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Interview

„Wir brauchen keine Förderung für Massentierhaltung!“

Als Deutschlands oberste Verbraucherschützerin vertritt sie eine klare Meinung: Prof. Dr. Edda Müller, Vorstand des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen ist gegen Verschleierung bei Genfood. //Text: Martin Fütterer, Fotos: Anja Weber

Versteht nicht, warum Unternehmen so ungern klare Angaben über Produkteigenschaften machen. Nur eine klare Kennzeichnung schaffe Wachstum für Qualitätsprodukte: Prof. Dr. Edda Müller.

? Alle sprechen von der Macht der Verbraucher – gibt es sie denn wirklich?

! Ein gutes Beispiel war der Boykott der Waren aus Südafrika durch westliche Verbraucher, solange dort noch Apartheid herrschte. Ich bin sicher, dass er erheblich zum Zusammenbruch des Regimes beitrug. Verbraucher können ihre Macht aber nur ausüben, wenn sie die Produktherkunft, die Eigenschaften und die Umstände der Produktion am Produkt klar erkennen können.

? Ist das bei Genfood gegeben?

! Nein. Der größte Teil der gentechnisch veränderten Produktion ist ja Tierfutter. Auf den Produkten muss aber nicht gekennzeichnet werden, wenn die verarbeiteten Tiere Genfutter bekommen haben.

? Da besteht vielleicht auch keine unmittelbare Gesundheitsgefahr, im Endprodukt ist ja keine Gentechnik drin, zumindest nicht nachweisbar.

! Unmittelbare Gesundheitsgefahr ist nur einer der Aspekte, über die Verbraucher entscheiden wollen und zu entscheiden ein Recht haben.

? So wie der südafrikanische Apfel nicht gesundheitlich, sondern politisch bedenklich war…

! Exakt. Genfood lehnen Verbraucher aus folgenden Gründen ab: Weil es gesundheitlich gefährlich sein könnte, weil sie nicht wollen, dass genmanipulierte Pflanzen unwiderruflich in die Umwelt gelangen. Auch religiöse und weltanschauliche Gründe spielen eine Rolle, wenn Verbraucher nicht unterstützen wollen, dass an natürlichen Erbanlagen herumgeschraubt wird. Schließlich gibt es Verbraucher, die nicht unterstützen wollen, dass die Landwirtschaft noch abhängiger von wenigen Industriekonzernen wird. Um in all diesen Fällen entscheiden zu können, muss jeglicher Kontakt mit Gentechnik bei der Lebensmittelproduktion am Produkt klar erkennbar sein.

? Sozusagen umgekehrt wie beim Bio-Siegel?

! Seit es eine klar erkennbare und einheitliche Kennzeichnung von Bio und eine staatliche Kontrolle gibt, ist Bio auf dem Vormarsch in alle Vermarktungskanäle. Der Discounter Lidl hat nun die Absicht bekannt gegeben, 20% seines Umsatzes mit Bio zu machen. Noch vor wenigen Jahren hat man Renate Künast für solche Ziele ausgelacht. Abgesehen davon ist das Biosiegel ein klares Kennzeichen dafür, dass keine Gentechnik im Spiel ist.

? Wird es denn den Bioprodukten gut tun, wenn sie im Discounter angeboten werden?

! Das ist eine Frage der Verfügbarkeit. Als viel beschäftigte Frau muss ich - ebenso wie vermutlich viele Verbraucherinnen und Verbraucher - alle meine Besorgungen am Samstag erledigen. Zusätzliche Wege fallen mir schwer. Hier in Berlin habe ich noch den Vorzug, in einen gut sortierten Bio-Supermarkt gehen zu können. Auf dem Land sind die Discounter oft die einzige verbliebene Einkaufsquelle für Lebensmittel. Also muss es auch dort Bio geben.

? Was machen wir, wenn Biobauern aufgeben, weil sie nicht mehr genug verdienen?

! An der Stelle müssen die Förderungen greifen. Wir brauchen die Bauern nicht nur als Produzenten, sondern auch als Pfleger der Landschaft, der Natur und das Bodenfruchtbarkeit.

? Horst Seehofer sind diese Förderungen zu hoch. Seiner Ansicht nach werden Bio-Bauern bevorzugt und dagegen will er etwas tun.

