Alles Bio Titel 09/2010 

Alles Bio - Heldengeschichte

Eine Heldengeschichte von echtem Schrot&Korn

Schrot&Korn. Wegen meines Namens werde ich immer wieder gehänselt, aber das ist mir egal. Da steh ich zu! Das hat Charakter. Wenn ich Ihnen heute – an meinem 25. Geburtstag – meine Geschichte erzähle, werden Sie verstehen, warum … // Gabriele Augenstein

Schrot&KornAls ich geboren wurde, waren die meisten meiner Eltern so alt wie ich heute. Ja, Sie lesen richtig, ich sage es bewusst: die meisten meiner Eltern. Denn … nun ja ... ich bin das Kind einer Jugendbewegung. An meiner Entstehung waren tatsächlich viele beteiligt, die diskutierten, visionierten, in Projekten arbeiteten und tatkräftig an einer besseren Welt bauten: Man nannte sie Hippies, Alternative, „Zurück aufs Land“-Bewegung ...

Während meine Großeltern schlicht froh waren, den Krieg überlebt zu haben und die Segnungen des Wirtschaftswunders genossen, machte sich in meinen Eltern bereits ein Unbehagen breit. Die ersten beiden Ölkrisen, die zunehmende Umweltverschmutzung sowie Konsum als (einziger) Lebensstil und Lebenssinn boten genug Anlass zu Besorgnis und Kritik. Gleichzeitig wussten sie, – sie hatten es ja erlebt – dass es möglich ist, eine Gesellschaft erfolgreich zu ändern. In den USA war da die Bürgerbewegung um Martin Luther King, die es geschafft hatte, die Aufhebung der Rassentrennung zu erwirken. In Deutschland hatte man damit begonnen, die Naziverbrechen aufzuarbeiten. England und Frankreich hatten sich aus ihren Kolonien zurückgezogen.

Nach dem Unbehagen in der Fülle des Wirtschaftswunders

Solche Beispiele befeuerten die Träume meiner Eltern von einem Leben, das die Natur nicht zerstört, sondern bewahrt und nicht auf Kosten anderer Menschen geht. Einige Leute im Umfeld meiner Eltern gingen in die Politik: die Geburt der Grünen. Andere bündelten ihre Kraft in Nicht-Regierungsorganisationen wie BUND, NABU und Greenpeace, die in den 70er-Jahren gegründet wurden oder enorm Auftrieb bekamen. Eine dritte Gruppe wagte das Abenteuer einer ökologischen Wirtschaft: Das waren unter anderem die Bio-Pioniere, die ersten Naturkost-Hersteller und Bio-Läden. Denen ging es darum, was man isst und woher das Essen kommt. Schließlich spielt Ernährung eine Schlüsselrolle. Ohne Essen geht gar nichts. Müsli, Joghurt, Äpfel, Möhren, Nüsse… bio, vollwertig, naturbelassen, fair und (für viele) vegetarisch sollte es sein.

Szene-Treffpunkt Bio-Laden. Wie essen wir „natürlich“?

Für die neue Szene war der Bio-Laden ein wichtiger Treffpunkt, hier gab es neben frischem Vollkornbrot, Büchern, Naturkosmetik und Öko-Waschmitteln auch die neuesten Nachrichten. Es herrschte Aufbruchsstimmung, man war begeistert, experimentierfreudig und neugierig. Allein – es fehlte an Wissen. Wie funktioniert biologische Landwirtschaft? Wie können wir uns vollwertig, vegetarisch ernähren? Wie leben wir nachhaltig? Was ist anders an Bio? Hier komme ich ins Spiel.

Schrot&Korn wurde ich getauft – denn Vollkorn spielte in der Bio-Szene eine Hauptrolle beim Essen. Außerdem war da noch die Bedeutung: „aus echtem Schrot und Korn“. Im Mittelalter, als die Münzfälscher Hochkonjunktur hatten, waren Münzen von echtem Schrot und Korn besonders gut angesehen. Schrot bezeichnete das Gewicht der Münze, ihren Edelmetallanteil ebenso wie den der unedlen Metalle. Das Korn ist das Feingewicht, das Gewicht des Edelmetalls. In Zeiten der Münzverschlechterung wurde der Edelmetallgehalt herabgesetzt. Die Redensart bezeichnet somit eine unverfälschte Münze – auf einen Menschen übertragen, also seinen aufrechten Charakter. Das gefiel meinen Eltern. (Von denen heute nur noch zwei bei mir sind: Sabine Kauffmann und Ronald Steinmeyer – das jedoch nur am Rande ...). Sie tauften mich also Schrot&Korn und schickten mich auf den Weg, echte, vertrauenswürdige Informationen über Öko-Landbau, Vollwerternährung und einen nachhaltigen Lebensstil unter die Leute zu bringen. Im September 1985 war es so weit: Die ersten 20 000 Exemplare von mir – der Zeitschrift Schrot&Korn – lagen in Bio-Läden aus. Heute habe ich jeden Monat eine Auflage von rund 700 000. Dazwischen lagen natürlich wichtige Stationen.

