Begegnen - Hintergrund
Durch den Label-Dschungel
Wenn auf der Creme „natürlich“ steht, ist nicht unbedingt Naturkosmetik drin. Sicherheit geben nur kontrollierte Naturkosmetik-Siegel. Doch warum gibt es gleich mehrere? // Leo Frühschütz
- Speik
„Es ist die Marke, die Qualität und Vertrauen transportiert.“ - Primavera
„Wir haben die Kriterien sehr anspruchsvoll angesetzt.“
Das Rezept ist einfach: Drei Tropfen Aloe-vera-Gel in die Handcreme rühren, ein tolles Foto der Wüstenpflanze auf den Tiegel drucken und dazu einen schönen Werbespruch erfinden. Etwa so: „Die Bio-Formel für sanfte Hände.“ Denn „natürliche“ Pflege verkauft sich gut. Der Markt für Naturkosmetik wächst seit Jahren, und das meist zweistellig. Kein Wunder also, dass viele, oft namhafte Hersteller, an diesem Erfolg teilhaben wollen und ihre konventionellen Produkte auf Natur und Bio schminken.
Verbraucherinnen derart anzuschmieren ist erlaubt, denn der Begriff „Naturkosmetik“ ist nicht geschützt. Sogar „Bio“ darf sich jede Lotion nennen. Denn die EU-weite Öko-Verordnung gilt ausschließlich für Lebensmittel. Um sich jedoch gegenüber solchen Trittbrettfah-rern abzugrenzen, entwickelten seriöse Naturkosmetikhersteller eigene Kriterien und Siegel – allerdings gleich mehrfach, was so manchen Verbraucher verwirrt.
Kontrolliert natürlich
Die ersten Richtlinien für Kosmetika erließen die Reformhäuser und der Demeter-Bund. Im Jahr 2001 startete dann der Branchenverband BDIH mit seinem Logo „Kontrollierte Naturkosmetik“. Es ist heute das bekannteste und am meisten genutzte Siegel in Deutschland. 2008 bekam es allerdings Konkurrenz aus den eigenen Reihen. Die führenden deutschen Naturkosmetikmarken Dr. Hauschka, Lavera, Logona, Primavera, Santaverde und Weleda gründeten den europaweiten Verband Natrue mit eigenen Kriterien und Logo. Sie reagierten damit auf verschiedene Probleme:
Einen Naturkosmetikstandard entwickeln heißt, Kompromisse einzugehen. Die Kriterien sollen streng sein, aber doch vielen Herstellern das Mitmachen erlauben und eine möglichst breite Palette von Produkten ermöglichen. Deshalb lassen die meisten Standards bestimmte chemische Verfahren zu, um aus pflanzlichen Rohstoffen gängige Kosmetikzutaten herzustellen. Dazu zählt etwa die Sulfatierung, bei der Fettalkohole und Schwefelsäure zu anionischen Tensiden (Fettalkoholsulfate und Cocosulfate) reagieren.
Außerdem dürfen einige naturidentische Konservierungsmittel eingesetzt werden. Dazu gehören Benzoesäure, Salizylsäure oder Sorbinsäure und ihre Salze. Diese Säuren kommen in der Natur vor, Sorbinsäure etwa im Samen der Vogelbeere. Es ist allerdings einfacher, sie auf chemischem Wege herzustellen.
Der BDIH-Standard war von Anfang an ein Mindeststandard, dessen Kriterien von vielen Herstellern überboten wurden. Weil in den letzten Jahren Produkte mit BDIH-Logo Discounter und Drogeriemärkte eroberten, wollen viele Markenhersteller den Kunden zeigen, dass sie mehr bieten als BDIH-Qualität. Die Natrue-Kriterien sind deshalb strenger als die des BDIH.
Wann ist Kosmetik bio?
Die Zutaten in Naturkosmetik sind zwar natürlich, stammen aber oft nicht aus ökologischem Anbau. Bei Wasser oder Mineralstoffen geht das sowieso nicht, weil sie keine landwirtschaftlichen Produkte sind.
Doch auch viele Heilkräuter, Öle oder Pflanzenextrakte müssen beim BDIH-Standard nicht verpflichtend bio sein. Das liegt daran, dass diese Zutaten beim Start des Logos vor zehn Jahren nicht breit in Bio-Qualität verfügbar waren. Deshalb schrieb man bio damals nur für ein Dutzend Standardzutaten wie Oliven-, Sonnenblumen- und Sojaöl, Ringelblume, Salbei und Brennnessel vor. Obwohl immer mehr Zutaten ausreichend in Bio-Qualität auf den Markt kamen, erweiterte der BDIH die Liste kaum.
