Wohlfühlen - Wechseljahre
Gemeinsam geht es besser
Die Zeit ist reif, die Wechseljahre aus der Tabuzone der Gesellschaft zu holen. Wer sich mit anderen Frauen austauscht, kann Ballast abwerfen und in eine Lebensphase mit vielen Freiheiten durchstarten. // Martina Petersen
Hanna geht in letzter Zeit bei jeder Kleinigkeit an die Decke. Als eine Freundin sie vorsichtig fragt, ob sie schon in den Wechseljahren sei, ist Hanna gekränkt: Nimmt sie jetzt schon die Freundin nicht mehr ernst? Petra kann nachts schlecht schlafen und erlebt ihre ersten Hitzewallungen, die ihr vor den Kollegen extrem peinlich sind. Wenn sie morgens so gerädert aus dem Bett steigt – wie soll sie da ihr Pensum im Job schaffen? Und Brigitte traut sich wegen ihrer starken Monatsblutung kaum noch aus dem Haus. Wenn all diese Symptome bei ihnen den Beginn der Wechseljahre einläuten – wo soll das bloß hinführen?
Gemeinsam lachen
Zwanzig Frauen zwischen Anfang 40 und Anfang 50 sind ins Hamburger Frauenberatungszentrum zum Infoabend „Wechseljahre – Wandelzeit“ gekommen. Heilpraktikerin Marita Zadra bricht das Eis, indem sie vom eigenen Erleben der Wechseljahre erzählt. Es dauert nicht lange, bis gemeinsam gelacht wird. „Viele Frauen sind verunsichert, weil die Wechseljahre von vielen Medien und auch Ärzten in die Krankheitsecke gestellt werden“, sagt Marita Zadra. „Wenn uns ständig nahegelegt wird, dass wir jetzt behandlungsbedürftig sind, dann können wir dieser neuen Lebensphase kaum entspannt oder gar neugierig begegnen.“
Was heute von der Pharmaindustrie als Hormon„mangel“ definiert wird, sahen unsere Großmütter noch als natürlichen Prozess des Alterns an. Doch sie lebten auch nicht in einer Gesellschaft, in der vor allem Leistung und ewige Jugendlichkeit zählen. Die Tabuisierung der Wechseljahre führte dazu, dass uns viele Informationen gar nicht erreichen. Wer weiß schon, dass ein Drittel aller Frauen völlig beschwerdefrei durch die Wechseljahre kommt, ein weiteres Drittel sich nur mäßig beeinträchtigt fühlt und nur 30 Prozent der Frauen unter stärkeren Beschwerden leiden? Wem ist klar, dass sich der hormonelle Umstellungsprozess über mehr als zehn Jahre hinzieht und in Phasen mit ganz unterschiedlichen Symptomen gliedert?
Auf und Ab der Hormone
In der „Prämenopause“, die zwischen dem 40. und 45. Lebensjahr einsetzt, ist der Zyklus noch regelmäßig. Da sich das Hormon Progesteron langsam verabschiedet, kommt es sogar zum Östrogenüberschuss – PMS-Symptome und starke Blutungen können die Folge sein. Ein unregelmäßiger, häufig kürzerer Zyklus weist auf schwindendes Östrogen hin, jetzt können Hitzewallungen und Schlafstörungen auftreten. Rund um das 51. Lebensjahr erleben die meisten Frauen in Europa ihre letzte Menstruation. In der „Postmenopause“ werden die Schleimhäute trockener, die Knochendichte verringert sich. Für viele Beschwerden hält die Alternativmedizin Mittel bereit – doch es gibt kein Patentrezept. Die Behandlungswege sind so individuell wie die Frauen selbst.