! Ein Landwirtschaftsminister, der seinen Job versteht, sollte sich eine solche Botschaft verkneifen. Wir müssen insgesamt von den Subventionen runter, aber vor allem von den Subventionen, die ein Überangebot industrialisierter Agrarprodukte fördern. Wir brauchen keine Förderung der Massentierhaltung. Hingegen ist es in unser aller Interesse, eine Produktionsweise zu fördern, die weniger Masse aber mehr Klasse hervorbringt, einen höheren Bedarf für Arbeitskräfte hat und die Natur kultiviert anstatt sie zu belasten. In der ganzen EU ist man sich darüber einig, und ausgerechnet der deutsche Landwirtschaftsminister schert hier aus. Er macht nur denjenigen Hoffnung, die zu den alten Zuständen zurückwollen: Massenproduktion mit garantierten, subventionierten Abnahmepreisen, Milchsee und Butterberg.

? Gentechnik schaffe Arbeitsplätze…

! Ein Mais, der sein Pestizid selbst produziert, muss nicht gespritzt werden – Arbeit gespart, Arbeitsplätze vernichtet. Abgesehen davon gefährdet Agrargentechnik massiv die Arbeitsplätze all der Bauern, die gentechnikfrei anbauen und vermarkten wollen. Lebensmittelhersteller haben ja schon angedroht im gentechnikfreien Ausland zu produzieren, wenn die Union ihre Gentechnikgesetze durchsetzen sollte.

? Dafür soll es ja nun einen Haftungsfonds geben…

! Damit öffnet Seehofer dem massenhaften Genanbau Tor und Tür und geschädigt werden die gentechnikfreien Bauern und die Verbraucher. Leider kommt es vielleicht noch schlimmer…

? Inwiefern?

! Nachdem die USA, Kanada und Argentinien vor der WTO schon erfolgreich gegen das Importverbot der EU geklagt haben, ist nun eine Klage zu befürchten, derzufolge auch das Kennzeichnen von Genfood eine Handelsbeschränkung sei und deswegen verboten werden müsse. Es geht allein um die Interessen der Angebotsseite. Die Nachfrageseite, also die Verbraucher, soll durch Verschleierung ausgetrickst werden.

? Wie kommt es überhaupt dazu, dass zwei mit einigen zigtausend Mitarbeitern eher kleine Konzerne der ganzen Welt Produkte aufzwingen können, die keiner will, und dass sich Politiker dafür einspannen lassen?

! Sie haben es vor allem geschafft, sich in den USA durchzusetzen. Dort sind bereits jetzt 85 Prozent der angebauten Sojabohnen, 76 Prozent der Baumwolle und 45 Prozent des Mais aus gentechnisch veränderter Produktion. Da die amerikanischen Bauern auf dem Weltmarkt praktisch nur noch Genfood anbieten können, sorgt ihre Regierung wohl dafür, diese Produktqualität auf der ganzen Welt zu legalisieren und Beschränkungen zu verbieten. Da wir unsererseits gerne in die USA exportieren wollen, sind wir bzw. unsere Politiker erpressbar.

? Hat Agar-Gentechnik überhaupt irgendeinen Nutzen?

! Worum es tatsächlich geht, das zeigt die Einwegpflanze: Sie keimt nur einmal und bildet keinen keimfähigen Samen. Der Bauer kann kein neues Saatgut daraus gewinnen. Er muss für jede Ernte neues Saatgut bei den Konzernen kaufen.

Dachorganisation des Verbraucherschutzes

Verbraucherzentralen sind Teil des staatlichen Verbraucherschutzes und werden von den Ländern finanziert. Die Mittel dafür sind in den letzten Jahren knapper geworden. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen vereint nicht nur die Verbraucherzentralen unter einem Dach, sondern hat auch die Arbeiterwohlfahrt, den Bunde der Energieverbraucher und viele andere private Verbraucherorganisation als Mitglieder. Prof Dr. Edda Müller ist seit der Gründung des Bundesverbandes Vorstand. Zuvor war sie unter anderem Ministerin für Natur und Umwelt in Schleswig-Holstein und Leiterin Klimapolitik des Wuppertaler Instituts für Klima Umwelt und Energie. Sie ist Vizedirektorin der Europäischen Umweltagentur in Kopenhagen und Mitglied des Verwaltungsrates der Stiftung Warentest.

Jede Menge Ratgeber

Unter www.ratgeber.vzbv.de bietet der Bundesverband der Verbraucherzentralen zahlreiche Ratgeber. Schlankmacher, Erbrecht, Sozialleistungen, Krankenkassen, Schule, Handys, Textilien und Schmerzen sind nur einige der vielen Themen.

Kommentare

Kommentar­bild via Gravatar
Erika Bursch
Danke Frau Prof. Dr. Edda Müller für diese mutigen Worte.

Wir haben in Minister Seehofer leider keinen Verbraucherschützer sondern einen Lobbyisten der Chemiindustrie gewählt. Bleiben Sie weiter standhaft und aktiv, mein Vertrauen haben Sie!

Gruß, Erika Bursch

szmtag