Schrot&Korn Titel 12/2011 

Begegnen - Interview

„Der Wohlstand hängt am seidenen Faden"

Mit seiner Postwachstumsökonomie entwirft der Ökonom Niko Paech einen Lebensstil, der der globalen Ressourcenverknappung begegnet und uns fit für die Zukunft macht.

Niko Paech

Herr Paech, von Ihnen stammt der Begriff "Postwachstums-ökonomie". Was verstehen Sie darunter?

In einer Postwachstumsökonomie wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das alle in Geld gehandelten Leistungen und Dienste einer Ökonomie pro Jahr misst, nicht mehr. Jede Zunahme des BIP ruft ökologische Schäden hervor. Will man die Ökosphäre entlasten, darf die Wirtschaft nicht mehr wachsen. Im nächsten Schritt ist sogar ein teilweiser Rückbau einzuleiten.

Heißt das, Sie plädieren dafür, die Wirtschaft abzubauen, sie zu demontieren?

Genau das bleibt uns nicht erspart. Aber dieser Rückbau betrifft vorwiegend die globalisierte Arbeitsteilung und kann abgefedert werden. Fest steht: Wenn in den nächsten Jahren Wirtschaft und Politik ihren Kurs beibehalten und die Menschen ihren konsum- und mobilitätsorientierten Lebensstil weiterführen, wird eine Postwachstumsökonomie so oder so unausweichlich: "By design or by desaster", wie es so schön heißt. Denn die Ressourcenbasis unseres Wohlstandes bricht weg. Die Begriffe Peak Oil, Peak Soil, Peak Everything markieren eine historisch einmalige Ressourcenverknappung.

Kritiker werfen Ihnen vor, es sei Panikmache, dass Erdöl und Anbauflächen knapp werden.

Die Verknappung ist eine kaum mehr bestrittene Tatsache, denn die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage nimmt zu. Sogar Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur, hat 2009 gesagt, wir müssten vier neue Saudi-Arabiens entdecken, um das bisherige Rohöl-Förderniveau aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig explodiert die Nachfrage – egal ob in Afrika, Asien oder Lateinamerika. Da sind neue Konsumenten, die sich ein Auto kaufen, ihre Ernährungsgewohnheiten radikal ändern, Einfamilienhäuser bauen und in den Urlaub fliegen wollen. Die Rohölträchtigkeit dieser nachholenden Entwicklung ist enorm.

Wenn wir mit wesentlich mehr Menschen als bisher um Rohstoffe konkurrieren müssen: Was sind die Konsequenzen?

Als Produktionswissenschaftler sehe ich jedes Objekt und jede Konsumaktivität als Ende einer Herstellungskette. Bilanziert man entlang dieser Kette, wie viel Öl jeweils nötig ist, wird sofort klar: Alles ist abhängig von fossilen und seltenen Rohstoffen. Unser Wohlstand hängt an einem seidenen Faden. Neben herannahenden Ressourcenkrisen zeigt das Subventions- und Schuldenchaos, wie sehr wir über unsere Verhältnisse leben.

Und warum soll es so wichtig sein, schon heute weniger zu verbrauchen?

Zunächst müssen wir – schon um der Rettung unserer ökologischen Lebensgrundlagen willen – das Wachstum überwinden. Klimaschutz auf Basis des derzeitigen Konsum- und Mobilitätsniveaus ist undenkbar. Außerdem geht es um Selbstschutz. Wer hoch fliegt, fällt umso tiefer, wenn die Treibstoffzufuhr stockt. Um für die Herausforderungen fit zu sein, muss unser Lebensstil robust, d. h. resilient werden. Nichts ist dabei wichtiger, als den Ballast materieller Abhängigkeiten abzuwerfen. Die Kunst der Reduktion, Suffizienz genannt, macht uns unverwundbarer und souveräner. Und wir müssen üben, unabhängig von Öl, Industrie und Geld sinn- und wertschöpfende Tätigkeiten zu verrichten, etwa durch Handwerk und eigene Nahrungsmittelproduktion – das ist der Subsistenzgedanke.

apl. Prof. Dr. Niko Paech

apl. Prof. Dr. Niko Paech
Niko Paech (50) ist Wirtschaftswissenschaftler und vertritt als außerplanmäßiger (apl.) Professor den Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg.

Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem im Bereich der Umweltökonomik und der Nachhaltigkeitsforschung. Von ihm stammt der Begriff "Postwachstums-ökonomie", ein visionärer, gleichzeitig konkreter Gesellschafts- und Lebensstilentwurf, der angepasst ist an die zukünftige, knappe Situation auf den globalen Rohstoffmärkten.

Eine seiner Aufgaben als Produktionswissenschaftler sieht er darin, unbequeme Wahrheiten über unser System auszusprechen und praktikable Lösungswege aufzuzeigen, die Politik, Wirtschaftsbetriebe wie auch Individuen gehen könnten.

Sein Plädoyer: weniger verbrauchen.

 

Wie würde denn ganz konkret das Leben in einer Postwachs-tumsökonomie aussehen?

Nehmen wir mal an, die Industrie schrumpft um 50 Prozent, dann halbiert sich die Erwerbsarbeit. Wenn wir diese gleichmäßig verteilen, hätte jeder durchschnittlich 20 Stunden. Gemessen am jetzigen Status quo wären also 20 Stunden frei, um moderne Subsistenzleistungen zu erbringen. Das Wichtigste ist der Nahrungsmittelanbau. Wenn es hart auf hart kommt, müssen wir essen, uns kleiden und brauchen ein Dach über dem Kopf. Häuser, Textilien und Konsumgüter gibt es im Überfluss. Wir könnten sie durch Eigenarbeit reparieren und aufwerten. Wenn sich deren Nutzungsdauer durch unser Zutun verdoppelt, reicht eine halbierte Produktion. Industrieproduktion würde nur noch dem sparsamen Ersatz nicht mehr reparabler Objekte dienen.

Sie rechnen damit, dass wir unsere Nahrungsmittel bald wieder selbst erzeugen müssen?

Wir könnten mit Gemeinschafts-, Balkon- und Schrebergärten alle Potenziale ausschöpfen, um subsistent Nahrungsmittel anzubauen. Der Rest käme aus der Region. Die Stadtökologie, der Klimaschutz und die Hydrologie würden profitieren. Aber Nahrungsanbau ist nur ein Aspekt: Wir könnten neben handwerklichen Fähigkeiten Tauschbeziehungen im sozialen Nahraum, am besten in der Kommune, reaktivieren. Du gibst mir etwas von deinen selbst erzeugten Nahrungsmitteln; ich nähe deine Textilien um, halte deinen Computer und dein Fahrrad instand. Weiterhin können wir viele Konsumgüter in kleinen Gruppen gemeinsam nutzen. Wie viel Geld und Ressourcen würde das sparen? Erst nach Ausschöpfung derartiger Potenziale kommen Unternehmen ins Spiel, die nur für das zuständig sind, was wir nicht durch moderne Subsistenz selbst hinbekommen.

Klingt nach einer interessanten, aber schwierigen Zukunft.

Gesellschaftlicher Wandel wird meist von Avantgardisten vorgelebt. Andere folgen, und nach Erreichen einer kritischen Masse kann eine soziale Dynamik einsetzen. So langsam das anfänglich auch gehen mag – eine Alternative ist nicht in Sicht.

Hätte die Politik hier nicht ebenfalls eine Verantwortung?

Zunächst wäre der skandalöse Subventionsdschungel zu durchforsten. Die Reduktion und Umverteilung von Erwerbsarbeit könnte gesetzlich erleichtert werden. Ein Bodenmoratorium könnte Neubauten, neue Straßen und Gewerbegebiete verhindern. Die Baubranche würde sich aufs Renovieren, Sanieren und den Rückbau von Infrastrukturen konzentrieren. Kohlekraftwerke, Industriegebiete, speziell Autobahnen und Flughäfen – die schlimmsten Klimakiller! – wären stillzulegen, damit Flächen frei werden für urbane Subsistenz und einen ökologisch verantwortbaren Ausbau der Erneuerbaren. Als politische Zielgröße einer Postwachstumsökonomie käme ein individuelles CO2-Budget von maximal 2,7 Tonnen pro Jahr in Betracht.


Warum ändern wir nichts, obwohl unser Überleben davon abhängt?

Trotz eines fast naiven Fortschritts- und Technikglaubens spüren wir, dass es so nicht weitergeht. Trotzdem machen wir weiter so – wider besseres Wissen. Um das zu verstehen, hilft die Logik des so genannten Partyeffekts.