„Wohlfühltage“ nennt Wechseljahres-Beraterin Dorli Lechner ihre Tages-Seminare für Frauen ab 40. „Viele Frauen fühlen sich beim Frauenarzt mit ihren Fragen nicht gut aufgehoben. Allzu oft werden sie da noch mit Hormonen abgespeist“, sagt sie. „Dabei haben die Frauen jetzt großen Gesprächsbedarf und brauchen Raum für ihre Gefühle.“ Schließlich finden in den meisten Frauenleben in dieser Zeit tief greifende Umwälzungen statt: Die Kinder verlassen das Haus, die Eltern werden pflegebedürftig, die Partnerschaft kommt in die Jahre. Vielleicht ist auch im Beruf längst die Freude auf der Strecke geblieben. Ist es da nicht logisch, dass die Gefühle auch mal Achterbahn fahren? „Für die meisten Frauen ist es eine Riesenerleichterung, sich in der Gruppe zu spiegeln und festzustellen: Ich bin ja gar nicht verrückt geworden“, sagt Dorli Lechner.
In Holland werden bereits seit zehn Jahren Beraterinnen speziell für die Wechseljahre ausgebildet. Oft übernehmen dort die Kassen die Kosten für die Weichenstellung in der Lebensmitte. Wechseljahres-Beraterinnen zeigen auf, dass den meisten Beschwerden schon mit Ernährungsumstellung, Bewegung und Entspannungstechniken beizukommen ist.
Gemeinsam Lebenserfahrung nutzen Marita von Krosigk, Heilpraktikerin für Psychotherapie in Hamburg, bietet eine Selbsterfahrungsgruppe für Frauen ab 44 Jahren an. „Viele Frauen nehmen jetzt zum ersten Mal wahr, dass ihre Kräfte schwinden“, sagt sie. „Das kann traumatisch sein. Es kann aber auch der Beginn davon sein zu lernen, endlich einmal nein zu sagen.“
Gemeinsam finden die Frauen heraus, wie sie ihre Kraft auf die neuen Ziele fokussieren und wie sie dabei ihre Lebenserfahrung nutzen können. Die Wechseljahre sind keine Endstation – vor den Frauen liegen heute gut und gern 30 weitere Lebensjahre! Richtig schlecht – da sind sich die Expertinnen einig – geht es in den Jahren des Umbruchs langfristig nur den Frauen, die das Älterwerden verleugnen und sich zurückziehen. Der Austausch mit anderen hingegen lässt das Selbstbewusstsein wachsen. Ein erster Schritt kann schon sein, der Freundin zu offenbaren: „Ja, ich bin in den Wechseljahren!“
Natürlich zurück ins Gleichgewicht
Hormonyoga
Die Brasilianerin Dinah Rodrigues kombinierte spezielle Yoga-Übungen mit der intensiven Blasebalg-Atmung. Tägliches Training der anspruchsvollen Übungsreihe soll die körpereigene Hormonbildung reaktivieren.
Homöopathie
Lachesis, Pulsatilla und Sanguinaria sind nur einige der bei Hitzewallungen bewährten Frauenmittel, die anhand individueller körperlicher und seelischer Stimmigkeit gewählt werden.
Naturheilkunde
Salbeitee wirkt kühlend, Hopfen beruhigt, Ginseng stärkt und Frauenmantel harmonisiert. Mönchspfeffer und Yamswurzel helfen in der Prämenopause, Trauben-Silberkerze und Rotklee wirken bei Östrogenmangel.
Akupunktur
Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen oder Gelenkbeschwerden lassen sich erfolgreich mit Akupunktur und chinesischen Tees behandeln.
„Das Alter ist bei uns ein sehr weibliches Thema“
Medizin-Psychologin Dr. Beate Schultz-Zehden forscht u.a. über die Wechseljahre. Sie arbeitet am Referenzzentrum Mammographie Berlin und in freier Praxis.

Gibt es Kulturen, in denen Frauen ihre Wechseljahre positiver als bei uns erleben?