Zahlreiche Hersteller erhöhten jedoch den Bio-Anteil in ihren Produkten kontinuierlich und wollten dies auch nach außen darstellen. Das führte dazu, dass Verbände und Zertifizierer aus dem Bio-Landbau wie Naturland, Lacon oder Ecocert eigene Standards entwickelten, die den Bio-Anteil der Zutaten berücksichtigten und den Herstellern eine entsprechende Auslobung ermöglichten.
Auch das Natrue-Logo in seiner ursprünglichen Form mit ein bis drei Sternen zeigte dem Verbraucher klar, wie hoch genau der Anteil an Bio-Rohstoffen ist. Der BDIH reagierte daraufhin und stellte Anfang 2009 Regeln auf, wann die Nutzer des BDIH-Logos ihre Produkte Bio nennen dürfen: Sobald 95 Prozent aller biofähigen Zutaten auch Bio-Qualität haben, darf das Produkt das Wort „Bio“ im Namen tragen. Wenn der Bio-Anteil geringer ist, können die Hersteller ihn in Prozent auf der Verpackung angeben.
Rohstoffe für Tenside
Unabhängig vom jeweiligen Logo stammen die pflanzlichen Rohstoffe für die Tenside und Emulgatoren wie Kokosöl, Palmöl und Zucker fast immer aus konventionellem Anbau. Denn es gibt nur wenige Hersteller, die diese Rohstoffe zu Tensiden verarbeiten. Entsprechend groß sind die Kapazitäten der Anlagen. Darin kleine Chargen von Bio-Rohstoffen zu verarbeiten, wäre extrem aufwendig und damit teuer. Weniger aufwendig wäre es, konventionelles Palmkernöl zu verarbeiten, das zumindest aus zertifiziert nachhaltig betriebenen Palmölplantagen stammt. Cognis, der Marktführer für pflanzliche Tenside, arbeitet an entsprechenden Angeboten.
Eine EU – ein Logo?
Jedes größere EU-Land hat ein oder mehrere vor allem nationale Labels für Naturkosmetik − ob Ecocert und Cosmebio in Frankreich oder Soil Association in Großbritannien. Für große Naturkosmetikmarken, die in viele Länder exportieren, ist das schwierig. Sie können auf ihre Verpackungen nicht fünf oder mehr Logos drucken lassen. Einheitliche EU-weite Kriterien sollen nach Ansicht der Natrue-Gründer für Abhilfe und mit einem einheitlichen Logo für Klarheit sorgen.
Inzwischen haben sich die wichtigsten nationalen Logos wie BDIH, Ecocert und Soil Association nach sechs Jahren Diskussion auf einen europäischen Mindeststandard für Naturkosmetik, abgekürzt COSMOS, geeinigt. Allerdings soll er nicht als eigenes Logo in Erscheinung treten. Er regelt lediglich, unter welchen Bedingungen auf der Verpackung auf COSMOS Bezug genommen werden darf. Die Logos von BDIH,
Ecocert und anderen nationalen Organisationen werden also erhalten bleiben. Das Natrue-Logo prangt bislang nur auf rund 500 Produkten. Mehrere Firmen lassen gerade ihre Sortimente zertifizieren.
Auf manchen Kosmetika werden künftig BDIH- und Natrue-Logo friedlich nebeneinanderstehen. Es wird also in Deutschland in absehbarer Zeit zwei große Siegel für Naturkosmetik geben. Auch die kleineren Logos werden versuchen, ihre Stellung zu halten. Das macht es für die Verbraucher nicht einfacher.
Gemeinsam ist allen Naturkosmetik-Siegeln, dass die Nutzer ein strenges Kontrollverfahren durchlaufen müssen. Dabei prüft ein externer Zertifizierer nicht nur die eingereichten Rezepturen und den Einkauf der Zutaten, sondern kontrolliert auch die Produktion selbst, meist einmal jährlich. Ändert der Hersteller die Rezeptur, muss er dies dem Zertifizierer mitteilen, der dann die neuen Zutaten begutachtet. Die meisten Systeme zertifizieren nicht nur fertige Produkte, sondern auch einzelne Zutaten wie etwa Kräuterextrakte, Creme-Grundlagen oder Tensidmischungen.
Gemeinsam ist allen so zertifizierten Naturkosmetika, dass sie auf petrochemische Zutaten mit ihren problematischen Stoffen verzichten. Dazu zählen allergisierende Konservierungsmittel genauso wie Farbstoffe, hormonell wirksame UV-Filter oder künstliche Duftstoffe, die sich in der Muttermilch anreichern. Auch gentechnisch veränderte Organismen sind unerwünscht. Und wenn Bio draufsteht, sollen reichlich Bio-Zutaten drin sein. Kurz gesagt: Alle kontrollierten Siegel verlangen von Naturkosmetik sehr viel mehr als drei Tropfen Aloe-vera-Gel.
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