Partyeffekt? Sie meinen unsere Konsumparty? Wir feiern und denken nicht an den Tag danach?

Ja. Das Fest, die Party, ist ein Ausnahmezustand. Dieser durchbricht das normale Leben als besondere Ausschweifung lediglich vorübergehend. Die Party ist etwas Besonderes, weil sie irgendwann zu Ende ist und der normale Alltagstrott wieder weitergeht. Keiner weiß, wie lange die Party genau dauert. Sie kann schon um Mitternacht zu Ende sein, erst um drei, oder um sechs Uhr morgens. Einerseits wissen das alle, andererseits lieben wir die Party. Deshalb würde niemand versuchen, vorsorglich um elf Uhr die Party zu beenden und frühzeitig nach Hause gehen. Stattdessen versucht man, die schöne Situation bis zum Schluss auszuschöpfen. Man beobachtet die Szenerie unter dem Aspekt, ob sich Aufbruchsstimmung breit macht oder ein anderes Signal darauf hindeutet, dass nun das Ende erreicht ist. Manchmal müssen erst die Polizei, der Hausmeister oder die ersten Sonnenstrahlen in Erscheinung treten, um den Spaß zu beenden. Meist ist es aber so, dass sich hinreichend viele Leute verabschieden, ihre Jacke suchen und so für Aufbruchsstimmung sorgen. Die ersten Signale dieser Art reichen aber noch nicht. Viele bleiben noch, dann legt der DJ vielleicht Stairway to Heaven oder Highway to Hell auf, und alle verbliebenen Partygäste toben sich nochmal aus. Irgendwann verabschieden sich weitere Personen, die wiederum weitere Personen dazu veranlassen, Aufbruch zu signalisieren. Wenn eine kritische Masse an Personen erreicht wird, die sich so verhalten, merkt jeder: Jetzt neigt sich die Party ihrem wirklichen Ende. Aber vorher unilateral aufzubrechen – es sei denn man hat besondere Gründe – würde ja bedeuten, sich freiwillig um den Genuss zu bringen, der ja noch bis zum (ungewissen) Schluss ausgekostet werden könnte. Folglich ist es kein Widerspruch, dass viele Menschen hartnäckig an etwas festhalten, von dem sie genau wissen, dass es absehbar beendet sein wird. Inmitten der großen Konsumparty tauchen in letzter Zeit häufiger Typen auf, die Aufbruchsstimmung erzeugen und beobachten, auf welche Resonanz dies trifft. Die ist noch nicht groß, aber das kann sich bald ändern, denn manche Partygäste schwächeln schon.

Was könnte Menschen überzeugen, sich schon jetzt von der Konsumparty zu verabschieden – solange die Öko-Systeme der Erde uns noch eine Chance auf Überleben bieten?

Nur die konsequent vorgelebte Praktik kann überzeugen. Wer hingegen Wasser predigt und Wein trinkt, verfehlt nicht nur jede Wirkung, sondern richtet Schaden an. Den Gipfel der Heuchelei hat die Nachhaltigkeitskommunikation inzwischen dort erreicht, wo sich Menschen regelrecht dafür bezahlen lassen, Praktiken und Systeme zu kritisieren, deren Vorzüge sie sich selbst angeeignet haben. Ich kann nicht über Klimaschutz reden, wenn ich gleich wieder im Flugzeug sitze. Eltern, Lehrer, Wissenschaftler, Umweltschutzaktivisten und andere Meinungsführer sind keine außenstehenden Beobachter, sondern aktiver, mitverantwortlicher Teil des Veränderungsprozesses, müssen also das, was sie an verantwortbaren Handlungsmustern predigen, auch so vorleben. Und überhaupt: Was ich unter Postwachstumsökonomie verstehe, setzt voraus, die damit kompatiblen Lebensstile als Übungsprogramm zu begreifen. Eine andere Strategie der Veränderung sehe ich nicht.

Gabriele Augenstein und Niko Paech

Inspiriert durch das Interview mit Niko Paech legte sich Schrot&Korn-Redakteurin Gabriele Augenstein einen Schrebergarten zu. Kürzlich säte sie ihren ersten eigenen Feldsalat aus. Dem schaut sie nun beim Wachsen zu.

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