Schrot&Korn Titel 04/2010 

wohlfühlen

Wie bitte geht’s zum Gipfel?

Der aufrechte Gang kommt aus der Mode. Das wusste ich schon, bevor ich mich in einer Hamburger Kletterhalle unter die Vierfüßler mischte. Auf dem Weg nach ganz oben lernte ich vor allem eines – mich fallen zu lassen. // Felix Frei

Klettern "Er kam mir gleich etwas sonderbar vor. „Hauptsache Spaß“, hatte Tobias auf die Frage geantwortet, warum er einen Anfängerkurs im Klettern belegt hat. Das war nicht gerade die Einstellung, die mir Vertrauen einflößte. Und nun bestätigt sich meine Vorahnung aufs Dunkelste. Nur jetzt, merke ich, ist es zu spät. Ich hänge fünf Meter über dem Abgrund und traue mich kaum noch, runterzuschauen. Denn da unten sollte eigentlich Tobias, mein Kletterpartner, den Blick auf mich richten und mich zurück auf den Boden holen. Doch der betrachtet gerade seelenruhig seinen Sicherungsknoten.

Spaß und Elend „Hängendes Elend an Erde, hört mich jemand?“ Ein mulmiges Gefühl hat von meinem Magen Besitz ergriffen, ich spüre, wie meine Arme langsam zu zittern beginnen, verkralle mich in den Haltegriffen, finde nicht den Mut, weiter hochzusteigen, will nur noch eins: runter. „Halloooo!“, rufe ich entnervt, bis endlich unser Trainer, Peter Lelek, Notiz von mir nimmt. „Immer Kontakt nach oben halten“, schärft er meinem Partner ein und gibt ihm Anweisung, wie er das Seil so in der Sicherung hält, dass ich meinen Abstieg beginnen kann. „Jetzt das Seil loslassen!“, dringt Peters Kommando nach oben. Meint der mich? Loslassen ist sowieso nicht meine Stärke, schon nicht im übertragenen Sinne, aber hier zerfällt die Symbolik in handfeste Befürchtungen. Wieso sollte ich das Seil, an dem mein Leben hängt, loslassen, die Beine gegen die Wand strecken und in fast waagrechter Position mein Schicksal zwei Menschen überlassen, die ich erst seit einer Stunde kenne? Bevor ich weiter ins Wanken gerate, nimmt Peter im sanften Kommando den Faden wieder auf. „Langsam ... Schritt für Schritt ... ja ... so geht es.“

Mit Hüftgurt und Achterknoten

Peinliche Nummer, denke ich, als ich wieder Grund unter den Füßen spüre. Aber ich bin nicht allein. Überall Menschen, die in den Seilen hängen. Eine Frau schwebt mehrere Meter unter der Decke, schaukelt lässig im Gurt wie ein Orang-Utan im Tropenhaus, Kinder in voller Montur nuckeln an Saftschorlen, an jedem Streifen Steilwand kämpfen menschliche Vierfüßler mit der Vertikalen.

Ist es immer so voll hier? „Das heute ist ganz normal“, bestätigt Peter Lelek, mit 23 Jahren einer der jüngsten Klettertrainer im Deutschen Alpenverein, Sektion Hamburg. Er nimmt regelmäßig an Wettkämpfen teil, wenn er nicht blutigen Anfängern wie uns Unterricht erteilt. Der beginnt auch in dieser Sportart mit ein wenig Theorie. So lernen wir, wie wir Hüftgurt und Beinschlaufen richtig anlegen, als Verbindung zum Hüftgurt einen Achterknoten machen und die Sicherungsmechanik richtig bedienen. Unsere Einstiegs-Technik heißt „Toprope“: Das Seil ist am höchs-ten Punkt durch einen Karabinerhaken gezogen und wird unten vom Sicherungspartner festgehalten.

