Kolumne
Knödel kaufen 3.0
Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt verbessern“, schreibt hier über gute grüne Vorsätze – und die, die wir uns noch nicht zu fassen getraut haben.
Vergangene Woche war ich mal so richtig modern einkaufen. Heutzutage muss man ja nicht mehr mit einem Fachbuch durch die Geschäfte gehen und bei jedem Produkt nachblättern, ob das ein sozial und ökologisch sinnvoller Kauf ist. In der Konsumwelt 3.0 halten wir einfach unsere Handys über die Barcodes und lesen – „pling!“ – auf dem Display alles, was wir wissen wollen. Ganz Zukunftsmensch, habe ich mir das iPhone meiner Frau geliehen (mein Handy ist eher von vorgestern...) und eine Applikation namens Barcoo geladen, die beim Scannen der Waren die Lebensmittelampel sowie eine Nachhaltigkeits-Bewertung aufs Display zaubert.
Im Supermarkt meines Misstrauens weckte ich mit meinen ersten Scan-Versuchen den Verdacht eines Packers, der gerade Dosen in die Regale stellte. „Ist was mit den Sachen?“, fragte er, und ich war kurz davor, ihm zu erzählen, dass man indische Erotik-Clips sehen könne, wenn man sein iPhone nur lang genug auf Uncle Ben’s Basmati-Reis hält. Doch genau in diesem Moment machte es zum ersten Mal „pling“. Die Packhilfe zuckte zusammen. „Keine Sorge“, beruhigte ich ihn. „Neues App.“ Er nickte fachmännisch und schlenderte zum Kühlfach.
Auf dem iPhone-Display las ich, dass Mars Inc. – die Firma hinter Uncle Ben’s – von Peta beschuldigt wird, tödliche Experimente mit Mäusen durchzuführen, bei denen der „Effekt von Schokolade auf die Blutgefäße“ getestet werde. Während ich darüber nachdachte, ob das nicht genau die Todesart ist, die ich mir für mich wünschen würde – aber die armen Tiere natürlich von Herzen bedauerte –, fiel mir ein Karton Pfanni-Fertigknödel auf den Fuß. Noch mal scannen, noch mal „pling“. Pfanni kommt von Unilever, erfuhr ich, und konnte auf meinem iPhone zwischen Umwelt-Rankings sowie News zur ökosozialen Verantwortung des Unternehmens hin und hersurfen. Ich scannte mich noch durch die Saftauswahl und die Joghurts – „pling! pling!“ –, las von Lebensmittelskandalen – und vergaß allmählich, was ich eigentlich kaufen wollte.
Barcode lesen per iPhone
Eine Drogerie später tat mir der Arm weh. Die Haltungen, die ich beim Scannen einnahm, damit das iPhone den Barcode lesen konnte, sahen wahrscheinlich eher nach Yoga aus als nach Konsumwelt 3.0. Und doch fühlte ich mich, als hielte ich ein Stück Zukunft in der Hand. Die längst nicht perfekte Barcoo-App verweist auf eine Welt, in der uns die Produkte mit ihrer kompletten Herstellungsgeschichte, ihren ökologischen und sozialen Konsequenzen offen stehen. Das mobile Internet ermöglicht eine Art zweiter Wirklichkeit, die eine Informationsfolie auf die uns umgebende Welt legt, dank der wir endlich erfahren, was schlechte Verbraucher-informationsgesetze bislang noch verschleiern. Das gläserne Produkt mag für viele Lebensmittelhersteller eine Schreckensvision sein. Aber es wird eher da sein, als sie glauben. Pling.
Anmerkungen und Kommentare zum Artikel
| Leserbrief schreiben | Seite empfehlen | |