Tschernobyl: Wo kommt unser Essen her? Ist es verseucht?

Die erste große Herausforderung hatte ich schon ein Jahr nach meiner Geburt zu meistern: 1986 der Super-GAU in Tschernobyl. Was meine Eltern der Kernkraft immer Schlechtes zugetraut hatten, war passiert. Und es waren kaum Informationen verfügbar. Niemand wusste, ob man sich vor der radioaktiven Verseuchung schützen, was man noch essen konnte. Ich musste und wollte darüber berichten – glaubwürdig, sachlich, ohne zu beschönigen, aber auch ohne Panik zu schüren. Tage- und nächtelang recherchierte ich, wälzte Fachliteratur und rechnete Formeln. Konnte tatsächlich so wenig freigesetztes Caesium so viel Schaden anrichten? Wochen später wurden meine Berechnungen von offizieller Seite bestätigt.

Bio-Läden besorgten Geigerzähler. So konnte jeder messen, wie stark seine Lebensmittel radioaktiv verstrahlt waren. Viele neue Kunden fanden den Weg in die Bio-Läden. Die Leute wollten wissen, woher etwa die Milch stammt. Und diesen Herkunftsnachweis erbringen die Bio-Läden.

Im Laufe der Jahre wurde immer mehr Menschen klar, wie sehr die konventionelle Lebensmittelindustrie von furchtbaren Unlogiken geleitet ist. So förderte etwa die BSE-Krise zutage, dass an Wiederkäuer Fleisch verfüttert wurde. Die Liste haarsträubender Praktiken ließe sich unendlich fortsetzen: Ob Hormone und Antibiotika, die als Masthilfe oder vorbeugend gegen Krankheiten eingesetzt, im Grundwasser landen. Ob Pestizide oder etwa Hexan, das eingesetzt wird, um mehr Öl aus dem Ölkuchen zu gewinnen.

Eine weitere Hochrisiko-Technologie wie die Kernkraft ist die grüne Gentechnik, die ja das Erbmaterial von Tieren und Pflanzen verändert. Im Grunde ist sie eine Zauberlehrling-Technologie: Die Natur tendiert nun mal dazu, alles Bestehende in unvorhersehbare Richtungen weiterzuentwickeln. Und bisher konnte die Gentechnik ihr Versprechen, den Hunger der Welt zu stillen, nicht einhalten. Das Gegenteil ist der Fall. Das konnte ich so nicht hinnehmen. Wieder recherchierte ich Tag und Nacht: Was verspricht die Grüne Gentechnik, was sind die Fakten? Wer verdient an ihr? Wer sind die Verlierer? Und welche Wege muss die Landwirtschaft gehen, um nachhaltig die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren?

Notwendiger denn je: Ein naturbewahrender Lebensstil

Ich ruhte nicht, bis Zigtausende Genfood-nein-danke-Dossiers in den Bio-Läden auslagen. Sie wurden sogar als Unterrichtsmaterial in Schulen verwendet. Und Europa ist im Vergleich mit den USA, Kanada, Argentinien oder Indien ziemlich gentechnikfrei geblieben. Das ist sicher ein Erfolg der Anti-Gentechnik-Bewegung, doch wir müssen dranbleiben und ich bin sehr froh, dass sich immer mehr Menschen entscheiden, Bio zu kaufen. Denn solche Verbrechen am Lebensmittel finden bei Naturkost definitiv nicht statt.

Ich berichte für Menschen, denen es wichtig ist, die Natur zu bewahren; für alle, die eine Landwirtschaft fördern wollen, die das Gleichgewicht in der Natur respektiert; für Frauen und Männer, die wohlschmeckende, gesunde Bio-Lebensmittel essen wollen; für all jene, die so leben wollen, dass es ein Morgen gibt. Lesen Sie in mir jeden Monat neu, wie Sie in Ihrem Alltag und durch Ihr Essen einen Unterschied machen können.

Verlässlich, schnörkellos, übersichtlich

Schrot&Korn im Wandel der GeschichteName: Schrot&Korn – Das unabhängige Kundenmagazin des Naturkosthandels
Kernthemen: biologische Ernährung, Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung und nachhaltiger Lebensstil
Auflage: jeden Monat rund 700 000 Exemplare (Erstausgabe September 1985)
Eltern: Sabine Kauffmann und Ronald Steinmeyer
Geschwister: BioHandel – Magazin für den Bio-Fachhandel, cosmia – Kundenmagazin für Naturkosmetik, www.naturkost.de und www.schrotundkorn.de – Internetportale für alles rund um Bio.

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