„Ihr werdet in den sechs Stunden nicht ordentlich klettern lernen“, dämpft unser durchtrainierter Vorturner schon mal vorab unsere Erwartungen, „aber ihr werdet so sicher klettern können, dass ich mich umdrehen kann.“ Zugegeben, auch bei diesem Satz ist mir nicht ganz wohl. Schon klar, ich muss an meinen Ängsten arbeiten, aber muss das ausgerechnet hier sein, zwischen Menschen, deren Namen ich nicht mal kenne? Während der ersten Aufstiegsübungen schlich die Angst immer wieder mit nach oben: Was wäre wenn? „Genau das üben wir jetzt“, ruft Peter Lelek in die Runde. „Sucht euch beim Aufstieg einen Griff, den ihr verfehlt, lasst euch fallen, und wenn ihr fallt, versucht nicht, es zu verhindern.“ Mit andern Worten: Habt keine Angst! Letztlich ist es eine Frage des Machens. Am Anfang steige ich zwei Meter hoch und prüfe, ob mein Sicherungspartner mich hält. Tut er. Dann geht es weiter nach oben und immer wieder spüre ich, wie befreiend das Fallenlassen wirkt – es verändert meine ganze Einstellung zum Klettern.

Im Kletterfieber

Keine zehn Minuten später steige ich wie ein junger Hüpfer den ersten Siebener hoch, kurz darauf wage ich mich an eine Wand mit Überhang. Es ist die helle Freude zu spüren, wie leicht und fließend die Bewegung nach oben sein kann, wie konzentriert ich einen Zug nach dem anderen vollziehe. Ist das der Kick, der so viele Menschen an die Steilwand lockt? Erstes Kletterfieber breitet sich aus, jeder will mal und noch mal. Dabei lassen wir die Wand-Topografie außer Acht, benutzen die Tritte und Griffe in allen Farben, so wie sie gerade kommen.

Für erfahrene Kletterer wäre das ein absolutes No-Go. „Schau dir mal die Wand genau an. Die aufgeschraubten Griffe haben unterschiedliche Farben, die für unterschiedliche Schwierigkeitsgrade stehen. Ziel ist es, beim Aufstieg einer Farbe zu folgen“, erklärt Peter, der später einmal sein Hobby mit seinem Beruf als Physiotherapeut verbinden möchte. „Das Schöne am Klettern ist ja, dass du immer eine neue Herausforderung findest, der du dich stellen kannst.“ Die größte Hürde, finde ich, habe ich in diesem Kurs schon jetzt überwunden: Die Angst vorm Fallen.

Klettern tut gut

Angst
Die Furcht vor einem Sturz klettert ständig mit. Durch die erschiedenen Schwierigkeitsgrade ermöglicht das Klettern allerdings eine fein dosierte Annäherung an die persönlichen Ängste und deren Überwindung.

Selbstwert
Wer die Wand bezwungen hat, ist stolz auf seine Leistung. Während des Kletterns stellt sich nicht selten ein Flow-Erlebnis ein – das völlige Auf­gehen in der Aktivität, die Verschmelzung von Bewusstsein und Handeln.

Soziales
Klettern ist reich an Beziehungsthemen. Beim Aufstieg geht es um Halten und Gehalten werden, um Vertrauen in den Partner, der einen sichert. Das Seil ist die Sicherungs-verbindung zwischen zwei Menschen.

Lust
Die Bewegungsabläufe beim Klettern sind evolutionär tief in uns verwurzelt. Das Klettern steigert die Körperwahrnehmung sowie die Lust an der Bewegung. Der Wechsel von Anspannung und Entspannung macht glücklich.

 

„Viele Patienten mögen Klettern lieber als Kraftübungen“

Alexis Zajetz ist Sportwissenschaftler und Psychologe. Der Vierzigjährige ist Mitbegründer des Instituts für Therapeutisches Klettern in Österreich.

Alexis Zajetz

Unsere Vorfahren erlernten vor rund sieben Millionen Jahren den aufrechten Gang – warum hangeln sich inzwischen immer mehr Zeitgenossen mit allen Vieren die Wände hoch – ruft bis heute der Affenfelsen?

