Anzeige

Anzeige

Sommertomaten

Die Alleskönner

Wenn die Tomate erzählen könnte – wir würden glatt vergessen reinzubeißen. Denn sie hat auf ihrer 400 Jahre langen Weltreise mehr erlebt als manches andere junge Gemüse. // Sabine Kumm

-> Rezepte

TomatenZierpflanze, Hexenkraut und Aphrodisiakum – als die mexikanische Einwanderin mit Kolumbus nach Europa kam, konnte von Küchenkarriere noch keine Rede sein. Denn ihre Verwandtschaft mit „Hexenkräutern“ wie Tollkirsche und Bilsenkraut führte dazu, dass sie zunächst als giftig galt und in die Zierpflanzenbeete abgeschoben wurde.

Während die Azteken sie schlicht „Schwellfrucht“ („Tomatl“) nannten, gaben die Europäer ihr den lateinischen Namen „Lycopersicum“: „Wolfspfirsich heißen sie, weil sie den Augen zwar lieblich vorkommen, aber die Leute, so sie genießen, wie die Wölff töten können“, begründete der Arzt Valentini im Jahr 1719 die Bezeichnung. Dass die prallen, glänzenden Früchte der Tomate die Menschen dennoch faszinierten, beweist ihr Ruf als „Liebes-“ oder „Tollapfel“. In Frank-reich hieß sie „Pomme d’amour“ und an österreichischen Marktständen glänzte sie als „Paradeiser“, zur Erinnerung an Evas paradiesische Verführungskünste.

Den Italienern allerdings schien der schlechte Ruf der damals überwiegend gelben Tomate herzlich egal zu sein – Casanovas Landsleute verliebten sich Hals über Kopf in die delikaten Früchte und beförderten sie kurzerhand vom „Wolfspfirsich“ zum „Goldapfel“ – italienisch: „Pomodoro“. Ein Glück für ihre berühmte Küche, dass die Italiener in der Tomate schon bald die ideale Ergänzung zu Pizza und Pasta erkannten.

Im Jahr 1889 erschien die Tomate zu einer Audienz besonderer Art: Die italienische Königin Margherita ließ sich in Neapel eine Pizza mit roten Tomaten, Basilikum und Mozzarella servieren, die fortan als typisch italienische „Pizza Margherita“ weltweit Karriere machte. Fast zeitgleich ging der Amerikaner Henry John Heinz mit seiner roten Würzsoße „Tomato Ketchup“ in die Massenproduktion. Denn auch in Übersee hatten Tomatenpioniere wie der dritte Präsident Thomas Jefferson schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Werbetrommel für das vielseitige Gemüse gerührt.

Langsam, aber gewaltig

Nach dem ersten Weltkrieg erlangte die Tomate endgültig Hollywood-Reife. In den 70er-Jahren gab sie die „Killertomate“ in der gleichnamigen Trashfilmreihe, in der zur Abwechslung die Menschen von monströsen Tomaten verschlungen wurden. Ihrer wachsenden Beliebtheit tat der Ausflug ins Filmgeschäft – und die Zusammenarbeit mit einem sehr jungen George Clooney – zum Glück keinen Abbruch. „… tiefgründig, unerschöpflich bevölkert sie die Salate …“, schrieb Literatur-Nobelpreisträger Pablo Neruda und schwärmte von ihrer „bemerkenswerten Üppigkeit“. Mancher Amerikaner kaschierte in Zeiten der Prohibition mit kräftig gewürztem Tomatensaft den verbotenen Schuss Wodka in seiner „Bloody Mary“ – und gerade Flugreisende bestellen ihn, ohne alkoholische Zutat, noch heute schlicht zur Beruhigung ihrer gestressten Magennerven.

Luftige Höhen scheinen der Tomate ohnehin im Saft zu liegen – schließlich dient sie, fliegenderweise und in leicht angefaultem Zustand, nicht selten als Gradmesser für den Wert kultureller Ereignisse und öffentlicher Reden. Doch damit nicht genug: Ginge es nach der European Space Agency (ESA), würden

Tomaten bald auch in den ersten menschlichen Kolonien auf dem Mars angebaut. Neben Reis, Zwiebeln, Soja, Kartoffeln, Kopfsalat, Spinat und Weizen soll sie dort für irdische Heimatgefühle sorgen.

