder dafür Lizenzgebühren bezahlen müssen. Dabei geht es auch um die Verdrängung der Vielfalt traditioneller Sorten zugunsten einiger weniger, mit denen man mehr Geld verdienen kann. Die Patentierung von Leben ist eine unglaubliche Anmaßung.

Weil es oft gar keine Erfindungen sind?

Es sind bestenfalls Entdeckungen, aber oft einfach nur Neubeschreibungen. Ein vorhandenes Gen wird in der Sprache der Molekularbiologie beschrieben und damit zum geistigen Eigentum erklärt. Das entspricht dem Vorgehen der Konquistadoren, die in der – nur für sie – „neuen Welt“ ihre Fahne aufpflanzten, dem Land einen neuen Namen gaben und es so für ihre katholischen Majes­täten in Besitz nahmen. Das finde ich verwerflich, gierig und bösartig.

Wie kann man sich dagegen wehren?

Es herrscht hier große Rechtsunsicherheit. Patentrechtsstreitigkeiten dauern ohne Weiteres zehn Jahre und kosten ein Vermögen. Allein die Drohung damit ist äußerst wirkungsvoll. In Musterprozessen, die Greenpeace und andere Umweltorganisationen angestrengt haben, haben die Patentierer meist verloren. Aber Bauern und Züchter können sich solche Prozesse nicht leisten. Es gilt das Recht des Stärkeren und die Herrschaft des teuersten Anwalts. Solange Bauern zusammenhalten und sich einig sind, niemals für Saatgut zu bezahlen, das auf ihrem Grund gewachsen ist, kommen die Konzerne dagegen schwer an. Mit Detektiven über die Felder schleichen und Farmer vor Gericht in den Ruin treiben, das kann sich selbst Monsanto bisher nur in den USA erlauben. Sie protestieren unter anderem gegen Grenzwerte bei der gentechnischen Verunreinigung von Saatgut. Warum ist das so wichtig?

Wenn gentechnische Verunreinigungen in Futter- und Lebensmitteln erst ab 0,9 Prozent deklariert werden müssen, kann ich sicher sein, dass die sich nicht weiter vermehren. Aber bei Saatgut führt solch ein Grenzwert dazu, dass sich Verunreinigung am Anfang der Kette ausbreitet. Bauern, die Gentechnik ablehnen, würden sie anbauen, ohne es zu wissen. Ist ihre Ernte gentechnisch verunreinigt, wird der Gentechnik anbauende Nachbar sagen: Beweis doch erst mal, dass das nicht dein eigenes Saatgut war. Und wer sein Saatgut nachbaut, statt jährlich Neues zu kaufen, muss dann in Kauf nehmen, wenn sich dabei die gentechnische Verunreinigung potenziert. Weil die Industrie ihre Gensaat nicht loswird, versucht sie es mit diesem Grenzwert durch die Hintertür.

Sie fördern auch gentechnikfreie Regionen …

Für die hat ein Verunreinigungs-Grenzwert höchste Bedeutung. Wenn erst mal ein bisschen Gentechnik auch im gentechnikfreien Saatgut drin sein darf, dann wird sie auch drin sein und dann gibt es faktisch bald keine gentechnikfreien Regionen mehr. Das ist schließlich auch der Zweck der Übung.

Für wie gefährlich halten Sie die Agrar-Gentechnik?

Die sichersten Schäden treten im sozialen und ökonomischen Bereich ein, weil Bauern abhängig gemacht und zudem gegeneinander aufgehetzt werden. Weil traditionelle Sorten verschwinden, Forschung und Entwicklung sich auf wenige „blockbuster“ konzentriert und zunehmend am Bildschirm statt auf dem Feld stattfindet, und das in immer weniger Unternehmen. Die ökologischen und gesundheitlichen Gefahren sind weniger gesichert, aber es gibt Hinweise, und wenn sie festgestellt werden, ist es vermutlich schon zu spät.

Wie kann man Sie bei Ihrer Arbeit unterstützen?

Man kann gentechnikfreie Regionen gründen. Man sollte Politikern immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass die Mehrheit der Bürger keine Gentechnik will. Und man kann natürlich auch bei Save Our Seeds mitmachen. Aktuelle Aktionen stehen auf unserer Homepage.

Martin Fütterer

Martin Fütterer traf Benedikt Haerlin in Berlin und war von dessen Konsequenz, mit der er sich engagiert, beeindruckt.

 

 

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