Entwicklungsgeschichtlich gesehen ist es ja gar nicht so lange her, dass der Mensch die Zweibeinigkeit erlernte. Die Vierbeinigkeit ist evolutionär tief in uns verwurzelt, das sieht man schon an den Kleinkindern, die bereits Hindernisse hochkrabbeln, bevor sie laufen können.

Warum übt das Klettern auch auf Erwachsene eine so große Faszination aus?

Es ist wohl zuallererst die Freude an der Bewegung und die Lust, sich und seinen Körper zu spüren. Kaum eine Bewegungsart spricht so umfassend alle Muskelgruppen an wie das Klettern. Es stärkt Motorik, Koordination, Kreativität und das Selbstvertrauen.

Dabei muss man aus dem Stand heraus eine große Leistung vollbringen – ist das für jeden möglich?

Ohne Körperspannung geht es nicht. Je nach Griffart, Position und Zugrichtung muss der Schwerpunkt des Körpers in die richtige Lage gebracht werden, das geschieht mithilfe von Rumpf, Beinen und Armen. Man kann die Herausforderung in der Therapie allerdings über den Neigungswinkel der Wand so fein dosieren, dass jeder sein persönliches Erfolgserlebnis haben kann.

Klingt nach einem Universalmittel – wie setzen Sie das Klettern therapeutisch ein?

Das Spektrum ist sehr breit. Kletter-übungen sind hilfreich bei Beschwerden an der Wirbelsäule, an Schulter, Knie und Hüfte, bei Haltungsschäden und in verschiedenen postoperativen Stadien. Viele Patienten mögen das Klettern auf Anhieb lieber als Übungen im Kraftraum.

Welche Vor- und welche Nachteile hat der Indoor-Sport gegenüber dem Klettern in freier Natur?

Die Halle bietet optimale Bedingungen, weil die Wände sehr gut gewartet sind und die objektiven Gefahren wie etwa Griffbrüche eindeutig seltener sind. Zudem sind die Wände in der Natur wesentlich schwieriger. Andererseits kann das Naturerlebnis die mit dem Klettern verbundenen Glücksgefühle noch einmal steigern.

Wie schätzen Sie die therapeutische Zukunft des Kletterns ein?

So wie der Sport seit Jahren immer mehr Anhänger findet, so wird das Klettern auch in der Therapie eine zunehmende Akzeptanz erfahren. Schon jetzt findet man auch in Deutschland zunehmend Kliniken und Praxen mit Kletterwänden als Ergänzung zur klassischen Physiotherapie.

 

Bücher und Links

Indoor-Klettern:Indoor-Klettern:
Das offizielle Lehrbuch zum DAV-Kletterschein.
BLV Buchverlag, 2009,
126 Seiten, 16,95 Euro

 

 

 

Hallenklettern:
Flecken, Gabi; Heise-Flecken, DetlefFlecken, Gabi; Heise-Flecken, Detlef:
Klettern in der Halle.
Meyer & Meyer, 2008,
136 Seiten, 14,95 Euro

 

 

 

www.therapieklettern.com
Das österreichische Institut für Therapeutisches Klettern bietet Lehrgänge für Therapeuten aus unterschiedlichen Bereichen. Neu im Angebot: Kletterreisen.

http://therapieklettern-muenchen.de
Die gemeinnützige Salus.Climbs UG bietet therapeutisches Klettern in München mit Schwerpunkt psychische Erkrankungen. Die Webseite enthält zahlreiche Zusatzinformationen und eine Literaturliste.

www.alpenverein.de
Die Webseite des Deutschen Alpenvereins bietet breit gefächerte Informations- und Serviceseiten rund um den Breiten- und Spitzenbergsport.

www.dav-kletteranlagensuche.de
Übersichtlich gestaltete Webseite des Deutschen Alpenvereins, die DAV-Kletterhallen nach deutschen Bundesländern geordnet präsentiert. Spezielle Such­kriterien erleichtern die Auswahl für alle, die besondere Ansprüche stellen.

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