Tomate am Wendepunkt

Vorerst reist die begehrte Frucht jedoch noch rund um unseren Globus – die weltweite Tomatenernte liegt jährlich bei um die 90 Millionen Tonnen. Wer im Winter Import-Tomaten essen will, muss damit rechnen, dass die Früchte grün geerntet wurden und erst am Bestimmungsort nachreifen. Konventionelle Anbieter begasen sie zu diesem Zweck mit Ethylen und setzen oft verschiedene Pestizide gleichzeitig ein. Grund genug für die Deutschen, ihr Lieblingsgemüse immer öfter chemiefrei im Bioladen einzukaufen. Die Zahlen sprechen für sich: Bis Ende April 2007 wurden in den Bioläden bereits 28 Prozent mehr Tomaten und 70 Prozent mehr Strauchtomaten verkauft als noch im Vorjahreszeitraum.

Ketchup erlaubt

Dass in der Tomate mehr steckt als Aroma, zeigt ein Blick in die Liste ihrer Inhaltsstoffe: Neben Vitamin C und B-Vitaminen, Folsäure und einem beachtlichen Gehalt an Kalium, beherbergt die Tomate auch noch Phosphor, Magnesium, Kalzium, Natrium und Selen unter ihrer glänzenden Schale. Nicht zu vergessen die Carotinoide, unter denen das Lycopen als einer der wirksamsten Radikalenfänger eine Sonderstellung einnimmt. Interessant für Ketchup-Anhänger: verarbeitete, gekochte Früchte enthalten zwar weniger Vitamine, aber eine deutlich höhere Lycopen-Konzentration.

Schneewittchen, Tigerella und Gärtners Wonne

Nur zwei Dinge kann man nicht kaufen: wahre Liebe und Tomaten aus dem eigenen Garten, sang John Denver. Die gute Nachricht: Jeder kann Tomaten ziehen! Und mit der Ernte zieht die Liebe ein.

Kirschtomaten

Himbeerrose: Die roten Früchte reifen früh. Durch ihren ausladenden Wuchs eignen sie sich besonders gut als Kübelpflanze.

Gärtners Wonne: Die beliebteste englische Sorte ist aromatisch, saftig und äußerst ertragreich.

Gelbes Birnchen: Die Buschtomate hat gelbe Früchte wie Mini-Birnen. Sie ist säurearm, dünnschalig und sehr ertragreich.

Lylia: Die Pflanze trägt Trauben kirschgroßer, dünnschaliger, roter, sehr süßer Früchte.

Cherry Black: Die reichtragende Cherrytomate hat dunkelrote bis schwarze Früchte. Sie schmeckt sehr aromatisch.

Schneewittchen: Die hellgelben bis elfenbeinfarbenen Früchte schmecken würzig. Die späte Sorte trägt auch noch im September.

Mittelgroße Tomaten

Hellfrucht: Die häufig verwendete, ertragreiche Sorte mit den roten Früchten ist besonders wuchsfreudig und robust.

Tigerella: Die rote Frucht hat gelbe Streifen, schmeckt fruchtig frisch und ist widerstandsfähig.

Goldene Königin: Sie hat runde, goldgelbe Früchte und ist eine der ältesten in Deutschland ununter-brochen angebauten Sorten.

Fleischtomaten

Brandywine: Die alte amerikanische Sorte schmeckt aromatisch, ist ertragreich und widerstandsfähig.

Russische Schwarze: Die alte russische Sorte trägt dunkelrote bis braune Früchte, die süß und saftig schmecken.

Zahnradtomate: Die wohlschmeckenden Früchte sind stark gerippt. Ihre dekorativen Scheiben erinnern an Zahnräder.

Kommentare

Kommentar­bild via Gravatar
Norbert Beier
Ein sehr interessanter Artikel für alle Tomatenfans!



Noch ein kleiner Tipp vom Bio-Gärtner und Züchter: Die Stabtomate "Auriga" mit ihren orangefarbenen Früchten ist sehr reich an Karotin, der Vorstufe des Vitamin A. Normal enthalten Tomaten 0,3 mg je 100 g Frischsubstanz. Auriga enthält 4 - 6 mg Karotin, also soviel wie Möhren.(Ich persönlich finde, dass Tomaten einfach köstlicher schmecken als Möhren.) An dieser Züchtung war ich 1976-78 maßgeblich beteiligt. hierüber schrieb ich meine Diplomarbeit. Auriga gibt es bei der Saatzucht Quedlinburg


szmtag