Dort, wo Frauen durch ihr Alter eine Aufwertung in der Gesellschaft erfahren, spielen die Wechseljahre und die Wahrnehmung der Beschwerden keine so große Rolle. Die Maya-Frauen in Südamerika beispielsweise beschreiben ihre Menopause deutlich positiver, weil die ältere Frau in der dortigen Kultur hoch angesehen ist. Auch in Asien spielt die Menopause eine geringere Rolle, sie ist nur ein Baustein im Prozess des Alterns. In Japan existierte der Begriff „Wechseljahre“ lange überhaupt nicht. Man führt auf die sojareiche Kost zurück, dass Asiatinnen weniger über Hitzewallungen klagen. Im europäischen Durchschnitt sind 80 Prozent der Frauen betroffen, in Japan maximal 40 Prozent.
Lassen sich bestimmte Symptome der Wechseljahre objektivieren?
Hitzewallungen und vaginale Trockenheit sind die einzigen primären Symptome, die durch die hormonelle Umstellung bedingt sind. Alle anderen Symptome sind eher Befindlichkeitsstörungen, die sich aus dem Umbruch der Psyche ergeben. Depressionen, Nervosität, erhöhte Reizbarkeit oder sexuelle Veränderungen kann man also eher als ein Kulturphänomen ansehen.
Was können Frauen aus dem Vergleich mit anderen Kulturen lernen?
Es ist wichtig, dass Frauen lernen, sich nicht vom Älterwerden in die Knie zwingen zu lassen, sich nicht selbst abzuwerten oder von der Umwelt abwerten zu lassen. Das Alter ist bei uns ein sehr weibliches Thema: Ältere Männer werden nicht so abgewertet. Frauen müssen sich aufgrund ihrer Biologie nicht nur viel eher mit dem Thema auseinandersetzen, sondern auch damit klarkommen, dass sie durchschnittlich fünf Jahre länger als Männer leben.
Sehen Sie bei uns momentan eine Veränderung, weil eine selbstbestimmte Frauengeneration in die Jahre kommt?
Auf jeden Fall. Diese Frauen stehen über ihren Beruf im öffentlichen Leben und verschwinden nicht mit dem Ende ihrer Gebärfähigkeit in der Unsichtbarkeit. Außerdem lassen sich heute sehr viele Frauen nicht mehr auf eine unreflektierte Hormonsubstitution ein, weil sie darüber Bescheid wissen, dass diese negative Folgen haben kann. Sie suchen nach neuen Wegen. Frauen brauchen viel mehr Felder, wo sie auspacken und sich über ihre Störungen austauschen können. Sich zu vernetzen ist eine wichtige Voraussetzung dafür herauszufinden, was mir helfen kann.
Bücher und Links
Northrup, Christiane:
Weisheit der Wechseljahre.
Zabert Sandmann, 2005, 560 Seiten,
25,00 Euro
Daimler, Renate:
Wechseljahre– Wechselzeit.
Orlanda Verlag,
2008, 212 Seiten,
15,90 Euro
www.gfg-bv.de/kurse-beratung-kontakt.html
Infos über das bundesweite Netz von Wechseljahr-Beraterinnen der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung (gfg) und viele Informationen zum Thema Wechseljahrewww.frauengesundheitszentren.de
Übersicht über insgesamt 17 Frauengesundheitszentren bundesweit, die über Wechseljahres-Veranstaltungen informieren, Einzelberatung anbieten und über eine Frauenärzte-Kartei verfügenwww.dinahrodrigues.com.br
Auf dieser Webseite kann man sich einen ersten Eindruck vom Hormonyoga verschaffen. Bun-desweite Liste von Lehrerinnen: www.ggfyoga.de/Hormon%20Yoga.htmwww.ffgz.de
Webseite des Feministischen Frauen Gesundheitszentrums e.V. Berlin mit Seminar- und Kursangeboten. Möglichkeit, für 7,00 Euro die Broschüre „Wechseljahre – praktische Begleitung für diese Lebensphase“ zu bestellenAnmerkungen und Kommentare zum Artikel
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