Ökomode
Shoppen mit Renate Künast
Es kam so: Die Grünen-Politikerin Renate Künast hatte auf der Schrot&Korn-Veranstaltung „Bester Bio-Laden“ verkündet, sie warte noch darauf, Öko-Mode kaufen zu können, mit der sie vor dem Deutschen Bundestag auftreten kann. Wir hakten neulich nach, was denn aus der Idee geworden sei. Sie schlägt uns vor, zusammen den Modeladen „Wertvoll“ in Berlin zu besuchen. Das haben wir gemacht. // Ralf Bürglin, Text und Fotos
„Die Tasche ist scharf!“ Nach dem Motto „ein neues Accessoire belebt jedes Outfit“ greift sich Renate Künast erst mal die braune Ledertasche von Colette Vermeulen (100 Prozent Bio-Leder, handgenäht) „Aber wenn ich mit der jetzt nach Hause komme, sagt mein Freund: ‚Wir haben doch schon so viele Taschen ...’“
Als Geschäftsführerin Judith Finsterbusch eine zweite Tasche reicht (auch Colette Vermeulen – orangefarbenes Leder), gibt sich Renate Künast fast schon verloren: „Ich weiß schon was heute das größte Problem ist ... es ist das Taschenproblem!“ Renate Künast bemerkt gleich, dass das Leder nicht so weich ist, schlägt aber trotzdem vor, mal ein paar Schuhe hineinzulegen, um einen realistischen Trage-Look hinzubekommen. Sie hängt sich die Tasche um die Schulter und bewegt sich auf den Spiegel zu.
„Wo kommt denn das Leder her?“ will die Ex-Ministerin für Verbraucherschutz noch wissen. Das ist „Eco Pelle“ aus Süddeutschland“, informiert Monika Lesinski, die Co-Geschäftsführerin ist. Diese Antwort stellt Renate Künast zufrieden. Womit sie bei der Farbe ist. Das Dunkelbraun der ersten Tasche sagt ihr mehr zu. Das mache die Tasche „seriöser“, verleiht eine „klassische Anmutung“. Und sie vermutet, dass sich das dunkle Leder besser kombinieren lässt: Da könne sie auch mal ein rotes Jacket dazu anziehen.
Nachdem sich die gelernte Juristin Künast die Argumente für die braune Tasche schön zurecht gelegt hat, und schon alles klar zu sein scheint, wie sie sich entscheiden wird, behängt sie sich mit beiden Taschen und verkündet mit der Logik der shoppenden Frau (die der Autor wohl nie verstehen wird): „Unentschieden!“ Und noch einmal mit posendem Blick zum Fotografen: „Das Bild könnte heißen: Unentschieden!“ Und schon ist sie bei den Schuhen.
Die 55-Jährige greift – mutig – erst mal zu den pinken Sandaletten (Beyond Skin, England; vegan: aus Synthetik und Kautschuk; fair trade aus Portugal). Und schlüpft auch gleich hinein – Größe 39. Stakst los. Renate Künast verstellt sich nicht: „Wie man damit nur laufen kann!?“ fragt sie gleich zwei Mal. Und weiter: „Also, das hatten wir noch gar nicht.“ Und dann ist sie beim Journalisten und schlägt ihm vor, das auf Schrot&Korn zu bringen, als Ratebild: Wem gehören diese Füße? Und der Journalist ist sofort einverstanden: „Machen wir.“ Und während sich Renate Künast wackelnd durch den Raum bewegt, freut sich die Assistentin: „Wahnsinnsschuhe!“ Aber da lässt sich Künast nicht umgarnen: „Darauf zu laufen, ist ja viel zu kompliziert.“
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„Cowboystiefel muss es auch in öko geben. Cowboystiefel kommen jetzt absolut“, ist sich Künast sicher. Doch da muss Judith Finsterbusch sie ein wenig enttäuschen: „In Öko-Leder haben wir die zwar schon gefunden. Aber die waren nicht fair trade.“ Damit sind die Kriterien leider nicht erfüllt, um ins Sortiment von „Wertvoll“ aufgenommen zu werden. Dann schlüpft die Vorsitzende der Bundesgrünen eben in das nächste Schuhpaar von Beyond Skin: marineblau und mit flacherem Absatz (Es ist vegan und fair trade wie das erste Paar). „Wir arbeiten uns langsam von oben nach unten.“ Da fühlt sie sich schon wohler: „Darauf kann man noch laufen.“ Und sie vermutet, dass man mit derartigen Schuhen in bestimmten Situationen „eine andere Haltung einnimmt.“
Das nächste Stück wird ihr gereicht: eine schwarze Jacke einer französischen Firma mit dem kuriosen Namen g=8.9. Judith Finsterbusch preist deren Material an und scheint zu wissen, dass sie damit Neugierde und Verwunderung zugleich auslösen kann: „Aus Pinien-Viskose.“ - „Aus Pinien-Viskose?“ wird dann auch prompt zurückgefragt. Als Ausgangsmaterial dient Zellstoff, welcher seinerseits aus dem Holz von Pinien gewonnen wird. Fühlt sich „superweich“ an. Verkäuferin Finsterbusch meint: „Die trägt man offen. Man kann sie mit einer Brosche zumachen; aber am lässigsten ist es, wenn man sie offen hängen lässt. Man muss nur aufpassen, dass man nicht zu viel drunter hat, damit das nicht zu sehr knubbelt.“
„Und warum nicht das grüne Jacket?“, macht Künast eine Entdeckung an der Kleiderstange. Monika Lesinski nennt gleich Details: „Das ist von Banuq, einem italienischen Designer; 100 Prozent ökologische Baumwolle; pflanzlich gefärbt; Fair trade aus Äthiopien – die 36 müsste passen“. „Wie angegossen“, stellt Finsterbusch fest. Dazu jetzt den Schal, den Renate Künast selbst mitgebracht hat. Da befürchtet die Politikerin, dass „vor lauter Schal das Jacket gar nicht mehr zu sehen ist.“ Doch sie wird von Monika Lesinski beruhigt. Das grüne Jacket würde allein schon nur von hinten überzeugen. Künast schiebt den Schal zur Seite: „Ich muss ja schon sagen: Es ist mein Grün.“ „Ja“, sagt Finsterbusch, „ein frisches Grün, ohne dass es aufdringlich ist.“ Und dann holt die Berufsrednerin Künast zu einer kleinen Anekdote aus:
„Ich hab mal vor vielen, vielen Jahren einen Farbtest gemacht. In einem Ferienhaus in Portugal. Da hab ich dann zum ersten Mal verstanden, dass man darauf Acht geben muss, welche Farbe man trägt. Und dass eine Farbe, die man wunderschön findet, einem nicht unbedingt stehen muss. Bei Lippenstift fängt das ja schon an: affenscharfe Farbe, zu viel Blau drin. Da muss man Paloma Picasso sein, sonst geht das nicht. Und dann sagte ich zu meiner Bekannten: Aber ich finde diese und jene Farbe so schön. Ja das macht ja nichts, sagte sie. Dann kaufen Sie sich ein paar Kissen fürs Sofa in der Farbe, aber anziehen brauchen Sie sie ja nicht gleich.“
Renate Künast kombiniert noch mal die grüne Jacke mit dem grünen Schal von Banuq und der braunen Tasche. Während alle begeistert sind – „super“, „toll“, „das finde ich jetzt das allerbeste“ – wird es für einen Moment ganz still im Laden. Nur die Spatzen von der Marienburger Straße hört man noch durch die geöffnete Tür tschilpen. Und dann hat sie sich entschieden: „Also das ist doch alles irgendwie für mich gemacht.“ Ja, sie sieht aus, als wäre sie damit gekommen.
Die Gesamt-Ausbeute des 3/4-Stunden langen Besuchs lässt sich sehen: Grünes Jacket und grüner Schal von Banuq; Ledertasche (braun) von Colette vermeulen, Amsterdam; Pulli von Les racines du ciel; Schuhe in navy von Beyond skin. Renate Künast ist sichtlich stolz: „So geht das!“ Noch eben bezahlt und weg ist die schickste Prominente, die wir für Schrot&Korn je „gewinnen“ konnten. Nun sind wir gespannt, ob wir das eine oder andere Stück am Fernseher entdecken, wenn Frau Künast wieder im Deutschen Bundestag auftritt.
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